Because we are such English canners

lbbspikenglischewellIm Streit, was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg für die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn, man schaute genauer hin. Sprachen sind kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schläge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt.

Der SPIEGEL hatte über das Treiben der Landesbank Berlin (LBB) mit einem amerikanischen Kunden in Kalifornien berichtet. Er ist ein Erfolgsmensch aus der Wirtschaft, verheiratet mit einer Deutschen, und auf Englisch so gut zu Fuß, wie es von einem Muttersprachler zu erwarten ist. Den Internetzugang zu seinem Konto hatte die Bank lange Zeit nicht auf die Beine gestellt, bis dahin verkehrte man miteinander per E-Mail. Möglich ist ja vieles, man muss es nur wollen, und ein bisserl vorsichtig bleiben. Ungewöhnlich ist nur: Die Bank ließ sein Konto von Betrügern nach und nach leerräumen. Wie das? Nun, die Betrüger hatten sie ganz freundlich – ebenfalls per E-Mail – dazu aufgefordert.

Die Verkehrssprache zwischen den Gaunern und der Bank war Englisch, genauer ein dürftiges Englisch, die Korrespondenz strotzte nur so von Fehlern. Die Bank überwies trotzdem stets wohin und wieviel die Gauner in schlechtem und der Kunde in makellosem Englisch anwiesen. Als endlich der Kunde seinen Kontostand zum erstenmal auf dem Bildschirm zu sehen bekam, war das Konto leer.

Empfinden wir Schadenfreude, weil da jemand in der Bank nicht genug Englisch draufhatte? Wohl kaum, schlechtes Englisch müsste durchgehen, Hauptsache,  man versteht sein Fach. Aber es gibt Positionen, da zählt die Verständigung in der Welthandels- und Verkehrssprache zur Grundausstattung. Beispielsweise als Bankier im internationalen Geschäftsverkehr. Uns geht der Fall nahe wegen der Pointe, deren Feinheit auch den Spiegelautoren entging: Die Weltsprache ist, jedenfalls bei der LBB, offenbar gewohnheitsmäßig so übel. Sonst wäre aufgefallen: Der echte Kunde schreibt ausgezeichnetes, die Betrüger schreiben grottiges Englisch, das sich auf Deutsch etwa so anhören würde: „Sie haben meinen Tag retten“. Der Unterschied fiel keinem auf.

Im Alltag geht es nicht nur der LBB so, und die Ursache ist leicht zu verstehen. Die Welthandels- und Verkehrssprache ist nämlich nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch, wie uns der Linguist David Crystal aus Cambridge versichert. Gutes Englisch verstehen selbst wir beflissenen Deutschen nicht, obwohl bei uns die halbe Bevölkerung treuherzig an die Heilkräfte einer perfekten englischen Sprachbeherrschung glaubt. Diese Frömmelei bildet den Hintergrund, vor dem die Universitäten das Deutsche zugunsten des Englischen verdrängen; in der Schule unterrichtet kein Staat seine Muttersprache so wenig wie wir es hierzulande tun, und nirgends foltert man so viele Babys in der Wiege durch Berieselung mit Frühenglisch von der CD wie in Deutschland.

So lasset uns den Knoten entwirren! Als erstes unterscheiden wir, wo ein gutes Englisch angebracht ist: Beispielsweise bei der LBB müsste es nur einer können, ein einziger Mitarbeiter genügt dafür. Als zweites entdecken wir: Gutes Englisch (bitte langsam lesen: gutes Englisch) ist so nötig wie gutes Italienisch, in aller Regel ist es ein Luxus, keine berufliche Notwendigkeit. Drittens genügt für die Karriere ein schlichtes (wieder langsam: kein schlechtes) Englisch nicht nur, es ist dem guten Englisch sogar vorzuziehen. Doch, Sie haben es langsam ganz korrekt gelesen.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Selbst die meisten englischen Muttersprachler (vier Prozent der Weltbevölkerung) beherrschen ihre Sprache nicht, so wenig wie die 40  Prozent der Weltbevölkerung, die auf Englisch irgendwie über die Runden kommen müssen, und schon gar nicht die restlichen 56 Prozent der Weltbürger, die überhaupt kein Englisch können, nicht einmal „Guten Tag!“ Wozu auch? Mit anderen Worten: Das gute Englisch, das fleißige Deutsche zu erwerben suchen, würden sie im Erfolgsfall mit ein paar Millionen gebildeten Menschen weltweit teilen, zusammen vielleicht 0,1 Prozent aller Weltbürger – wenn es mal so viele sind. Alle anderen verstehen Bahnhof, sobald Sie Ihr teuer erworbenes Englisch auspacken.

Unser Aufwand für Englisch ist für die Katz, schlimmer: Er schadet jedem, der gutes Englisch wirklich beherrschen möchte oder muss, denn die Voraussetzung für jegliches Lernen (auch der italienischen Kultursprache) ist die Muttersprache, und die wird hierzulande in voller Absicht einer Ideologie preisgegeben, derzufolge Englisch wichtiger sei. Torten backen ohne Tortenboden, das wird ein Obstsalat, kein guter. Muttersprache, das sei mal erwähnt, ist hierzulande die deutsche Sprache, zugleich Verkehrssprache zwischen den Eingeborenen und den Eingewanderten sowie der Eingewanderten untereinander. Falls Sie das Wort Migrationshintergrund vermissen: In meiner Sprache sind Einwanderer Einwanderer, nicht Migranten (Nomaden) mit irgendwelchem Hintergrund.

Ohne gutes Deutsch lernen Deutsche und Einwanderer zu wenig, sie erwerben auch nicht das Allheilmittel Englisch. In den Kultusministerien begreift das keiner, sonst hätten sie schon längst wieder die angemessenen Stundenzahlen für den Deutschunterricht in den Lehrplänen festgeschrieben. Und noch etwas: Hätten sie es verstanden, dann wüssten sie in den Ministerien: Wir brauchen einige Zigtausend ausgezeichnet ausgebildete Übersetzer und Dolmetscher, die in allen Fällen einspringen, wo gutes Englisch unerlässlich ist. Sie hätten die Aufgabe, an den Hochschulen die deutschen Veröffentlichungen in ausgezeichnetes Englisch zu übertragen. Und zwar auf Staatskosten, denn die geistige Infrastruktur eines Hochlohnlandes ist wichtiger als die Autobahnen! Ja was denn sonst? Wer Autobahnen für wichtiger hält als Investitionen in den Geist, bekommt, was er verdient: Schlaglöcher.

Aber nein, lieber blamieren wir uns mit der Zweitklassigkeit, auf die wir zielstrebig zusteuern, seit wir eigene Gedanken nicht mehr zustandebringen. Es ist für den Kopf bequemer, die Schablonen aus Amerika nachzubeten: Englisch sei nun mal die Weltsprache, man sei international aufgestellt, und überhaupt, alle Welt spreche doch Englisch (außer den Terroristen), und da müssten wir eben noch besseres Englisch lernen und so weiter. Denkersatz wie: Man kann es sich ja nicht aussuchen. Merke: Unabsteigbar ist auch Deutschland nicht.

Zurück zu dem Kalifornier mit dem Berliner Zweitwohnsitz. Die Sache ist hängig, die Bank hält ihn, den Kunden, für den Betrüger. Die in der Bank sind halt English canners!

VDS-Sprachnachrichten  3/2013 / KOLUMNE BAERENTATZE.    <baerentatze.de>

Dipl.-Ing. Oliver Baer ist Berater , Blogger und Marketingsexperte. „Sprache im Geschäftsleben“ ist sein Beruf. Sein Buch „Von Babylon nach Globylon“ erschien 2011 im IFB Verlag Deutsche Sprache.

Sie können “Von Babylon nach Globylon” in Ihrer Buchhandlung beziehen oder direkt bestellen beim IFB Verlag Deutsche Sprache GmbH, Schulze-Delitzsch-Str. 40,  33100 Paderborn, info@ifb-verlag.de

 

 

 

 

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