Die Stellung der deutschen Sprache

(SKD) In einem ersten Beitrag orientieren wir über die UNO und EU, andere bedeutende Organisationen folgen in einer späteren Ausgabe.Die Stellung der deutschen Sprache in der EU – dieses Thema bewegt nicht nur jene, die sich für ihre Muttersprache einsetzen, sondern findet auch in den Medien immer wie-der Erwähnung. Aber wie sieht es mit der deutschen Sprache in den vielen anderen internationalen Organisationen aus, in denen Deutschland Mitglied (und Mitzahler) ist.
Es ist kein Geheimnis, dass Deutsch früher eine bedeutende Stellung als Wissenschaftsund Bildungssprache besass, aber auch, dass es in den letzten Jahrzehnten als Wirtschaftsund Berufssprache an Bedeutung gewonnen hat. In der Politik und Diplomatie hatte Deutsch dagegen immer eine vergleichsweise schwache Stellung. In der Vergangenheit kann man die Gründe hierfür bei der späten staatlichen Nationswerdung und der verhältnismässig kurzen Rolle als Kolonial-macht sehen. Im 20. Jahrhundert verursachten im wesentlichen die beiden Weltkriege, das unselige Wirken des Nationalsozialismus, aber auch die Folgen der «Reeducation» nach 1945 die – soziolinguistisch gesprochen – politische Schwäche der Deutschen.
Diese politische Schwäche zeigt sich vor allem darin, dass das Deutsche – im Gegensatz zu seinem tatsächlichen Gewicht mit über 100 Millionen muttersprachlichen Sprechern, aber auch als Fremdsprache (immer-hin an den Schulen von rund 90 Staaten gelehrt) – in nahezu keiner internationalen Organisation eine offizielle Stellung besitzt. Die folgende Aufstellung kann zwar nur eine Auswahl einiger Organisationen bringen, die aber trotzdem ein treffendes Bild der gegenwärtigen Lage bieten.
UN/UNO – Vereinte Nationen
*1945, 189 Mitgliedsstaaten, Sitz in New York (Sekretariat, Generalversammlung und Sicherheitsrat).
Amtssprachen (Official Languages): vorerst nur Englisch und Französisch, später auch Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch.
Arbeitssprachen (Working Languages): Englisch und Französisch.
Der Unterschied zwischen einer Amts- und Arbeitssprache besteht darin, dass Texte und Reden, die in einer Amtssprache verfasst sind, nicht in alle anderen Amtssprachen übersetzt werden müssen. Hingegen müssen alle Texte und Reden, die in einer Amtssprache verfasst sind, in die Arbeitssprachen übersetzt werden.
Als neue Arbeitssprachen wurden 1948 Spanisch, 1968 Russisch und 1973 Chinesisch aufgenommen, schliesslich 1973, als sechste Amts- und Arbeitssprache, Arabisch. Damit verschwand auch der bisherige Unterschied zwischen Amts- und Arbeitssprachen.
Als einzige Sprache wurde 1974 Deutsch eine sogenannte «Dokumentarsprache», in der die Resolutionen und Beschlüsse der Generalversammlung, die wichtigsten Berichte des Generalsekretärs sowie des Amtes für interne Aufsichtsdienste veröffentlicht werden durften.
1973 hätte mit dem Beitritt der beiden deutschen Staaten BRD und DDR (Österreich war bereits seit 1955 Mitglied, die Schweiz hat nur Beobachterstatus) die Möglichkeit bestanden, Deutsch ebenfalls zur Amts- und Arbeitssprache zu bestimmen. In Bonn hatte man es jedoch nicht für nötig befunden, den entsprechenden Antrag zu stellen. Stattdessen wurde 1974 der «Deutsche Übersetzungsdienst» geschaffen. Der ist zwar Bestandteil des UNO-Sekretariats, wurde und wird aber – wie könnte es anders sein – von der BRD, DDR (die noch vor ihrem Er-löschen wieder ausschied), Österreich und später auch der Schweiz und Lichtenstein (Beitritt 1990) gemeinsam finanziert.
Übrigens: Bereits im 1919 gegründeten „Völkerbund“ – dem Vorläufer der UNO, waren als Amtssprachen nur Englisch und Französisch zugelassen

EU (Europäische Union, Kommission)
*1992 als Nachfolgerin der EWG, 15 Mitgliedsstaaten, Sitz in Brüssel.
Amtssprachen: alle Amtssprachen der Mitgliedsländer, ausser Gälisch (Irisch) und Lezebürgisch (Luxemburg).
Arbeitssprachen und Sprachen des senkontakts (z. B. mit Osteuropa): Englisch und Französisch; Deutsch wird in sehr geringem Umfang auf der oberen Ebene (Kommissare) verwendet und ist . dritte «Verfahrenssprache».
Zu allen Kommissionssitzungen müssen die Vorlagen «in den drei Sprachen» vorliegen. So ist es in der Arbeitsanweisung des Kommissionspräsidenten formuliert, ohne dass dabei die drei Sprachen genannt werden.
EP (Europäisches Parlament)
*1962, Organ der EU mit Sitz in Strassburg, Luxemburg und Brüssel. Es können alle Amtssprachen verwendet werden, aber in der Praxis werden Dokumente überwiegend in Englisch und Französisch abgefasst.
SchlussbetrachtungDas Deutsche besitzt nur im Regionalbüro der WHO in Kopenhagen die Stellung einer vollen Amts- und Arbeitssprache, und die ist auf Europa beschränkt.
In allen sonstigen wichtigen überstaatlichen Organisationen besitzt Deutsch keine amtliche Stellung. Bemerkenswert ist jedoch der Status als «Dokumentarsprache» im UNO-Generalsekretariat, die keine andere Nicht-Amtssprache der Vereinten Nationen besitzt. Italien und Japan streben seit einiger Zeit für ihre Sprache auch diese UNO-interne Aufwertung an.
In der EU-Kommission in Brüssel gibt es zwar Ansätze für Deutsch als Arbeitssprache, die sich jedoch auf bestimmte Verfahren und Organisationsebenen begrenzen.
Versuche der Bundesregierung und auch einzelner osteuropäischer Staaten, Deutsch in verschiedenen Organisationen (z.B. im Europarat) aufzuwerten, scheiterten vor allem am Widerstand Italiens und zum Teil auch Spaniens, die für diesen Fall die gleiche Aufwertung für ihre Sprachen verlangen.
Verwendete Quellen
1. Der Fischer-Weltalmanach 2002,
Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2001;
2. Netzseite des Bayrischen Rundfunks,
Stichwort «Deutsch 2000» unter
http://www.br-online.de/bildung/deutsch2000/07;
3. Netzseiten der UNO unter http://www.un.org;
4. Netzseiten der EU unter .
Silke Flinsberg im Heft 4/2002
«Die deutsche Schrift» (SKD-Bearbeitung)

Das könnte dich auch interessieren...