Rechtschreibreform:
Vom Pfusch in den Wirrwarr

SOK und Reclam weisen einen Ausweg

Stefan Stirnemann

Der sachkundige Journalist Dankwart Guratzsch findet in der WELT vom 15. November starke, das heisst die richtigen Worte; er schreibt unter dem Titel «Nichts als Pfusch» einleitend: «Die Rechtschreibreform ist krachend gescheitert. Die Regeln des Schreibens haben ihre Verlässlichkeit verloren. Es wird höchste Zeit, dem Wirrwarr ein Ende zu setzen.»

Welche Tatsachen stehen hinter diesem Werturteil? Bis ins Jahr 1996 hatten wir eine weitestgehend einheitliche und sprachrichtige, also voll zweckmässige Rechtschreibung. Dann haben die Bildungspolitiker der deutschsprachigen Länder mit einem zerstörerischen Eingriff, genannt Reform, die Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit aufgehoben; und die sind bis heute nicht wiedergewonnen.

Wo zeigt sich der Wirrwar? Der Verlag Rowohlt gibt Harper Lees Klassiker «Wer die Nachtigall stört» gleichzeitig in zwei verschiedenen Rechtschreibungen heraus, als Taschenbuch herkömmlich, als Sonderausgabe nach der Neuregelung. Lesen wir im Taschenbuch herkömmlich: «Ich habe dem Lokomotivführer ’ne Zeitlang geholfen», so steht in der Sonderausgabe: «Ich habe dem Lokomotivführer  ’ne Zeit lang geholfen». Das herkömmliche und sprachrichtige «neulich morgen» liest sich in der Sonderausgabe als «neulich Morgen». Mr. Tate, der sich im Taschenbuch schneuzt, muss sich in der Parallelausgabe schnäuzen. Hanser druckt Iwan Gontscharows «Oblomow» in der neuen und schönen Übersetzung Vera Bischitzkys in einer bemerkenswerten Mischung aus herkömmlicher Rechtschreibung und Neuregelung. Wer heute viel liest, kommt zwingend zum Schluss, dass die Rechtschreibung Nebensache ist. Dieser Zustand ist unhaltbar in einer Gesellschaft, die vom geschriebenen Wort lebt.

 Ausweg aus dem Wirrwarr

Den Weg zu einer einheitlichen und sprachrichtigen Rechtschreibung weist die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) mit ihren Empfehlungen. An ihrer letzten Tagung, die am 27. Juni in den Räumen der NZZ stattfand, nahmen auch der Verlagsleiter und die Lektoratsleiterin des Reclam Verlages teil. Im Vorfeld der Tagung wurde bekannt, dass sich Reclam an die Empfehlungen der SOK hält. Es ist bezeichnend für die Debatte, die in Deutschland zum Thema stattfindet, dass das «Börsenblatt», Fachmagazin der Buchbranche, den Entscheid unter dem Titel «Rechtschreibsturm im Wasserglas» sogleich zu verharmlosen versuchte. Der Reclam Verlag veröffentlichte eine wohltuend sachliche Mitteilung: «Für den Reclam Verlag war in seiner Verlagsgeschichte der Duden. Die deutsche Rechtschreibung niemals die verbindliche Instanz in Sachen Rechtschreibung. Reclam folgt nicht erst neuerdings den Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK), sondern orientiert sich seit deren Konstituierung an ihnen, folgt diesen allerdings auch nicht in allen Punkten (was schon z.B. der Schweizerischen Ermangelung des ß wegen nicht geht). Reclam stand und steht weiterhin der Rechtschreibreform kritisch-konstruktiv gegenüber und bleibt in letzter Instanz dem Willen seiner Autoren wie auch der historischen Schriftsprache der deutschsprachigen Klassiker verpflichtet.» Was bedeutet Reclams Entscheidung? Dass in modernen und massgeblichen Ausgaben und Reihen in den Schulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sprachrichtige Schreibweisen wie die folgenden wieder üblich sind: greulich,  im allgemeinen, die letzteren, heute morgen, die laut Neuregeulung alle falsch sind. Was unternimmt der Rat für Rechtschreibung jetzt?

Hinweise

Die Welt: http://www.welt.de/…/Nichts-als-Pfusch.html

Börsenblatt: http://www.boersenblatt.net/628932/

Reclam Verlag: http://www.reclam.de/

Stefan Stirnemann ist Bündner Kantonsschullehrer, St. Gallen, und Mitglied der Arbeitsgruppe der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK)

 

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