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Liebe Heimatfreunde!

Aus Leitgedanken zur Heimatkunde des Wiggertals von Josef ZihlmannLiebe Heimatfreunde!
Aus Leitgedanken zur Heimatkunde des Wiggertals von Josef Zihlmann
Neben seinen zahlreichen andern Aufgaben – von einigen war in den beiden letzten Nummern bereits die Rede – leitete Josef Zihlmann von 1967 bis 1982 die Heimatvereinigung Wiggertal, Herausgeberin der Jahrbücher – Heimatkunde des Wiggertals. Triebfeder für Zihlmanns Einsatz in der Heimatvereinigung, schreibt ein Kenner, sei «in erster Linie seine tiefempfundene Liebe zur angestammten Heimat» gewesen. «Die natürliche und tiefgründige Verbundenheit mit den hier beheimateten Menschen manifestierte sich eindrücklich in seinem steten und auch erfolg-reichen Bestreben, die etwas verschlafenen und fast vergessenen Dörfer und Orte in der voralpinen Hügelzone aus ihrer Abgeschiedenheit herauszuholen und das Selbstbewusstsein ihrer Bewohner zu stärken… Im Zentrum von Zihlmanns Bemühungen stand nicht minder eine heute als selbstverständlich erachtete wirtschaftliche Erstarkung der abseits der grossen Verkehrsstränge und am Rande der modernen Entwicklung liegenden Landschaft. Dazu kamen die Erhaltung und Pflege eines gesunden Lebensraumes und einer intakten Umwelt.» (Alois Häfliger, in: Leben für das Hinterland. Josef Zihlmann – Seppi a de Wiggere. 1914–1990. Buchverlag Willisauer Bote 1995, S. 230)

Die Nummer 3 der MITTEILUNGEN wird im August verschickt; deshalb lasse ich den «Heimatfreund» Josef Zihlmann zu Worte kommen. Jahr für Jahr hat er für das Jahrbuch der Heimatvereinigung eine einleitende Betrachtung geschrieben. Es folgen Ausschnitte aus einigen dieser Texte; Zihlmann meditiert darin über den Begriff «Heimat»: Was ist Heimat? Wo ist Heimat? Kann ich Heimat schaffen?… Mich dünkt, diese Texte seien ein gutes «Nachwort» zum 1. August 1998. (ar)

1969 Heimat ist nicht jenes Land, das man durch die Brille des Antiquitätensammlers sieht. Wenn Heimat nicht in die heutige Welt passt, dann ist es nicht Heimat. Heimat ist nicht einfach Landschaft, ist auch nicht vor-gefasste Meinung über architektonische For-
men, über Lebensweise der Menschen und schon gar nicht der Inbegriff ganz bestimmter Formen der religiösen Äusserung. Heimat ist für den Menschen Geborgenheit in Raum und Zeit, hier und jetzt.
Der Lebensraum des modernen Menschen wird von Tag zu Tag grösser. Wir beginnen langsam europäisch zu denken. Der Rahmen um uns wird sich schneller ändern. Das birgt doch immer mehr die Gefahr in sich, dass bedeutendes Kulturgut im kleinen Raum unbeachtet beiseite geschoben oder gar weggeworfen wird. Der Staat wird nie die Möglichkeit haben, sich der Kultur des kleinen Raumes in genügendem Masse anzunehmen; dazu ist er viel zu schwerfällig. Er wird auch nicht die Möglichkeit dazu haben, denn der Schrei nach Ausbau der Agglomerationen wird an Lautstärke alles andere übertreffen. Wir müssen also im kleinen Raum, den wir unsere engere Heimat nennen, selber zum Rechten sehen. Wir können höchstens erwarten, dass uns der Staat seine Hilfe angedeihen lässt, wenn wir Probleme aufdecken, deren Lösung über unser Vermögen hinausgeht. Offen gestanden: diese Hilfe erwarten wir auch.
Wir wollen nicht mehr leben wie unsere Väter lebten, das könnten wir schon gar nicht. Aber wir wollen verhüten, dass für unsere Nachkommen die Spuren ihrer Väter verwischt werden. Wer hellhörig genug ist, wird bei unserer Jugend viel mehr Interesse für die Vergangenheit feststellen, als er vielleicht anzunehmen wagte. Die Jugend der Zukunft wird
einst über das zu Gericht sitzen, was wir heute tun oder nicht tun. In ihrem Urteil wird dann derjenige als Hinterwäldler dastehen, der heute als Pseudomodernist zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem der Kultur unserer Heimat nicht zu unterscheiden versteht.

1976 Ungezählt sind die Versuche, zu um-schreiben, was «Heimat» bedeutet. Man darf wohl sagen, dass es bis heute niemandem gelungen ist, den Begriff Heimat zu definieren. Es ist auch nicht anzunehmen, dass es je in der Zukunft eine Umschreibung geben wird, die Allgemeingültiges über «Heimat» aussagen wird. Das ist aus dem einfachen Grunde so, weil «Heimat» nichts Absolutes ist. Schriftsteller, Politiker, Soziologen, Psychologen, alle werden, je nachdem sie rechts oder links oder in der Mitte stehen, die Dinge anders sehen und somit auch die Schwerpunkte anders setzen.

Recht viel wurde in den letzten Jahren von Lebensqualität geredet. Man hat sie lautstark vom Staat gefordert, und die Parteien haben das Schlagwort auf ihre Fahnen geschrieben. Aber der Staat kann nur das geben, was das Volk ihm zugesteht. Solange die Wirtschaft lief wie eine gutgeölte Maschine, war es nicht besonders schwierig, Lebensqualität zu vermitteln, denn diejenigen, die sie forderten, verstanden darunter Mehrkonsum.
Nun haben sich die Dinge geändert. Man beginnt einzusehen, dass Lebensqualität et-was anderes ist als Sich-alles-leisten-können. Grösstmögliche Bewegungsfreiheit und gesellschaftliche Bindungslosigkeit sind weit da-von entfernt, Lebensqualität zu garantieren. Ganz im Gegenteil: wenn der Einzelne nicht bereit ist, in der Gemeinschaft selber aktiv Lebensqualität schaffen zu helfen, wird das schöne Wort nicht mehr sein als ein Geflunker.
Zur Lebensqualität gehört doch wohl alles, was das menschliche Leben schöner, inhaltsreicher und damit lebenswerter macht, ferner alle die Dinge, die geeignet sind, die zwischenmenschliche Beziehung im Sinne des Mitmenschseins zu fördern. Bei näherem Zu-sehen sind das genau jene Dinge, die Heimat schaffen. Heimat hat sehr viel mit Lebensqualität zu tun. Es wäre ermutigend, die Aufwertung des Begriffs Heimat in diesem Zusammenhang sehen zu dürfen. Schade ist allerdings, dass die Einsichten erst als Folge der Rezession kamen, denn es ist zu befürchten, dass nun im Staate die Prioritäten so gesetzt werden, dass für vieles, was Lebensqualität und damit Heimat schaffen könnte, nicht mehr viel übrigbleibt. Hoffentlich können wir uns da auf unsere Politiker verlassen.

1980 Warum ich das sage? Weil es Leute gibt, die immer noch meinen, eine Heimatvereinigung sei etwas wie eine Konservierungsanstalt oder mindestens eine Bremsvorrichtung, gut für alle jene, denen das Rad der Zeit zu schnell läuft. Ich meine auch, das Rad sei in den letzten Jahren und Jahrzehnten über die Massen schnell gelaufen, aber es ist nichts da-mit erreicht, wenn wir im Wege stehen und uns beklagen. Viel lieber wollen wir mit dabei sein in der ganzen Entwicklung und dafür sorgen, dass wir und unsere Mitmenschen im vor-gegebenen Lebensraum nicht von unsinnigen Dingen überfahren werden. Es gibt eben noch eine ganze Menge anderer Sachen, die zum Begriff Heimat gehören. Dass wir uns in unserer Zeit mit den Aufgaben, wie sie sich heute stellen, zurechtfinden, gehört genauso zu dem, was Heimat ausmacht, wie jene Dinge, die uns als Sinnbilder des Heimatlichen lieb sind.
Heimat ist darum nicht geruhsame Behaglichkeit. Wer Heimat so versteht, hat sie miss-verstanden. Wenn Heimat stillsteht, stirbt sie. Weil Heimat immer wieder neu zu schaffen ist, müssen wir in unserer Zeit und mit heutigen Mitteln dabeisein, wenn Weichen für die Zukunft gestellt werden. Heimat neu schaffen heisst zum Beispiel dafür sorgen, dass junge Menschen vor dem, was Heimat sein könnte, nicht davonlaufen.

Man kann sich da allerdings nicht so ein-richten, dass einem ‹wohl› ist. Und man kommt auch nicht darumherum, da und dort die Ruhe zu stören. Manchmal fällt es einem sogar zu, unbequem zu sein. Wer nur das tut, was jedermann versteht, hat wohl die Gewähr, dass er verstanden wird, aber er muss dann auch wissen, dass er seinen Mitmenschen keinen Schritt vorwärts hilft. Dazu gehören jene Leute, die dank ihrer Stellung eigentlich wissen müssten, was unter heimatlicher Kultur zu verstehen ist, und ferner, dass materieller Fortschritt ohne Kultur kein Fort-schritt auf weite Sicht ist.

Weil ich an das Gute in unserer Zeit glaube, glaube ich auch an das, was uns Heimat ist
oder sein könnte, auch dann, wenn ich weiss, dass es immer wieder neu geschaffen werden muss.

1981 Wenn das, was wir Heimat nennen, nicht abserbeln und schliesslich verschwinden soll, ist es notwendig, dass wir immer wieder neu den Standort bestimmen. Wenn Heimat etwas Lebendiges ist, muss es auch etwas Entwicklungsfähiges sein. Die Substanz dessen, was wir mit Heimat meinen, muss im Grund-gefüge so tragfähig sein, dass ihm die Wandlung äusserer Formen nichts anhaben kann.

Ich weiss, dass das für viele gar nicht leicht zu verstehen ist. Für manche Menschen ist das Festhalten an äusseren Formen Gradmesser der Verwurzelung und der Treue. Man spricht dann schlechthin von Tradition und sieht die Heimat in Gefahr, wenn Umstände und Formen sich ändern. Recht verstandene Tradition gehört unabdingbar zur Heimat, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Tradition auch in neuen Lebensformen lebendig bleiben kann.

Damit komme ich zu einem Begriff, der in Verbindung mit dem Wort Heimat oft und gerne genannt wird: Treue. Wer recht hinsieht und -hört, wird feststellen, dass sich hier eine Kluft mit grossen Gegensätzen auftut. Für viele bedeutet Treue zur Heimat engste Verbundenheit mit dem Hergebrachten, ruft Gefühle wach – heimatliche, wie es heisst – Gefühle der Dankbarkeit und der innersten Herzensverpflichtung. Für andere ist Treue zur Heimat in höchstem Masse verdächtig; sie wird als überholt, altväterisch, ja sogar verlogen und für unsere Zeit nicht mehr tragbar bezeichnet. Die Kluft scheint unüberbrückbar. Doch meine ich, dass das, was hier auseinanderklafft, nicht unbedingt zwei Welten sein müssen, die sich gegenseitig ausschliessen.

Wer von Treue zur Heimat spricht, müsste eigentlich erklären können, was unter Heimat zu verstehen ist; man kann nicht von Treue zu etwas sprechen, von dem man selber nicht recht weiss, was es ist. Damit sind wir wieder beim alten Thema, Es ist, seit ich zum ersten-mal davon geschrieben habe, viel Wasser die Wigger hinuntergeflossen, aber das Wort
Heimat ist problembeladen wie zuvor und wird es auch in Zukunft bleiben. Solange wir auf die Frage nach der Bedeutung von Heimat keine schlüssige Antwort geben können, dürfen wir uns nicht anmassen, leichthin von Treue zur Heimat zu sprechen.

1982 (letztes Geleitwort) Ich habe bei unzähligen Gelegenheiten von Heimat gesprochen, und ich bin mir nach wie vor bewusst, wie wichtig das war. Es hat vor fünfzehn Jahren Leute gegeben, die mich ausgelacht haben, weil ich Euch mit «Liebe Heimat-freunde» anredete. Kein Mensch glaube mehr an heimatliche Scholle und andere weinerliche Dinge aus einer «heilen Welt», hiess es. Ich kann die Schuld nicht jenen zuschieben, die so redeten. Es gab zu viele verlogene Bilder der Heimat, und es war nicht die junge Generation der Gegenwart, die diese Bilder geprägt hatte.

Das Einfachste wäre gewesen, «Liebe Heimatfreunde» wegzulassen. Dazu ist zu sagen, dass das Auskneifen nicht meine Art ist und dass zudem mit billiger Anpassung keine Probleme zu lösen sind. Mir schien unsere Heimat nach wie vor eine liebe Heimat, und ich weiss heute je länger, je besser, dass sie es ist. Ich wollte mit «Liebe Heimatfreunde» durch-halten bis zu jenem Zeitpunkt, da erwiesen ist, was Heimat in Wahrheit bedeutet. Man nimmt mir jetzt langsam ab, dass Heimat eine heutige und handfeste Sache ist, für Junge und Alte, für Frauen und Männer, ohne Unterschied eines Standes. Und darum sage ich jetzt nochmals «Liebe Heimatfreunde».

An Arbeit wird es nicht mangeln. Schöpferischer Geist wird immer wieder neue Auf-gaben entdecken. Heimat ist nie fertig. Sie schliesst einen dauernden Werdeprozess in sich. Heimat muss organisch wachsen. Mit gewaltsamem Zurechtbiegen ist da nichts zu machen, auch nicht mit Eingriffen, die aus politischer Opportunität hervorgehen. Heimat folgt jenem Grundgesetz, das Liebe und Mitmenschlichkeit heisst. Darum ist Heimat, wenn sie ehrlich und wirklich Heimat ist, zu jeder Zeit wirksam und erfahrbar.

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