Wir gucken nur

Am 1. August 2007 fiel eine Brücke in Minneapolis in den Mississippi. Dreizehn Menschen kamen ums Leben, 145 wurden verletzt. So etwas geschieht überall in der Welt, sogar hierzulande. Alleine in den USA sollen in jenem Sommer 75.000 Brücken in einem ähnlichen Zustand gewesen sein: einsturzgefährdet.

Es ist nichts typisch Amerikanisches, wenn wir festhalten: Während der Jahre vor dem Unglück haben die zuständigen Ingenieure ihre vorgeschriebenen Messungen getan und die Ergebnisse in Berichten festgehalten. Sie haben höheren Ortes gewarnt, dass etwas geschehen müsse, und sie werden sicherlich abgestumpft sein unter der wiederholten Erfahrung, dass ihre Arbeit immerhin gut abgeheftet wurde. Ein ausführlicher Bericht über die Brücke Nummer 9340 auf dem Interstate Highway 35W steht in der englischen Wikipedia, eine Kurzfassung gibt es in der deutschen; Neugierige finden dort sogar eine Animation aus Bildern einer Überwachungskamera, wie die Brücke kollabiert.

Da fragt sich der Leser, was die Mississippi-Brücke mit der Sprache zu tun hat. Nichts. Aber dem Autor fällt immer diese Brücke ein, wenn er an die Sprachwissenschaftler denkt, die sich darauf versteifen, wie die Ingenieure in Minneapolis zu beobachten, aufzuschreiben, abzuheften und im übrigen darauf zu hoffen, dass es schon gutgehen werde. Schließlich hat die Sprache schon ganz anderes überstanden (schließlich wurde die Brücke mit so viel Sicherheitsmarge konstruiert), dass man die Sache tiefer hängen kann: Es ändert sich eh nichts.

Genau, so ist es. Bis es zu spät ist. Da mag man einwenden, der Vergleich mit einer Katastrophe mit Toten und Verletzten sei geschmacklos. Auch das stimmt. Für die Geschmacklosigkeit meiner spontanen Gedankenassoziation an jenem Tage kann ich nur um Nachsicht bitten. Sie verfolgt den Autor seither, nun hat er sie aufgeschrieben.

Oliver Baer, Baerentatze vom 6. März 2012
http://www.baer-coach.de/…/wir-gucken-nur

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