Renaissance der Muttersprachen

Die Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache VDS. Dortmund, im Gespräch mit

Dipl.-Ing. Oliver Baer, Autor des Buchs    Von Babylon nach Globylon. 

 SN: Sie machen sich stark für Englisch als Weltsprache. Braucht Englisch Ihre Fürsprache?
Baer: Nein. Ich mache mich stark für Deutsch, für die Muttersprachen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das weiß jeder, aber keiner zieht daraus die Konsequenzen.

SN: Und die wären: Besseres Englisch lernen für alle?

Baer: Eben nicht. Die meisten Benutzer des Englischen sind keine Muttersprachler, sie reden, wie sie es können, und das genügt – fast. Was sie sprechen, ist ein beschränktes Englisch, das wir besser Globisch nennen sollten.

SN: Ist der Unterschied so groß?

Baer: Es sollte mit der englischen Hochsprache nicht in einem Topf verrührt werden. Darunter leidet unsere Sprache, weil alle Ressourcen auf „perfektes Englisch“ verschwendet werden. Wenn diese Hysterie wegfällt, können wir uns wieder auf unsere Sprache besinnen: die Grundlage für sämtliches Lernen – übrigens auch zum Englischlernen, auch für Globisch.

SN: Sprachwissenschaftlich betrachtet, ist Globisch eine Varietät des Englischen. Also kämpfen Sie doch für Englisch, und für Deutsch nur so nebenher.

Baer: Mehr als die Hälfte meines Buches begründet, warum es wichtig ist, dass wir uns auf Deutsch besinnen. Der Aufwand für Englisch von der KiTa bis zur Hochschule, das modische Geschwätz in Wirtschaft und Medien – sie blockieren unsere Wahrnehmung der deutschen Sprache.

SN: Die Unternehmen sagen, sie müssten sich international aufstellen.

Baer: Exportweltmeister war Deutschland, als davon noch keine Rede war. Inzwischen können wir besseres Englisch, aber die Chinesen überholen uns – mit schlechterem Englisch. Die denken übrigens nicht im Traum daran, Englisch als Landessprache einzuführen.

SN: Wissenschaftler müssen auf Englisch veröffentlichen, sonst wird ihre Arbeit nicht zur Kenntnis genommen.

Baer: Das stimmt nur zur Hälfte. Damit sie in die amerikanischen Zitierindizes gelangen, müssen sie auf Englisch zu lesen sein. Ihre Arbeit wird trotzdem ignoriert, wenn sie in einem Englisch daherkommt, das alle Feinheiten ihres Denkens verkleistert.

SN: Was sollten sie stattdessen tun?

Baer: Auf Deutsch denken, forschen, niederschreiben, veröffentlichen. Zugleich die Arbeit übersetzen lassen – von Leuten, die etwas von Englisch verstehen. Woher soll ein Physiker Englisch wie ein native speaker können? Von seinen drei Jahren am MIT?

SN: Und dann auf Englisch veröffentlichen? Dann wird alles gut?

Baer: Sogar das genügt nicht. Der erste Eindruck bestimmt, ob das Papier gelesen wird. Als erstes bemerkt der amerikanische Kollege die Einleitung. Die sieht zwar Englisch aus, wurde vielleicht sogar erstklassig übersetzt, aber sie ist immer noch deutsch.

SN: Wozu hat der Forscher dann teure Übersetzer herangezogen?

Baer: Er hat auf Deutsch gedacht. Engländer sind eine andere Einleitung gewohnt. Ihre ist wie ein Plädoyer vor Gericht, unsere besteht aus einer Begriffsbestimmung. Das guckt sich der Harvardkollege an und – legt es weg. Die Angelsachsen denken anders als wir – nicht besser, nicht schlechter: anders! Und wir müssen die Einleitung für sie neu schreiben.

SN: Müssen wir lernen, wie sie zu denken?

Baer: Dazu müssten wir Englisch mit der Muttermilch, schon während der Schwangerschaft aufsaugen. Dann denken wir wie Engländer.

SN: Wenn es das globale Dorf so will, können wir uns ausschließen?

Baer: Selbstverständlich müssen wir das sogar. Die Artenvielfalt des Denkens aus dem Fenster zu werfen, wäre so nützlich wie der Raubbau, den die Banken veranstalten.

SN: Sie meinen, jede Muttersprache muss ihr Recht verteidigen auf das ihr eigene Denken?

Baer: Das können nur wir, ihre Sprecher, die Sprache selber ist wehrlos.

SN: Inwiefern genügt Globisch statt Englisch?

Baer: Weil es bereits Weltsprache ist.

SN: Ein Englisch zweiter Klasse machen die Kultusminister und Schulbehörden nie mit.

Baer: Das tun sie schon längst. Sie forcieren Englisch auf C1-Niveau, aber die meisten landen nur bei B1. Für Globisch reicht das.

SN: Also können die meisten bereits Globisch?

Baer: Viele, und nur beinahe. Es fehlt eine letzte Anstrengung, Globisch zu normieren: ein bewusst begrenzter Wortschatz, bewusst beschränkte Grammatik sowie der bewusste Verzicht auf alles, was Sprache schön macht: Humor, Wortspielereien, Doppeldeutigkeiten.

SN: Das hat alles schon Esperanto geboten.

Baer: Globisch sprechen bald drei Milliarden, Esperanto nach hundert Jahren nur 100.000. Globisch ist, was Esperanto hätte sein können, aber nie wurde.

SN: Und was haben wir davon?

Baer: Das Ende der Englischlüge und den Anfang einer Renaissance der Muttersprachen.

 

Oliver Baer,    Von Babylon nach Globylon, im   Verlag IFB Deutsche Sprache GmbH

Renaissance der Muttersprachen

1. Auflage, Paderborn 2011, 392 Seiten, 19,60 Euro
, ISBN 978-3-942409-12-4

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2 Antworten

  1. red sagt:

    Bei aller Sympathie für die Idee einer Sprache wie Esperanto, wo begegne ich ihr im Alltag? Erliegen wir da nicht einer Illusion?

  2. Bill Chapman sagt:

    Dipl.-Ing. Oliver Baer ist zu zynisch über Esperanto, eine Sprache, die ich auf meinen Reisen seit mehr als 40 Jahren benutzte. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen diese Sprache sprechen, aber die Anzahl der Sprecher ist sicherlich höher als die 100.000 die er vorschlagen will. Ich glaube nicht, Globish existiert. Schlechtes Englisch existiert. Englisch allein reicht nicht aus, wenn man in Europa reisen will. Es gibt immer noch Platz für Esperanto.
    Die Bewegung für Esperanto als Zweitsprache für uns alle ist auch eine Bewegung für die Muttersprachen.