Über 1000 Sprachen stehen vor dem Aussterben

TyrannosaurusWissenschaftler warnen
Tausende von Sprachen sind nach Einschätzung von internationalen Forschern weltweit vom Aussterben bedroht. Es handelt sich überwiegend um Sprachen ethnischer oder sozialer Minderheiten, wie die Förderinitiative „Dokumentation bedrohter Sprachen“ der Volkswagenstiftung am Mittwoch in Hannover mitteilte.

Für Orang-Utans, Pandabären und andere bedrohte Tierarten werden Millionen gespendet. Die gewaltsame Zerstörung von herausragenden Kulturgütern ruft weltweit Empörung hervor. Dagegen geht das Sterben von Sprachen weitgehend unbeachtet vonstatten.

„Das liegt eindeutig daran, dass man Sprachen nicht anfassen kann“, sagt der Kölner Linguist Prof. Nikolaus Himmelmann. Das Schicksal teilten sie mit anderen Formen immaterieller Kultur wie Musik oder Tanz. Die Volkswagenstiftung hat sich vor 14 Jahren des Problems angenommen und das Mammut-Projekt „Dokumentation bedrohter Sprachen“, kurz DobeS, gestartet. In dieser Woche ziehen 180 Wissenschaftler bei einer Tagung in Hannover Bilanz. Junge Forscher berichten von ihren Reisen nach Sibirien, in den kolumbianischen Regenwald, nach Namibia oder ins Himalaya-Gebirge.

Häufig sind es ethnische Minderheiten, die sich an die Mehrheitsgesellschaft anpassen und mit der Sprache auch Traditionen und Know-how verlieren. Wissen von unschätzbarem Wert etwa über Heilpflanzen im Dschungel oder Schiffsbau geht verloren. Fotoapparat, Audiorekorder und Videokameras haben die Forscher im Gepäck. Ihre gesammelten Daten wandern in das „Language Archive“ im holländischen Nimwegen. Mehr als drei Millionen der Fördergelder von insgesamt 28 Millionen Euro sind in den Aufbau des digitalen Archivs am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik geflossen.

Die meisten Dateien sind über das Internet zugänglich. Allerdings gibt es auch einen geschützten Bereich. „Die Zusammenarbeit mit den Sprechergemeinschaften ist uns sehr wichtig. Es geht darum, Kulturen nicht zu gefährden“, betont die Betreuerin der Förderinitiative bei der VW-Stiftung, Vera Szöllösi-Brenig. Beispielsweise musste ein Projekt vom Nordiran in den Nordirak verlegt werden, weil ein politisch verfolgter Kontaktmann aus dem Iran fliehen musste.

Die Dokumentationen auf CDs und DVDs werden auch den Befragten zur Verfügung gestellt. Sie dienen mancherorts als Grundlage für Schulbücher, die Kindern die Muttersprache ihrer Eltern nahebringen. In Australien, berichtet Szöllösi-Brenig, haben die Ergebnisse der Linguisten sogar juristisches Gewicht. Vor Gericht kann eine Aborigines-Gemeinschaft ihr Recht auf ein Stück Land beweisen, wenn sie in ihrer Sprache Bezeichnungen für die nur dort wachsenden Pflanzen hat.

Forschungen im Dschungel

Bei ihren Feldstudien tauchen die Linguisten in andere Welten ein. Seit 1998 bricht Frank Seifart regelmäßig in den Dschungel auf und studiert die Sprachen Bora und Resígaro der indianischen Bevölkerung. Die Jüngeren sprechen nur noch Spanisch. Es sei so ähnlich wie beim Plattdeutschen in Norddeutschland, sagt der Linguist aus Leipzig: „Die eigene Sprache wird als antiquiert angesehen. Man meint, im Alltag bringe sie nichts mehr.“

Auf dem amerikanischen Kontinent hatten Seifart zufolge nur die Maya und verwandte Völker eine Schriftsprache. In Peru und Kolumbien beeindruckten den 42-Jährigen der Umfang und die Vielfalt der nur mündlich übermittelten Literatur. Es gebe bei den Bewohnern des Nordwestens Amazoniens unterschiedliche Genres, philosophische Texte und unzählige Lieder mit Bezügen untereinander, schwärmt der Sprachforscher. „Sie haben einen riesigen Wissens- und Kulturschatz. Damit könnte man ganze Bibliotheken füllen.“

Hannover. Rheinische Post vom 5. Juni 2013 http://www.rp-online.de/kultur/ueber-1000-sprachen-stehen-vor-dem-aussterben-1.3445970

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