Schleichende Abwertung von Deutsch

Deutschland schafft seine Sprache ab

(skd: Und Deutsch in der Schweiz? — Des Deutschschweizers Muttersprache ist der Dialekt, aber fürs Standarddeutsch  gelten z.T. ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland).

 

Teil 1: Führende Wissenschaftler und Politiker verraten die deutsche Sprache

Von Wolfgang Hildebrandt

Nachdem ich Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gelesen hatte, mußte ich an einen Witz denken. Zwei Herren unterhalten sich. Sagt der eine: „Ich lese gerade Das Kapital von Karl May.“ Sagt der andere entsetzt: „Aber das ist doch von Karl Marx!“ Daraufhin der erste: „Ach so – und ich wunderte mich schon, denn ich bin auf Seite 463, und es kommt immer noch kein Indianer vor.“ Als ich auf Seite 463 war – und damit am Ende des Buches von Sarrazin, erging es mir ähnlich. Auch ich war auf keinen „Indianer“ gestoßen, also eine Stelle, die nicht in das Buch gepaßt hätte.

Es scheint jedoch kein Kritiker vermißt zu haben – ob er nun den Aussagen in Sarrazins Buch zustimmt oder sie ablehnt –, daß der Verfasser den augenblicklichen Prozeß der Abschaffung der eigenen Sprache kaum erwähnt. Ging bisher, wie die Geschichte zeigt, mit dem Verschwinden eines Volkes auch das Verschwinden der Sprache einher, so scheint dieser Schritt heute vom eigenen Volk vor seinem Verschwinden noch schnell vorweggenommen zu werden.

Beispielhaft für diese Behauptung ist eine erfundene Anekdote aus Sarrazins Buch. In einem satirischen Zukunftsszenarium („Ein Alptraum …“) schreibt er über ein angebliches wissenschaftliches Gutachten aus dem Jahre 2017, das von unserer Wirklichkeit längst eingeholt wurde. Darin heißt es unter anderem, „daß es Ausdruck einer latent faschistoiden Gesinnung mit rassistischen Anklängen sei, wenn Deutsche einen Vorrang der deutschen Sprache forderten“. Dieser Vorwurf wird schon seit Jahren als „Argumentationskeule“ gegen alle eingesetzt, die sich um unsere Sprache sorgen.

Wird nur ein Gespenst an die Wand gemalt?

Erstaunlich, daß sich heutzutage deutsche Linguisten und andere für die Sprache Verantwortliche, gerade auch Politiker, bei der Verabschiedung der Deutschen von ihrer Muttersprache völlig teilnahmslos verhalten. Und nicht nur das – viele von ihnen unterstützen oder betreiben sogar diese Entwicklung. Wir sollten nicht vergessen, daß auch deutsche Sprachwissenschaftler früher entscheidend bei der Entzifferung der Hieroglyphen und der Keilschrift mitwirkten. Damit trugen sie zur Bewahrung einer Kultur bei. Heute lassen sie das Verschwinden einer Kultur zu – welch ein Zynismus! Oder wird hier etwa nur ein Gespenst an die Wand gemalt, wie das vor allem die halbstaatlichen Sprachinstitutionen, gewisse Sprachwissenschaftler und andere für unsere Sprache Verantwortliche behaupten?

Nun, eine Bestandsaufnahme der augenblicklichen Sprachsituation kann dies schnell klären. Die Beispiele könnten mehrere Zeitungsseiten füllen, doch selbst dann würden gewisse Kreise sie als harmlose Modeerscheinungen abtun und die Sprachmahner und -schützer weiterhin verspotten. Am sichtbarsten wird der Schaden an unserer Muttersprache an der Amerikanisierung des Wortschatzes. Der „Anglizismen-Index“ zählt in seiner neuesten Auflage rund 7.300 englische Wörter, und jedes Jahr kommen weit über einhundert neue hinzu.

Angloamerikanismen verdrängen deutsche Wörter

Die Angloamerikanismen verdrängen nicht nur die gleiche Anzahl, sondern eine Vielzahl deutscher Wörter. Nehmen wir als Beispiel das Wort „Performance“. Es vernichtet die Wörter Ausführung, Durchführung, Aufführung, Vorstellung, Darstellung, Umstand, Leistung, Effizienz und andere mehr. Schlimmer noch – sei es eine neue Idee, Erfindung, Fiktion, ein Plan oder Entwurf, ob Neugründung oder längst Etabliertes: Alles bekommt einen englischen Namen. Doch noch schwerer wiegt die Tatsache, daß dies kaum einem mehr auffällt.

Ein Geburtstagsgruß? Natürlich englisch. Ein Ständchen dazu? Na klar, auf englisch. Ein Willkommensgruß über der Eingangstür oder auf der Fußmatte, Liebeserklärungen und -bezeugungen, Begrüßungen und Verabschiedungen und vieles andere mehr – wie selbstverständlich ist alles nur noch auf englisch. Selbst Redewendungen werden aus dem Englischen übernommen, bestenfalls übersetzt, aber so oder so – die deutschen Entsprechungen gehen uns auf diesem Wege verloren.

Von unübertroffener Symbolik dafür ist ein Erlebnis, das ich vor kurzem hatte. Eine Lehrerin aus meiner Nachbarschaft, die kaum einen Satz ohne einen Angloamerikanismus benutzt, beschwert sich bei mir heftig über das schlechte Deutsch eines Nachrichtensprechers der ARD. Der hatte doch tatsächlich gemeldet, ein Krimineller sei nun endlich erwischt worden. Das umgangssprachliche „erwischt“ im Fernsehen erregte sie, doch kein Wort über die dortige ständige Präsentation großer Teile der Welt in englischer Aussprache (Beirut, Kuweit, Hawaii, Taiwan und so weiter), kein Wort über den inflationären Gebrauch von Angloamerikanismen, nicht nur im Fernsehen, sondern in allen Medien; vom eigenen Gebrauch dieser Mischsprache ganz zu schweigen.

Die Entfremdung von der eigenen Sprache

Das Beispiel verdeutlicht die Entfremdung von der eigenen und die Selbstverständlichkeit des Gebrauchs einer fremden Sprache. Spätestens jetzt sollten unsere Spötter aus ihrem Verdrängungsschlaf aufgewacht sein, und die folgenden Fragen müßten nun auch ihnen sinnvoll erscheinen:

–         Ist die deutsche Sprache in Gefahr? Steht ihr bevor, zu verschwinden oder zu einem europäischen Dialekt zu verkümmern? (So ist es mit dem Niederdeutschen geschehen, und selbst diese Funktion, nämlich als Dialekt Haus- und Familiensprache zu sein, nimmt sie kaum mehr wahr.)

–         Werden wir immer mehr Waren und Dienstleistungen angeboten bekommen, die keine deutschsprachigen Bezeichnungen mehr haben? (In Drogeriemärkten gibt es schon heute kaum noch Produkte mit deutschen Namen und Beschriftungen.)

–         Wird aus der Fremdsprache Englisch eine zweite Landessprache werden? Oder gar die erste, womit die Abschaffung dann auch offiziell eingeläutet würde? Werden wir in Zukunft nur noch auf englisch verwaltet werden?

„Die deutsche Sprache brauchen wir nicht mehr.“

Manche stellen unsere Sprache gar mit freudiger Hingabe zur Disposition und sagen ganz offen, wir sollten unsere Sprache abschaffen und lieber auf Englisch umsteigen. So trug sich bereits im November 1999 an der Viadrina-Universität Frankfurt an der Oder ein denkwürdiger Schriftwechsel zu, der allerdings nur durch Zufall bekannt wurde, weil ihn ein Beteiligter als Rundbrief abgeschickt hatte. Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Harald Weydt war dafür eingetreten, daß an der Universität „eine Reduzierung auf eine Sprache, das Englische, verhindert wird“. Der Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomie, Prof. Dr. Helmut Seitz, entgegnete ihm freimütig:

„Die deutsche Sprache brauchen wir nicht mehr. Ich bin dafür, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf englisch lesen (Ich habe Hesse nur in amerikanischen Übersetzungen gelesen. Kann nur sagen: Prima). Nehmen Sie sich ein Beispiel an Händel, der hat sich sogar geweigert mit seiner Mutter deutsch zu sprechen! So muß es sein. Raus aus der Provinz, rein in die globalisierte Welt. Mit deutscher Sprache können unsere Studenten nur noch Kanzler werden! Und ferner dient eine Sprache der Völkerverständigung. Um die deutsche Kultur zu pflegen, brauchen wir keine deutsche Sprache. Es spricht ja nichts dagegen für die ausländischen Studenten auch Deutschkurse abzuhalten. Unter Umständen gibt es hierzu bald ein gutes Angebot bei Aldi! … Sorry, aber dieser Protest ist unnötig und schadet unserer Internationalisierungsstrategie! Mit den Argumenten von Herrn Kollegen Weydt müssen wir auch wieder das Mittelalterdeutsch einführen, damit wir alle die Lieder von Walther von der Vogelweide oder den Parzival lesen können. Auch die Sprache unterliegt einem Globalisierungsdruck und ein Wehren gegen die Internationalisierung ist gleichzusetzen der Maschinenstürmerpolitik im letzten Jahrhundert!“

„Deutschland sollte Englisch zur zweiten Amtssprache machen.“

Seitz jedoch ist kein Sonderfall. So forderte der CDU-Politiker und damalige Präsident (heute Ehrenvorsitzende) des „Bundesverbands des deutschen Groß- und Außenhandels“, Michael Fuchs, im Dezember 1999 dazu auf, in Deutschland bis 2010 Englisch als zweite Amtssprache einzuführen: „Deutschland sollte Englisch bis 2010 zur zweiten Amtssprache machen.“ […]

„Deutsch bleibt die Sprache der Familie.“

Den Vogel schoß freilich Günther Oettinger Ende 2005 ab und verewigte sich dadurch auch in Sarrazins Buch, wie wir eingangs gesehen haben. Ungerührt erklärte der damalige Ministerpräsident Baden-Württembergs in dem Dokumentationsfilm „Wer rettet die deutsche Sprache?“ des Südwest-Rundfunks: „Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber – Englisch wird die Arbeitssprache.[…]

Abgesehen vom weiteren Beweis dafür, daß es in gewissen Kreisen offenbar längst abgemacht ist, Deutsch nur noch als Übergangssprache zu akzeptieren, wird hier die Methode sichtbar, wie dieser Tatbestand verschleiert werden soll. Denn Oettinger müßte doch ganz genau wissen, daß Deutsch als Feierabendsprache schon längst dahinsiecht. Oder kennen Sie, liebe Leser, auch nur einen einzigen neu hinzugekommenen Ausdruck aus dem Bereich des Sports oder der Freizeit auf deutsch? Wellness, Fitness Center, Nordic Walking, Beach Volleyball …

Angloamerikanismen zur Volksverdummung

Ist der Wille, Deutsch zu erhalten, überhaupt noch vorhanden? Dieter E. Zimmer gab in seinem Buch „Deutsch und anders“ die Antwort: „Dieser Wille ist nicht vorhanden und würde, wenn er sich irgendwo regen sollte, sofort als Deutschtümelei ausgepfiffen. Also werden die, die später in unserem Land leben, eines Tages die Engländer, Franzosen, Polen, Finnen und Spanier um ihren Eigensinn [nämlich die Muttersprache zu erhalten] beneiden“. Der französische Sprachwissenschaftler Claude Hagège ist davon überzeugt, daß eine Sprache dann zum Niedergang verurteilt ist, wenn die politische Klasse einer Gesellschaft sie nicht mehr als umfassendes Kommunikationsmittel einsetzt und weiterentwickelt. […]

Mit dem Versuch deutscher Politiker, deutsche Wähler mit englischen Begriffen und sogar mit englischen Werbesprüchen zu gewinnen, ist wohl der Gipfel der Anbiederung an den angelsächsischen Kulturkreis erreicht.

Wo aber bleibt die Würde eines Landes und seiner Menschen, wenn schon Politiker die Sprache, die allen gemeinsam ist, nicht mehr für schutzwürdig erachten? Warum wehren sich so viele Politiker, Deutsch ins Grundgesetz aufzunehmen? Kann die augenblickliche Sprachentwicklung unter diesen Umständen zum Stehen gebracht oder gar rückgängig gemacht werden?

Fortsetzung folgt.

aus DSW 44, „Deutsche Sprachwelt“.  Mit freundlicher Genehmigung von Redaktion DSW und Autor. Kürzungen skd.

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4 Antworten

  1. orkus666 sagt:

    Danke für die Auskunft. Ich schreibe auch in der Schweiz konsequent mit ß nach den neuen Regeln, was übrigens die führenden deutschen Zeitungen auch tun. Und zwar so lange, wie mir einer den Sinn erklären kann von: „Ich trinke Alkohol in Massen.“

    Out of Topic:
    Wie kann man den Schweizer Zeitungen folgenden Blödsinn wieder abgewöhnen?
    wies, wos, gehts, ists, machts. Auf Hochdeutsch heißt das korrekt wie es, wo es, geht es, ist es, macht es. Oder umgangssprachlich MIT Apostroph: wie’s, wo’s usw. Es ist ein Elend, und die Deutschen verstehen es nicht.

  2. orkus666 sagt:

    … und warum ist der ganze Artikel mit „ß“ nach den alten, seit über 10 Jahren nicht mehr gültigen Regeln geschrieben?

    • Sam sagt:

      …weil der Autor es offenbar so will
      …weil sich „fast ganz Deutschland/Österreich“ nicht vom Sprachdiktat der Reform beeinflussen lässt
      Und übrigens: Viele Schweizer, nicht nur alte, kennen und pflegen die ß-Regeln, als ob sie hierzulande nicht schon seit Jahrzehnten abgeschafft wären.

      Ihre Frage unterbreiten wir der Schweizer Sprachberatung info@schweizer-sprachberatung.ch
      P.Zbinden

    • Sam sagt:

      Durch die Rechtschreibreform wurde zu „ss“ – „ß“ grundlegend Folgendes
      festgelegt:
      „Für das scharfe (stimmlose) [s] nach langem Vokal oder Diphthong
      schreibt man „ß“, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant
      folgt“ (§ 25).

      Beispiele für das „ß“ wären:

      Straße
      Grieß
      grüßen
      heißen
      außer

      Steht das „ß“ nicht zur Vefügung, so schreibt man „ss“. In der
      Schweiz kann man immer „ss“ schreiben.

      Nach dieser Regel wären Schreibungen wie „muß“, „Fluß“, „paßt“, „daß“ usw.,
      die vor der Rechtschreibreform galten, nicht mehr korrekt, es hieße also
      „muss“, „Fluss“, „passt“, „dass“.

      Allerdings ist diese Regel nicht unumstritten und wird im allgemeinen Sprachgebrauch
      keineswegs durchgängig angewandt. Manche schreiben bewusst und konsequent
      nach den alten Regeln, andere beherrschen die nach der Reform gültige
      Orthographie nicht oder nicht vollständig,
      Letztlich bleibt es dem Schreibenden überlassen, an welche „Regeln“ er sich
      halten will (oder an welche nicht), welcher Schreibnorm er also folgt.

      Mit freundlichen Grüssen

      Schweizer Sprachberatung

      Die Schweizer Sprachberatung erteilt diese Informationen unter Ausschluss jeglicher Haftung.