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Redensarten: Ich sag Mal
Die Seele jeder Ordnung

„Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb“, hat Kurt
Tucholsky gesagt. Nach einer anderen Version dieses Zitats sei der Papierkorb
sogar „die Seele jeder Ordnung“. Ist es da nicht schön und angemessen, wenn
der Benutzer von einem solchen Abfallbehälter persönlich angesprochen wird?
So zum Beispiel: „Gut sehen Sie heute aus! Waren Sie beim Friseur?“ Der
Behälter gegenüber dem Lessing-Denkmal am Gänsemarkt hat sogar mal gefragt:
„Was denkst du?“

Das gibt es nicht? Gibt es doch – nämlich hier. Die Hamburger Stadtreinigung
hat eine stattliche Zahl knallrot gestrichener Abfallbehälter (die
Bezeichnung Mülleimer erscheint mir in diesem Fall beinah diskriminierend)
aufstellen und von der Werbeagentur MKK zum „Sprechen“ bringen, also mit
flotten Sprüchen bekleben lassen. Diese Sprüche sind nicht nur komisch, sie
verraten auch eine gehörige Portion Wortwitz, und der setzt nicht nur
Fantasie voraus, sondern auch eine überdurchschnittliche Beherrschung der
deutschen Sprache.

Es gibt genug Gelegenheiten, die Werbung für ihren Umgang mit der deutschen
Sprache – eher noch mit „Denglisch“ – zu tadeln, und ich habe das so oft
getan, dass ich es unfair fände, mit Lob zu geizen, auch wenn ich im Fall der
„sprechenden Mülleimer“ an dieser Stelle schon einmal Bravo gerufen habe.
Schließlich hat die MKK-Kampagne sich im Laufe der Monate immer wieder neue
Sprüche ausgedacht. Die reichen von „Annahmestelle“, „Einer geht noch rein“,
„Bitte füttern!“, „Selten so wohl gefüllt“ über variierte Redensarten wie
„Mal sehen, was für mich abfällt“, „Gib mir den Rest!“, „Artgerechte
Müllhaltung“, „Bin für jeden Dreck zu haben“ „Kommt Zeit, kommt Unrat“ bis zu
Anspielungen auf aktuelle Ereignisse oder Trends, wie zum Beispiel das
Rauchverbot „Hier ist die Raucherecke“, „Hast du mal „ne Kippe?“, „Asche in
mein Haupt“ oder „Haste mal ne Tüte Shit?“, „Kaugummizelle“, auch bis zu
Schlager-Varianten: „Ich will keine Schokolade – ich will lieber das Papier“.

Achten Sie doch mal selbst auf diese Sprüche! Macht Spaß und hilft beim
Umgang mit der Muttersprache. Obendrein hat eine Linguistin die
Papierkorbsprüche zum Gegenstand einer sprachwissenschaftlichen Vorlesung an
der Hamburger Uni gemacht. Und der Spaß funktioniert sogar. „Das Ziel ist
erreicht“, lässt die Hamburger Stadtreinigung wissen: „Wir haben viel weniger
Beschwerden über herumliegenden Müll als früher.“ Und das gehört, siehe
Tucholsky, doch wohl zur „Basis einer gesunden Ordnung“.

Hamburger Abendblatt vom 12.Dez. 2008

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