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Vom «Land, wo die Zitronen blühn», zum Rigi

Vom «Land, wo die Zitronen blühn», zum Rigi Goethes Italien-Sehnsucht: «Kennst du das Land…»(ar) Wenige Tage nach seinem 37. Geburtstag, am 3. September 1786, trat Johann Wolfgang Goethe seine langersehnte Reise nach Italien, dem Land der klassischen Kunstschätze, an. In der «Italienischen Reise» schildert er den fluchtartigen Aufbruch mit folgenden Worten:

Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten August, meinen Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern mochte, erwarb sich
wohl dadurch ein Recht mich fest zu halten; allein hier war nicht länger zu säumen. Ich warf mich, ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und gelangte halb acht nach Zwodau, an einem schönen stillen Nebelmorgen. Die obern Wolken streifig und wollig, die untern schwer. Mir schienen das gute Anzeichen. Ich hoffte, nach einem so schlimmen Sommer einen guten Herbst zu geniessen.

In einem Brief aus Venedig rechtfertigte er im Oktober 1786 sein heimliches Verschwinden mit einer sich über Jahre ins Unerträgliche steigernden Sehnsucht nach Italien:

Hätt ich nicht den Entschluss gefasst, den ich
jetzt ausführe, so wäre ich rein zu Grunde gegangen und zu allem unfähig geworden, solch einen Grad von Reife hatte die Begierde, diese Gegenstände mit Augen zu sehen, in meinem Gemüt erlangt.

Im Reisegepäck führte Goethe einige unvollendete Werke mit sich, an denen er unter südlichem Himmel mit frischer Schaffenslust hoffte weiterarbeiten zu können. Darunter befand sich die erste Fassung des Romans «Wilhelm Meisters Lehrjahre». Sie enthält eines der bekanntesten Gedichte Goethes, das Mignon-Lied «Kennst du das Land …»; ein beredtes Zeugnis seiner Italien-Sehnsucht. In der endgültigen Fassung des Romans steht dieses Gedicht, wie von der Romanhandlung losgelöst, am Anfang des dritten Buches:

«Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut;
Kennst du ihn wohl?

Dahin! Dahin

Geht unser Weg! O Vater, lass uns ziehn!»

Der Romanleser kann zunächst nur ahnen, wer dieses Lied singt, welchen Zusammenhang es mit Romangestalten haben könnte. Erst hinterher erfahren wir, dass Mignon, ein fremdes und scheues Mädchen, vor der Türe von Wilhelm Meisters Gasthauszimmer singt, von einer Zither begleitet. Das Lied gefällt Wilhelm so sehr, dass Mignon es wiederholen muss; er schreibt es auf und übersetzt es ins Deutsche. Die «Originalität der Wendungen», heisst es im Roman, habe er jedoch nichtnachahmen können und die «kindliche Unschuld des Ausdrucks» sei verschwunden…


«Kennst du das Land…» in der Musik

Als beinahe selbständiges Gebilde steht dieses Lied also im Roman; zudem nahm Goethe es wie andere Gedichte aus dem «Wilhelm Meister» in seine Gedichtausgaben auf und reihte es dort unter dem Titel «Mignon» an erster Stelle in die Abteilung «Balladen» ein. Im Roman schildert Goethe, wie Mignon das Lied vorgetragen habe, und gibt so dem Heer von Komponisten unterschiedlichsten Ranges, die es seither vertont haben, eine Art Anleitung:

Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vor-tragen wollte. Bei der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und düsterer; das: kennst du es wohl? drückte sie geheimnisvoll und bedächtig aus; in dem: dahin! dahin! lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr: Lass uns ziehn! wusste sie, bei jeder Wiederholung, dergestalt zu modifizieren, dass es bald bittend und dringend, bald treibend und viel-versprechend war.

Für die Artemis-Gedenkausgabe von Goethes Werken erstellte der Musikwissenschafter Willi Schuh ein bis 1953 reichendes Verzeichnis der Vertonungen Goethe“scher Texte. Einzelne Gedichte, schrieb Willi Schuh, seien an die zweihundertmal vertont worden, so z. B. «Sah ein Knab’ ein Röslein stehn» und «Der du von dem Himmel bist». Deshalb habe er Komponisten (vor allem Dilettanten) weg-gelassen, die sich in keinem Nachschlagewerk nachweisen liessen und sonst nicht als Vertoner von Goethe-Texten bekannt waren. Auch so ist die Liste imposant genug. Sie umfasst auf 65 Seiten in Kleindruck 735 Nummern, die meisten mehrmals, einzelne mehrere Dutzend Male vertont. Hier eine «Rangliste» (in Klammern: Gedicht-Titel):

1. «Der du von dem Himmel bist» (Wanderers Nachtlied): 127 Vertonungen

2. «Über allen Gipfeln ist Ruh» (Ein gleiches): 107 Vertonungen

3. «Ich denke dein» (Nähe des Geliebten): 87 Vertonungen

4. «Kennst du das Land» (Mignon): 80 Vertonungen

5. «Wie herrlich leuchtet» (Mailied): 76 Vertonungen

6. «Wer reitet so spät» (Erlkönig): 59 Vertonungen.

Das Mignon-Lied zählt also zu den am häufigsten vertonten Goethe-Texten und bis in unser Jahrhundert hinein zu seinen populärsten Gedichten. Unter den Komponisten, die es vertonten, finden sich illustre Grössen: Ludwig van Beethoven, Charles Gounod, Franz Liszt, Franz SchubertINSERT INTO `skd_posts` VALUES(2 x), Robert SchumannINSERT INTO `skd_posts` VALUES(2 x), Ludwig Spohr, Peter I. Tschaikowskj, Hugo Wolf. Die übrigen 70 Vertonungen stammen von weniger bekannten oder gänzlich in Vergessenheit geratenen Komponisten. An erster Stelle wäre Carl Friedrich Zelter (1758–1832) zu nennen: Er war ursprünglich Maurermeister und Bauunternehmer, später Professor für Musik an der Akademie der Künste und Direktor der Singakademie in Berlin. 1799 lernte er Goethe kennen und wurde bis zum Lebensende – sie starben beide im Jahr 1832 – sein Freund und sein Ratgeber in musikalischen Dingen. Er vertonte viele Goethe-Texte, das Mignon-Lied allein sechsmal.


«Kennst du das Land…» – und Mignons Schicksal

Mignons Lied ist wohl Ausdruck einer allgemeinen Sehnsucht nach südlichen Ländern; es hat aber darüber hinaus viel zu tun mit Mignons im Dunkel liegenden Vergangenheit. Eine wunderbare Erinnerung an Kinderjahre in paradiesischer südlicher Landschaft muss in ihr lebendig sein; dorthin möchte sie zurück. Nach der Wiederholung des Liedes…

…hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: Kennst du das Land? – Es muss wohl Italien gemeint sein, versetzte Wilhelm; woher hast du das Liedchen? – Italien! sagte Mignon bedeutend: gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier. – Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine? fragte Wilhelm. – Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.

Hier in Umrissen die abenteuerlich-tragische Geschichte: Mignons Vater, ursprünglich zum geistlichen Stand bestimmt, versucht nach dem Tode seines Vaters von seinen Gelübden freizukommen, weil er Sperata liebt, ein Mädchen unbekannter Herkunft,das erst vor kurzem in die Nähe des väterlichen Palastes gezogen ist. Als er aber mit dem Wunsch hervortritt, Sperata zu heiraten, da sie ein Kind von ihm erwarte, eröffnet ihm der Beichtvater der Familie, Sperata sei in Tat und Wahrheit seine lange verborgen gehaltene leibliche Schwester. Mit Gewalt wird er ins Kloster zurückgebracht, wo sich Verzweiflung und Wut schliesslich zu stummer Rastlosigkeit herabmildern. Sperata bringt ein Mädchen, Mignon geheissen, zur Welt. Es entwickelt sich zu einem gewandten, artistisch begabten Kind und wird von einer fahrenden Gauklertruppe entführt. Es muss als Tänzerin auftreten, wird oft misshandelt, bis Wilhelm Meister es von seinem Peiniger freikauft. Von da an ist Mignon ihrem Erretter in kindlicher Liebe ergeben und sorgt sich als aufmerksame Dienerin um ihn.

Da man nach Mignons Entführung als einziges Lebenszeichen einen auf dem See vor dem Palast schwimmenden Hut findet, glaubt man, sie sei bei einer ihrer gewagten Klettereien abgestürzt und ertrunken. Darob versinkt die Mutter Sperata in eine Art religiösen Wahn und stirbt nach wenigen Jahren. Sobald er ihren Tod vernimmt, flieht ihr einstiger Geliebter aus dem Kloster über die Alpen, schlägt sich als fahrender Sänger durch und gerät zuletzt in Wilhelm Meisters Gesellschaft. Die Geschichte endet mit dem Tode Mignons und ihres Vaters; sie sind Opfer der tragischen Verstrickungen.

Düster ist also der Hintergrund des Mignon-Liedes. Man sollte es nicht bloss als «poetischen», schönen Ausdruck einer Sehn-sucht nach dem Süden lesen; man müsste die im Text selber enthaltenen Hinweise auf ein schlimmes Geschick beachten. – Doch wenn ein Gedicht so populär wird wie das Mignon-Lied, so besteht die Gefahr, dass man es veräusserlicht, nachahmt und zuletzt verballhornt.


«Musenalmanach» und «Taschenbuch» – «Alpenrosen. Ein Schweizer Almanach»

Im 18. und 19. Jahrhundert waren im gebildeten Bürgertum hübsch aufgemachte, jährlich erscheinende Sammlungen poetischer Texte sehr beliebt: Gedichte, Erzählungen, kleinere
Dramen oder Dramenausschnitte, Reise
beschreibungen. Es bildete sich eine neue Form des alten Almanachs oder Kalenders her-aus, bald «Musenalmanach», bald «Taschen-buch» genannt.

Auch in der Schweiz waren «Almanache» sehr beliebt. Von 1811 bis 1830 erschienen Jahr für Jahr die «Alpenrosen», zierliche Duodezbändchen von jeweils etwa 300 Seiten: «Alpenrosen – ein Schweizer Almanach… her-ausgegeben von Kuhn, Meisner, Wyss u. a. mit Kupfern.» Er wurde in Bern bei J. J. Burgdorfer verlegt, später gesellte sich ein Leipziger Verleger dazu. Nach 1830 wurden die «Alpenrosen» in etwas grösserem Format von neuen
Herausgebern bis in die 50er Jahre weiter geführt. In späteren Jahrgängen erschienen hie und da Erzählungen von Jeremias Gotthelf, so z. B. 1851 «Das Erdbeerimareili». – Wer waren nun die ersten Herausgeber Kuhn, Meisner und Wyss?

Gottlieb Jakob Kuhn (1775–1849) studierte in Bern Theologie, war von 1799–1806 Vikar in Sigriswil, zwischendurch Lehrer in Bern, dann von 1812–1824 Pfarrer in Rüderswil und von 1824 bis zu seinem Tod in Burgdorf. Dort gehörte er dem gleichen Pfarrkapitel an wie Gotthelf. So wie Martin Usteri in Zürich trat Kuhn in Bern als einer der ersten Mundartdichter hervor und verfasste einige Lieder, die zu beliebten Volksliedern wurden und mindestens bei älteren Leuten noch heute bekannt sein dürften: «Ha an em Ort es Blüemli gseh», «Härz, wohi zieht es di», «I de Flüehne ist mis Läbe», «Der Ustig wott cho» und andere.

Friedrich Meisner (1765–1825) aus Hannover war Professor für Naturgeschichte in Bern. Mit seinen Schülern unternahm er Wanderungen in den Alpen und verfasste ausführliche Berichte darüber. Man dürfe ihn als Begründer der heutigen Schulreisetradition bezeichnen, schreibt Hans Sommer in «Volk und Dichtung des Berner Oberlandes». (S. 188)

Johann Rudolf Wyss der jüngere (1781–1830), Professor für Philosophie an der bernischen Akademie, beschäftigte sich intensiv mit schweizerischer Geschichte und Volkskunde, und gab gemeinsam mit Pfarrer Stierlin die Chroniken von Justinger, Tschachtlan und Anselm heraus. 1811 – Napoleon herrschte noch über Europa und liess Jahr für Jahr Heerscharen junger Männer für seine Kriege rekrutieren – dichtete Wyss das patriotische Lied «Rufst du mein Vaterland», bis nach dem 2. Weltkrieg Schweizer Nationalhymne.

Die paar Hinweise stecken den inhaltlichen Rahmen der «Alpenrosen» ab: Lyrische Gedichte – mehr oder weniger sentimentale Natur- und Stimmungsgedichte sowie Sinnsprüche und Betrachtungen –, Balladen, Erzählungen – darunter zahlreiche Sagen und historische Erzählungen – und Reiseberichte. Ein oft religiös angehauchter patriotischer Grundton klingt in vielen Texten und Bildern mit.

Der Titel des Almanachs kündigt es an: Alpen, Alpenbewohner und Hochgebirgswelt spielen eine wichtige Rolle. Das 18. Jahrhundert leitete mit Albrecht von Hallers berühmtem Gedicht «Die Alpen» und mit einer Reihe bedeutender Maler, die Berglandschaften zu gestalten wagten, einen Wandel in der Einstellung zur Gebirgswelt ein. Hielt man sich bisher, von wenigen mutigen Einzelgängern abgesehen, in respektvoller Distanz zu den Bergen, so begann man nun die Alpen als unverfälschte, paradiesische Natur zu preisen und die Älpler idealisierend als unverdorbene Naturmenschen den verzärtelten Städtern
gegenüberzustellen. In den «Alpenrosen» 1813 dichtet Johann Rudolf Wyss der jüngere ein «Berglied zum Beginn einer Alpenreise».

Darin stehen die folgenden Verse:
«Fahre wohl, du schöne Stadt!

Bin von Herzen deiner satt.

Treibst mir eben gar zu viel
Tändeley und Possenspiel.

O wie Gottes freye Welt
Meinem Auge wohlgefällt!
Ueberall auf Wald und Flur
Eines guten Vaters Spur! –

Hui, wie geht“s im Fluge fort! –
Schau zurück am Hügel dort:
Unsre theure Stadt – mit Gunst –
Ist fürwahr ein blauer Dunst.

Doch nun vorwärts aufgeseh“n! –
Wie so mächtig, wie so schön
Aus der grauen Nebel Meer
Steigt der Berge Riesenheer!»

Wer es sich leisten konnte, Adlige und reiche Bürger, reiste in die Berge; bereits im frühen 19. Jahrhundert strömte eine Welle
von Touristen an die bekanntesten Orte in den Schweizer Bergen. Erstaunlich, was im selben Jahrgang 1813 August Wilhelm Schlegel,
Alpenrosen 1818 – Rückseite Einband Schäferin (Rokoko-Motiv)
einer der wenigen berühmten Autoren in den «Alpenrosen», schreibt:

Chamouni ist die Alpenreise nach der Mode; der Montblanc ist der eigentliche Damenberg geworden, wiewohl ihn seine Natur keineswegs zu einem Schooskinde bestimmt. Ich bin auf dem Montanvert («Le Montenvers», Aussichtspunkt auf 1909 m. ü. M. über dem «Mer de Glace», heute mit Bahn erreich-bar) mit einer berühmten Parisischen Comödiantin zusammen getroffen, die sich, ungeachtet ihrer unbehülflichen Corpulenz, dennoch, der schönen Natur zu Ehren, hatte hinauf-schieben lassen, und in vollem Triumph, wie eine wahre Theaterprinzessin, zwischen den Coulissen der Berge erschien, auf einem Armsessel getragen, voran ihre Begleitung aus der schönen Welt, hinter ihr die zahlreichen Führer, welche sich beym Tragen hatten ablösen müssen, und nun für die saure Mühe, durch Scherze in ihrer Savoyischen Mundart sich entschädigten. Was man aber auf den Montblanc reisen nennt, bedeutet nichts mehr als an seinem Fusse herum kriechen: denn der Gipfel ist, auch seitdem ihn Saussure und einige An-
dere erklommen, für den Unternehmungsgeist und die Kräfte fast aller Reisenden… gleich unzugänglich geblieben.

Liest man heute in «Alpenrosen» – Bändchen, so kann man sich am blumigen Stil und am gestelzten Pathos vieler von gebildeten Dilettanten verfasster Texte ergötzen. Diese Leute haben ihre Klassiker gelesen, sie bewundern die Werke von Goethe und Schiller und erfreuen sich an Dichtungen romantischer Poeten. Mehr noch, sie eifern den verehrten Vorbildern nach, und wie es meistens bei Nachahmungen geschieht: Sie neigen zur Übertreibung, wirken greller und gröber als die Vorlage.


«Kennst du das Land…» als Muster für «Alpenrosen»-Poesie

Alles, was bis jetzt über die «Alpenrosen» gesagt wurde, tritt im folgenden Gedicht aus dem Jahrgang 1827 zutage. Die Verfasserin, Agnes Emerentia Geyer, konnte sich offen-bar Reisen in die Berge leisten: Sie schwelgt in sentimentalen Erinnerungen an Ferien im Rigigebiet. Um ihre Sehnsucht danach gebührend auszudrücken, sucht sie nach einem tauglichen Muster. Was lag da näher, als auf Goethes allgemein bekanntes und beliebtes Sehnsucht-Gedicht «Kennst du das Land…» zurückzugreifen? Bedenkenlos übernimmt sie daraus das Strophenschema und die Refrainsätze: «Kennst du den Berg… / Kennst du ihn wohl? – Dahin, dahin / Möcht“ ich mit dir… zieh“n!»

«Auf den Rigi

Kennst du den Berg und seine Felsenhöh“n,
Wo frommen Sinns der Pilger Scharen geh“n,
In heil“ger Andacht sich Maria weih“n
Zerknirschten Herzens rufen um Verzeih“n?

Kennst du ihn wohl? – Dahin, dahin,

Möcht“ ich mit dir nach Älplersitte zieh“n!

Kennst du die Ros“, die freundlich lächelnd winkt,
Im Perlenthau auf allen Hügeln blinkt?
Und das Geläut, das muntrer Heerd“ enttönt?
Und dich so bald mit aller Welt versöhnt?

Kennst du es wohl? – Dahin, dahin

Möcht“ ich mit dir in eine Hütte zieh“n!

Kennst du den Duft, der würzig dich umfliesst,
Mit Lebenskraft aus allen Pflanzen spriesst?

Die Lüfte weh“n vom nahen Himmel dir,
Gesundheit quillt aus kalten Wellen hier.

Kennst du sie wohl? – Dahin, dahin!

Da trinkt sich Lebenslust und froher Sinn“,

Kennst du den Ruf, der von der Höhe schallt,
Das laute Horn, das lieblich widerhallt?
Der Gaiss ertönt“s, die über Klippen springt,
Und meckernd froh die süsse Milch dir bringt.

Kennst du den Berg? – Dahin, dahin,
Möcht“ ich mit dir als freye Älplerin!»

Heutige Leserinnen und Leser reihen diesen Text wohl schmunzelnd in die Kategorie «sentimentaler Kitsch» ein. Wir wollen indessen nicht bloss hochmütig darüber lächeln; denn Kitsch und Sentimentalität gibt es auch heute massenhaft, nur in anderer Gestalt. Ja, wenn wir ehrlich sind, müssen wir wohl zugeben, dass wir alle irgendwo unsere «Kitsch-Ecke» haben und für Sentimentalität anfällig sein können. Die Erscheinungsformen mögen sich wandeln, die dahinter stehenden menschlichen Bedürfnisse und Regungen dagegen scheinen die Zeiten zu überdauern. So mag es zu erklären sein, dass Dinge, die eine spätere Zeit als kitschig und sentimental belächelt, zu ihrer Zeit einem breiten Publikum gefallen und ernst genommen werden. Das Gedicht «Auf den Rigi» etwa war nämlich bereits in einem früheren Jahrgang der «Alpenrosen» erschienen und offenbar begeistert aufgenommen worden, jedenfalls schrieb ein gewisser Herr F. Huber die nachfolgende «Antwort»; sie erschien, zusammen mit dem Geyerschen Gedicht, in den «Alpenrosen» 1827:

«Wohl kenn“ ich sie, des Berges Felsenhöh“n,
Sah Pilger dort in Scharen betend geh“n,
Und andachtvoll, noch eh“ die Sonne schien,
Die Frommen vor Marias Bildnis knie“n!
Wie gern auch ich doch möcht“ ich hin
Nach jener gottgeweihten Höhe zieh „n!

Ich sah sie steh“n, – es spiegelte das Blau
Des Himmels in der Alpenrose Thau,

Und das Geläut der Heerde, die nicht fern
Am Abhang weidete, wie hört“ ich“s gern!
O süsser Ton! zu dir nun hin

Sehnt ewig sich das Herz, der Geist, der Sinn!

Des Alphorns Ruf, der jener Heerde galt,
Ich hört“ ihn lang, und ewig widerhallt

Der Ton im Innern mir, – der freundlich mild
Dem Fremdling selbst die Brust mit Sehnsucht
füllt.

Den trauten Klang – stets hör“ ich ihn,

Musst“ ich auch weit von dort zur Heimath
zieh“n!

Sah“st du das Haus, das gastlich oben steht,
Das fromme Kreuz“ auf Rigi“s Kulm erhöh“t?
Wenn kaum von Phöbus erstem Sonnenstrahl
Das Haus erglüh“te und der Dulderpfahl,

War ich schon dort. – O nie entflieh“n

Wird all das Bild aus meinen Fantasie“n!»

Doch nicht genug damit, beide Texte, das Gedicht der Geyer und Hubers «Antwort», wurden von Pfarrer Roux in der Nähe von Murten ins Französische übertragen und in den «Alpenrosen» 1827 in vollem Wortlaut abgedruckt. Und obendrein gab man auf einem eingebundenen Faltblatt eine Vertonung bei für eine Singstimme mit «Piano-Forte»-Begleitung, Vortragsanweisung: «Mit innigem Ausdruck». Da gibt es nichts mehr zu zweifeln: Die Herausgeber der «Alpenrosen» und ihre Leserschaft nahmen diese poetischen Erzeugnisse ernst und hätten vermutlich unser Urteil entrüstet zurückgewiesen.


Goethe und die Bergwelt

Ich weiss leider nicht, ob die Rigi-Gedichte im «Mignon»-Ton dem Herrn Geheimrat in Weimar je zu Gesicht kamen und wie er sie aufgenommen haben könnte. Vielleicht geben indessen die folgenden Prosatexte Goethes indirekte Hinweise, wie die Antwort aussehen könnte.

Goethe war mehrmals in der Schweiz und unternahm ausgedehnte Wanderungen in den Bergen, so u. a. im Herbst 1779 mit dem Herzog Karl August zusammen. Sie besuchten das Berner Oberland; sie ritten zu Pferd von Basel durch den Jura nach Genf und bestiegen unterwegs die Döle. Dann reisten sie weiter nach Chamonix, von dort über den Col de Balmes ins Wallis, das ganze Wallis hinauf und, es war unterdessen bereits Mitte November, bei winterlichem Schneetreiben über den Furkapass nach Realp. Das war nicht mehr eine Bergreise, wie sie damalige Touristen zu machen pflegten, sondern ein für Unterländergewagtes Abenteuer. Über diese Reise hat Goethe einen ausführlichen Bericht geschrieben: «Briefe aus der Schweiz 1779».

Wenn Goethe die Bergwelt beschreibt, er-geht er sich nicht in romantischer Schwärmerei. Zwar lässt er erkennen, wie ihn die majestätische Schönheit des Hochgebirges ergreift; zugleich aber bemüht er sich, seine Eindrücke möglichst genau niederzuschreiben: Als Naturforscher beobachtet er Landschafts-form, Gesteinsformationen, Wetter und Vegetation. Von Chamonix aus stieg auch Goethe auf den damals beliebten Aussichtspunkt «Montanvers»:

Wir stiegen, mit Speise und Wein gerüstet, den Montenvers hinan, wo uns der Anblick des Eismeers überraschen sollte. Ich würde es, um die Backen nicht so voll zu nehmen, eigentlich das Eistal oder den Eisstrom
nennen: denn die ungeheuren Massen von Eis dringen aus einem tiefen Tal, von oben anzusehen, in ziemlicher Ebne hervor. Gerad hinten endigt ein spitzer Berg, von dessen beiden Seiten Eiswogen in den Hauptstrom hereinstarren. Es lag noch nicht der mindeste Schnee auf der zackigen Fläche und die blauen Spalten glänzten gar schön hervor. Das Wetter fing nach und nach an sich zu überziehen, und ich sah wogige graue Wolken, die Schnee anzudeuten schienen, wie ich sie niemals gesehn… Die Gipfel der Felsen gegenüber und auch in die Tiefe des Tals hin sind sehr spitzig ausgezackt. Es kommt daher, weil sie aus einer Gesteinart zusammen gesetzt sind, deren Wände fast ganz perpendikular (= senkrecht) in die Erde einschiessen. Wittert eine leichter aus, so bleibt die andere spitz in die Luft stehen. Solche Zacken werden Nadeln genennet und die Aiguille du Dru ist eine solche hohe merkwürdige Spitze, gerade dem Montenvers gegenüber.

Einige Tage später zog die Reisegruppe am berühmten Wasserfall «Pissevache» im Unterwallis vorbei. Wasser, Wasserläufe, Wasser-fälle faszinierten den Dichter sein Leben lang, es sei an das Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern» erinnert. In der folgenden Schilderung spüren wir, wie das Spiel von Wasserstaub und Sonnenlicht den Dichter und Naturforscher fesselt; das Wunder des Regen-
bogens beschäftigte ihn bis zu seinem Tod.

In ziemlicher Höhe schiesst aus einer engen Felskluft ein starker Bach flammend herunter in ein Becken, wo er in Staub und Schaum sich weit und breit im Wind herumtreibt. Die Sonne trat hervor und machte den Anblick doppelt lebendig. Unten im Wasserstaube hat man einen Regenbogen hin und wieder, wie man geht, ganz nahe vor sich. Tritt man weiter hinauf, so sieht man noch eine schönere Erscheinung. Die luftigen schäumenden Wellen des obern Strahls, wenn sie gischend und flüchtig die Linien berühren, wo in unsern Augen der Regenbogen entsteht, färben sich flammend, ohne dass die aneinander-hängende Gestalt eines Bogens erschiene; und so ist an dem Platze immer eine wechselnde feurige Bewegung. Wir kletterten dran herum, setzten uns dabei nieder und wünschten ganze Tage und gute Stunden des Lebens dabei zubringen zu können. Auch hier wieder, wie so oft auf dieser Reise, fühlten wir, dass grosse Gegenstände im Vorübergehen gar nicht empfunden und genossen werden können.

Diese tagebuch- oder briefartigen Aufzeichnungen verraten eine Haltung, die man als ergriffene Sachlichkeit bezeichnen könnte; sie scheint weit von «Alpenrosen»-Poesie entfernt zu sein. Doch Vorsicht! Eine mehr idyllisch-verklärende Sicht der Alpenwelt lässt sich auch bei Goethe ausmachen. Im dritten Teil seiner «Gespräche mit Goethe» berichtet Eckermann, am 6. Mai 1827 habe Goethe erzählt, dass er 1797 die Tell-Sage in einem epischen Gedicht in Hexametern habe darstellen wollen; er habe damals die Innerschweiz wieder besucht, «…und diese reizende, herrliche und grossartige Natur machte auf mich abermals einen solchen Eindruck, dass es mich anlockte, die Abwechselung und Fülle einer so unvergleichlichen Landschaft in einem Gedicht darzustellen». Er habe dann aber, von andern Geschäften abgelenkt, den Plan aufgegeben und den Stoff Schiller überlassen. – Der 1. August liegt hinter uns, Goethes Geburtstag vor uns – lassen wir ihn erzählen, wie er sich den Tell und die andern Gestalten der Befreiungssage vorstellte. Ob diese Vorstellungen nun wieder näher bei der «Alpenrosen»-Welt liegen? Die Antwort darauf möchte ich Ihnen, liebe Leser-innen und Leser überlassen. – Hier Goethes Bericht:

Um aber in meine Darstellung mehr Reiz, Interesse und Leben zu bringen, hielt ich es für gut, den höchst bedeutenden Grund und Boden mit ebenso bedeutenden menschlichen Figuren zu staffieren, wo denn die Sage vom Tell mir als sehr erwünscht zustatten kam.

Den Tell dachte ich mir als einen urkräftigen, in sich selbst zufriedenen, kindlich-unbewussten Heldenmenschen, der als Lastträger die Kantone durchwandert, überall gekannt und geliebt ist, überall hülfreich, übrigens ruhig sein Gewerbe treibend, für Weib und Kinder sorgend und sich nicht kümmernd, wer Herr oder Knecht sei.

Den Gessler dachte ich mir dagegen, zwar als einen Tyrannen, aber als einen von der behaglichen Sorte, der gelegentlich Gutes tut, wenn es ihm Spass macht, und gelegentlich Schlechtes tut, wenn es ihm Spass macht, und dem übrigens das Volk und dessen Wohl oder Wehe so völlig gleichgültige Dinge sind, als ob sie gar nicht existierten.

Das Höhere und Bessere der menschlichen Natur dagegen, die Liebe zum heimatlichen Boden, das Gefühl der Freiheit und Sicherheit unter dem Schutze vaterländischer Gesetze, das Gefühl ferner der Schmach, sich von einem fremden Wüstling unterjocht und gelegentlich misshandelt zu sehen, und endlich die zum Entschluss reifende Willenskraft, ein so verhasstes Joch abzuwerfen, alles dieses Höhere und Gute hatte ich den bekannten edlen Männern Walter Fürst, Stauffacher, Winkelried und anderen zugeteilt, und dieses waren meine eigentlichen Helden, meine mit Bewusstsein handelnden höheren Kräfte, während der Tell und Gessler zwar auch gelegentlich handelnd auftraten, aber im ganzen mehr Figuren passiver Natur waren.

Von diesem schönen Gegenstande war ich ganz voll, und ich summte dazu schon gelegentlich meine Hexameter. Ich sah den See im ruhigen Mondschein, erleuchtete Nebel in den Tiefen der Gebirge. Ich sah ihn im Glanz der lieblichsten Morgensonne, ein Jauchzen und Leben in Wald und Wiesen. Dann stellte ich einen Sturm dar, einen Gewittersturm, der sich aus den Schluchten auf den See wirft. Auch fehlte es nicht an nächtlicher Stille und an heimlichen Zusammenkünften über Brücken und Stegen.

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