„Rechtschreibung oder Falschschreibung“/SOK

Podium der Schweizer Orthographischen Konferenz
BuchBasel, Symposion Zukunft Lesen, 13. Nov. 2010
Einführung von Stefan Stirnemann SOK –> Video

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin heiser und spreche wie ein Wolf. Eine aus der Form geratene Stimme ist unangenehm zu hören und lenkt vom Inhalt ab. So ist es auch mit einer Rechtschreibung, die ausser Form geraten ist: sie lenkt mich vom Inhalt ab. Ich lese, aber ich stocke immer wieder und muss überlegen:
Was soll dieses Quentchen mit ä? Heute früh – warum steht da ein grosses F? Das tut mir Leid, Leid mit grossem L: ist das am 13. November des Jahres 2010 um 10.45 Uhr noch richtig oder wieder falsch? Und wenn da steht wohl bekannt, so sollte vielleicht wohlbekannt dastehen?
Heiser ist die Rechtschreibung und gestört ist das Lesen seit dem Jahr 1996, als das Unternehmen Rechtschreibreform begann. Warum setzte man es in Gang?
Man wollte den Wenigschreibern und Anfängern die Sache leichtmachen und ihnen Regeln an die ungeübte Hand geben, mit denen sich die richtige Schreibweise sozusagen ausrechnen liess.
Ein Beispiel: das Wort heissersehnt musste 1996 getrennt geschrieben werden – „musste“ ist falsch, im Sinne der gütigen Reformer durfte es endlich getrennt geschrieben werden: heiss ersehnt. Warum das? Weil sein erster Bestandteil steigerbar ist: heiss ersehnt, heisser ersehnt, am heissesten ersehnt. So sagte es Paragraph 34, Ergänzung 3, Abschnitt 3 des neuen Regelwerkes von 1996.
Wendet man diese Schreibregel an, macht man Texte unverständlich, wie Sie gleich hören.
Erich Kästner schrieb von den Problemen, die eine Köchin beim Kochen unter Stromausfall hatte: „Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heissersehnten und heiss ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande.“
Nach Paragraph 34, Ergänzung 3, Abschnitt 3 (1996) musste man schreiben: die heiss ersehnten und heiss ersehnten Bratkartoffeln, und der Leser konnte Rätsel raten.
Kästners Satz zeigt schlagend, dass die Regeln der Rechtschreibreform nichts taugen; es gibt das zusammengesetzte Adjektiv heissersehnt, und in sprachrichtiger Rechtschreibung schreibt man es als Wort. Hat man also die verfehlte Regel berichtigt, das heisst abgeschafft? Bis heute nicht. Was man in diesem Fall und in vielen anderen Fällen zustande brachte, war der Kompromiss, dass heissersehnt getrennt oder zusammen geschrieben werden darf.
Warum nur ein Kompromiss, warum hat man nicht einfach das Scheitern eingestanden und die Reform ausser Kraft gesetzt?
Ministerin Wanka, die im Jahr 2005 Präsidentin der Kultusministerkonferenz war, sagte: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“ Zur Staatsräson kamen Rücksichten auf die grossen Wörterbuchverlage, Duden und Bertelsmann/Wahrig.
Schauen wir kurz den Weg an, den diese deutsche Staatsräson und deutsche wirtschaftliche
Interessen nötig gemacht haben: 1996 erschien das erste amtliche Regelwerk, 2004 das zweite, 2006 das dritte. Die Regelwerke sind begleitet von Wörterbüchern: Der Dudenverlag liess Wörterbücher erscheinen in den Jahren 1996 / 2000 / 2004 / 2006. Bei Bertelsmann/Wahrig sieht die Reihe so aus: 1996 / 1999 / 2002 / 2005 / 2006.
Das dritte Regelwerk (2006 erschienen) wurde vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgelegt. 2004 eingesetzt, hatte er zunächst die Hoffnung geweckt, er werde die verfehlte Regelung gründlich, unabhängig, nur der Sache, d. h. unserer Sprache verpflichtet, überarbeiten. Er liess sich aber unter Druck setzen und gehorchte der deutschen Staatsräson. Folge: Vieles packte er gar nicht an, z. B. die unsinnigen Grossbuchstaben bei Zeitangaben (Bsp. morgen Früh), und das Quentchen, das immer noch ein ä trägt, weil es, wie die Reformer meinen, als Verkleinerungsform von Quantum empfunden wird. (Der französische Germanist Jean-Marie Zemb hat 1996 ironisch gezeigt, wie sich Quentchen und Quantümchen unterscheiden, FAZ, 26.06.96.)
Einiges freilich brachte der Rat für deutsche Rechtschreibung in Ordnung – es tut mir Leid (gross) wurde aus dem Verkehr gezogen.
Der Kernberich dessen aber, was der Rat anpackte, die Getrennt- und Zusammenschreibung, kam über den erwähnten Kompromiss nicht hinaus.
So haben wir seit 2006 in den Wörterbüchern eigentlich zwei Systeme: das herkömmliche, sprachrichtige und das reformierte. Sie stehen nebeneinander als angebliche orthographische Varianten; in Wahrheit sind es politisch-wirtschaftliche Varianten.
Die Leitwörterbücher, Duden und Wahrig, empfehlen jeweils eine der Varianten. Die Empfehlungen widersprechen einander in vielen Fällen – und damit haben wir nach wie vor keine einheitliche und sprachrichtige Rechtschreibung, und Zeitungen und Verlage behelfen sich mit Hausorthographien oder wenden die sogenannte neue Rechtschreibung gar nicht an.
Bei heissersehnt stimmen Duden und Wahrig zufällig überein. Beide empfehlen das getrennte heiss ersehnt; wir sind also in diesem Punkt heute gleich weit wie vor vierzehn Jahren.
In dieser Lage des Jahres 2006 – untauglicher Kompromiss des Rates für Rechtschreibung – wurde von Sprachwissenschaftern und Praktikern der Presse und der Verlage die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) gegründet, um die von der Rechtschreibreform beschädigte Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung wiederherzustellen.
Die Gründungsmitglieder der SOK:
Dr. Urs Breitenstein, a. Verleger Schwabe-Verlag und Präsident Buchverlegerverband, Basel Filippo Leutenegger, Verleger neue-ideen.ch, Nationalrat, Zürich (Kopräsident) Peter Müller, a. Direktor SDA, Bern Robert Nef, a. Herausgeber Schweizer Monatshefte, Zürich
Stefan Stirnemann, Gymnasiallehrer, St. Gallen Prof. Dr. Rudolf Wachter, Universitäten Basel und Lausanne, Basel Peter Zbinden, Präsident Sprachkreis Deutsch, a. Schulleiter, Port (Kopräsident)
Eine Arbeitsgruppe der SOK arbeitete pragmatische Empfehlungen zur Rechtschreibung aus:
Urs Breitenstein, Stephan Dové, Chefkorrektor NZZ und Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, Peter Müller, Stefan Stirnemann, Rudolf Wachter. Grundlage für die Empfehlungen war die Rechtschreibung der NZZ.
Eine Kurzfassung dieser Empfehlungen liegt nun im sogenannten „Wegweiser zu einer einheitlichen und sprachrichtigen deutschen Rechtschreibung“ vor.
Soviel zur SOK.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung nimmt zur Zeit vor allem Rücksicht auf die Wirtschaft, wie der Vorsitzende, der einstige Kultusminister Hans Zehetmair, 2006 sagte: „Der Rat hat sich verständigt, in der nächsten Zeit nicht mit Empfehlungen zu kommen, weil der Markt und die Menschen erst mal beruhigt werden sollen.“
Da der Rat für Rechtschreibung die Hoffnungen enttäuscht hat, muss die Lage neu beurteilt werden. Ich nenne fünf Punkte:
1) Die Schweiz liess sich bisher von den deutschen Kultusministern dominieren: wäre es nicht an der Zeit, selbstbewusst aufzutreten? Selbstbewusst bedeutet sprachbewusst.
2) Die Lehrer werden von unüberlegten Reformen überrollt. Die Folgen sind bekannt. Die Rechtschreibreform ist eine der unnötigsten und schädlichsten. Der Schaden ist einfach zu beheben: Sichtwort Moratorium. (Vgl. zu den Schulreformen: „Die Lehrer werden überrollt“, St. Galler Tagblatt, Freitag, 12. November 2010, Seite 3)
3) Das Referenzwerk unserer Schule ist der Schweizer Schülerduden. Er wurde verfasst von Reformern, die ihre Reformideen durchsetzen wollen, auch gegen den Kompromiss des Rates für Rechtschreibung. Sie unterschlagen herkömmliche Varianten, so dass unseren Schülern als falsch angestrichen wird, was gemäss Rat für Rechtschreibung richtig ist.
4) Die Schweizer Delegation im Rat für Rechtschreibung ist einseitig zusammengesetzt. Ein grosser Teil der Delegation ist der Reform verpflichtet, repräsentiert also keineswegs die Schweiz, und arbeitet zudem für Verlage, z. B. den Dudenverlag. Das Mandat des Rates für Rechtschreibung endet im Dezember. Die Zusammensetzung der Schweizer Delegation sollte überdacht werden.
5) Die Grundfrage ist: Sollen heissersehnte Bratkartoffeln Gegenstand unserer Politik sein? Vielleicht findet das Podium eine Antwort.

BuchBasel, Symposion Zukunft Lesen
Samstag, 13. November 2010

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