Manbrif in Sachen Murks
von Wolf Schneider
Leserbrief dazu

NZZ Folio, 07-11 (S. 56)

Nahe liegend oder naheliegend? Das Folio und die Rechtschreibung

Viele Verlage, darunter auch das Haus NZZ, haben sich geweigert, den Unsinn der Rechtschreibreform (siehe S. 51) mitzumachen. Am NZZ-Vademecum, das 1971 erstmals erschien, orientiert sich auch die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK), die seit 2006 für eine vernünftige Rechtschreibung kämpft. Sowohl der Verband Schweizer Presse als auch die Konferenz der Chefredaktoren empfehlen die Umsetzung der SOK-Regeln. Das Folio folgt grundsätzlich dem NZZ-Vademecum, behält sich aber einzelne Abweichungen vor (zum Beispiel Toscana statt Toskana).

Der am schwersten wiegende Fehler des Reformwerks war zweifellos, dass das Rad der Sprachentwicklung um mehr als hundert Jahre zurückgedreht wurde. Zum Beispiel bei der Gross- und Kleinschreibung: Hier bestand seit langem die Tendenz, Wörter, deren substantivische Bedeutung verblasst war, klein zu schreiben: zum Beispiel heute abend, ohne weiteres usw. Die Reformer haben durch die vermehrte Grossschreibung diese Entwicklung in ihr Gegenteil verkehrt. Wir bleiben in den meisten Fällen bei der Kleinschreibung.

Auch bei der Zusammen- und Getrenntschreibung wurden durch rigorose Auftrennung viele Wörter in ihrer Bedeutung entstellt. Wir schreiben weiterhin zusammen: fertigstellen, bekanntgeben, kennenlernen, schiefgehen, unheilbringend, aufsehenerregend, sogenannt, hierzulande, alleinstehend.

Durch diese Dezimierung des Wortschatzes wurden viele Bedeutungsunterschiede eingeebnet, die durch die unterschiedliche Schreibweise dargestellt werden konnten. Wir halten an den Unterschieden fest: frisch gebackenes Brot – frischgebackene Eheleute; wohl bekannt (wahrscheinlich bekannt) – wohlbekannt (sehr bekannt); ein nahe liegendes Restaurant – ein naheliegender Gedanke.

Was die Schreibung der Laute und Buchstaben betrifft, wurden meist nur einzelne Wörter oder Wortgruppen herausgepickt und einer neuen Schreibweise unterzogen, während ähnliche in der alten Schreibweise belassen wurden – ein weiterer Fehler der Reform. Wie soll man beispielsweise einem Mittelschüler erklären, dass er neu Potenzial und substanziell schreiben darf, aber nur Initial und exponentiell? Wir halten uns hier an die vor 1996 geltenden Schreibweisen, schreiben also Tip, As, Tolpatsch, Zierat, fritieren, numerieren, rauh, Roheit.

Urs Remund, Korrektor

Verweis zum Artikel von Wolf Schneider

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