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Die deutsche Sprache

Schlüssel zu einer Wesenskunde vom Menschen (11. Folge)Vorgreifend sei gesagt, dass wir uns in den nächsten beiden Folgen unserer anthropologisch-sprachphilosophischen Beiträge einer Thematik annehmen werden, die den Lesern der «Mitteilungen» am geläufigsten sein dürfte, nämlich das weite Feld der psychosomatischen Phänomene und ihrer verbalen Repräsentation. Denn wer kennt sie nicht, jene Redeweisen, in denen bestimmte Krankheitserscheinungen mit Ausdrücken belegt wer-den, die wir sonst nur für die Kennzeichnung von Seelenzuständen verwenden, oder dass wir, umgekehrt, Seelisches mit Worten beschreiben, die der Leibsphäre entnommen sind. Ein Beispiel für das erstere ist etwa die «Magenverstimmung» und für das andere jener Ausdruck, den wir gebrauchen, um die erhöhte Reizbarkeit eines Menschen anzudeuten: «Er hat eine dünne Haut». Doch bevor wir unter diesem humanmedizinischen Gesichtspunkt auf das Leib-Seele-Problem und seine sprachlichen Implikationen eingehen, wollen wir versuchen, uns auf möglichst anschauliche Art einen Gesamtüberblick zu verschaffen über das, was wir bis anhin über die menschliche Gestalt und ihre individuell-personale Prägung aussagten. Dies geschieht, wie bemerkt, im Sinn einer zusammenfassenden Gesamtschau, andererseits kann auf diese Weise noch auf einige wichtige Details eingegangen werden, die bislang unberücksichtigt geblieben sind.

Dazu gehört beispielsweise der im Grunde höchst simple, aber bisher kaum je beachtete Umstand, dass der Mensch schon durch seine aufrechte Haltung kundgibt, dass er ein Wesen ist, das über den Naturzusammenhang hinaus-ragt. Dagegen machen uns selbst die höchsten Säugetiere durch ihre in der Horizontalen verlaufende Art der Fortbewegung überdeutlich auf ihre Erdverbundenheit aufmerksam. In engstem Zusammenhang damit steht auch die Tatsache, dass bei den Vierfüssern die Körper-teile hintereinander – und so eine Fluchtlinie (!) bildend –, beim Menschen dagegen über-einander – in hierarchischer Abstufung – an-geordnet sind. Dies verleiht dem Menschen ein geradezu majestätisches Aussehen. Adelige früherer Zeiten, Könige, Herzöge, Grafen und
Gräfinnen, verstärkten diesen Eindruck noch dadurch, dass sie ihre Häupter mit Kronen und Diademen zierten. Anthropologisch gesehen ist das «Haupt» ja ohnehin ein Schlüsselwort; es kann, gemäss dem «pars pro toto»-Prinzip, durchaus auch für das Menschsein als Ganzes stehen. Ist doch der Mensch als jenes innig an seinem eigenen Sein engagierte, für sich und andere(s) verantwortliche (Lebe)wesen ganz auf Selbstbehauptung hin angelegt. Dafür spricht ja auch der früher (in Folge 7 und 8) erwähnte Umstand, dass wir überall dort, wo «Mangelerscheinungen», d.h. menschliche Fehlhaltungen vorliegen, nie das Wort «Haupt» gebrauchen, sondern nur «Schädel» und vor allem «Kopf». Wir erinnern nur an Apostrophierungen wie «Dickschädel», «Holz-kopf», oder an Wendungen wie «den Kopf verlieren», «kopflos» handeln, «mit dem Kopf durch die Wand» gehen, sich «Hals über Kopf» aus dem Staube machen und vieles mehr.

Wenn wir von der (den Menschen immer auch als Ganzen repräsentierenden) Kopfpartie sprechen, haben wir stets zweierlei zu unterscheiden, nämlich einerseits den Kopf als abgerundetes Ganzes, die «Schädelkapsel», und andererseits dasjenige, was wir auch als «Antlitz» bezeichnen, die eigentliche Gesichtspartie. In der erstgenannten, gleichsam anatomischen Sicht hat der Kopf etwas Hartschaliges, Verknöchertes, Abgeschlossenes an sich. Ruft doch schon die Lautfolge k-o-p-f das Bild von etwas Abgerundeten, in sich Geschlossenen, Eigenwilligen herauf. So kann nur der Mensch «seinen Kopf durchsetzen», der Welt «die Stirne bieten» oder «die Stirne haben», dies oder das zu behaupten. Andererseits kann die innere Haltung eines in seinen Entscheidungen schwankenden, «wankelmütigen» (!) Menschen schon an der Art, wie er seinen Kopf hält, sichtbar werden. Auch sonstige Mängel, im besonderen natürlich Intelligenzdefizite, pflegen wir mit Aus-drücken wiederzugeben, die das Gegenteil dessen bezeichnen, was wir üblicherweise bei der Lautgestalt «Kopf» empfinden. Freundliche Worte und Sätze, vorab aus dem Munde Jugendlicher, wie «Du hast ja eine Delle im Kopf!», «Hast du eigentlich eine ‹weiche
Birne›»? oder «Das isch doch ‹bireweich› so öppis!» dringen da gelegentlich an unser Ohr.

Ganz andere Verhältnisse treffen wir in jenem Bereich des Kopfes an, den wir Gesicht oder Antlitz nennen. Hier tritt das schon im Wort «Schädelkapsel» enthaltene harte, «kopfige» Element stark zurück und macht einem (normalerweise) Weichen, Offenen, Strahlenden, Aufnahmebereiten Platz. Es ist das Personhaft-Menschliche – der Mensch in seiner Welt-Offenheit –, das sich im Gesichtsbereich einen so beredten Ausdruck geschaffen hat. Hier tritt es rein und unverhüllt in Erscheinung; denken wir nur an die wunder-bare, den individuellen Geist durchscheinen lassende Luzidität und Transparenz der Gesichtshaut, an den Blick der Augen, die freie Stirne.

Lassen wir unseren Blick weiter nach unten wandern, so stossen wir – im Schulterbereich – wieder auf ein solch Zwiegestaltiges (wie wir es in Kopf und Gesicht fanden), nämlich einerseits auf die die Konfrontation mit der Wirklichkeit anzeigende klare Rechts-links-Ausrichtung der Schultern, andererseits aber auch auf deren Gegenteil, auf die Geste des «Geneigtseins» und der Zu-wendung. Bereits hier kündigt sich an, was dann in Bewegung und Gestik der Hände voll zur Geltung kommt: der Mensch als das Beziehungswesen par excellence. Daran erinnern uns die Gesten des Greifens und Zupackens, des Begrüssens, Liebkosens, Tröstens, aber auch die – vermeintlich von der äusseren Erscheinung des manuellen
Greifens abgeleiteten – «inneren» Formen des Handhaften, wie das Begreifen, das Sich-befassen-mit etwas, das (rechtliche) Behaften und Belangen, das «Nehmen» eines Menschen (beim Wort, bei seiner schwachen Stelle), die «glückliche Hand», die jemand bei seinen Unternehmungen haben kann und anderes mehr.

Zu diesem Punkt, zum Menschen als Beziehungswesen und seiner leibsprachlichen Repräsentanz, wäre noch vieles zu sagen. Wir müssen aber zum Schluss kommen und nur noch einen kurzen Blick auf den «unteren Menschen» werfen, auf seine Bein- und Fussorganisation. Auch in diesen angeblich blossen Körper-Teilen, nüchtern «Bewegungsapparat» genannt, spiegelt sich wiederum das ganze Menschenwesen. Vorausgesetzt, wir halten uns stets den handelnden Menschen im Alltag vor Augen, so begegnen wir auch hier einer für den Menschen charakteristischen Doppelgeste: dem Stehen und Gehen. In der «Standfestigkeit» bzw. im sicheren (oder unsicheren) «Auftreten» demonstriert der Mensch klar seinen Status als eines souveränen, eigenständigen Erdenbürgers. Im Gehen, oder besser: im Schreiten und Fortschreiten dagegen, offenbart er sich als Zukunftswesen, als einer, der auf seinem Lebensweg immer mehr auch auf sich selber zukommt, sich selber findet – oder finden sollte –, so dass das oft zitierte Wort sich erfüllen möge: «Werde, der du bist!»


Gian Klainguti

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