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Was denken Sie beim neuen Schreiben?

Dazu Hanspeter Kellenberger in der NZZ vom 30. August 1999Solche sprachliche Missgeburten kann man antreffen in Zeitungen, bei denen die Rechtschreibreform in Kraft gesetzt worden ist; auch liest man von besser Gestellten und zu-frieden Gestellten, von noch nie da Gewesenem, von bekannt gegebenen Erlassen und viel sagenden Blicken: bei der Getrennt- und Zusammenschreibung hat die Reform wohl am stärksten ins Regelgefüge eingegriffen.
Ein wichtiger Grundsatz des alten Regelwerks lautet, dass zusammengeschrieben wird, wenn durch die Verbindung ein neuer Begriff entsteht, den die blosse Nebeneinanderstellung nicht ausdrückt. Wie klar und ein-leuchtend diese Regel ist (man darf sie nur nicht zu engstirnig auslegen), wird einem erst jetzt richtig bewusst, wo sie abgeschafft worden ist – ein Fehlentscheid, der durch nichts zu rechtfertigen ist. An die Stelle der alten Regel wurden auf rein formalen Kriterien beruhende Normen gesetzt. Diese sind erstens durchaus nicht leichter lernbar als die alten, zweitens taugen sie in manchen FälIen nicht dazu, Sachverhalte adäquat wiederzugeben, wie es etwa zu sehen ist bei den frisch gebackenen Ehepaaren (frisch aus dem Ofen?), den allein stehenden Frauen (allein in der Gegend herumstehend?), der allein selig machenden Kirche. Neu werden Adjektive jetztkleingeschrieben (früher: klein geschrieben), dafür wird etwa Toleranz bei vielen gross geschrieben (früher: grossgeschrieben). Wie wäre es, wenn die Reformer ihre Irrtümer nicht nur richtig stellten, sondern richtigstellten, so dass sie nachher beseitigt wären?
Leider wurde auch der Grundsatz abgeschafft, dass Partizipien mit dem Substantiv oder Adverb zusammengeschrieben werden, wenn sie klassenbildenden Charakter haben. Nun heisst es also nur noch: Laub tragende (statt laubtragende) Bäume, nicht rostende Stähle, Fleisch fressende Pflanzen. Zudem ist zu schreiben: ein Aufsehen erregender Fall, eine Furcht einflössende Gestalt – obwohl es auch nach neuer Orthographie weiterhin heisst: ein äusserst aufsehenerregendes Ereignis, der aufsehenerregendste Vorfall.
Das künstliche Wiederaufwärmen von verblassten Substantiven in gewissen Verbindungen gehört zu den weiteren Fragwürdigkeiten der Rechtschreibreform: im Stande sein, etwas in Stand steIllen, zu Wege bringen, zu Schanden machen. In andern Fällen dann wie-der das Gegenteil: etwas infrage stellen, mithilfe einiger Zeugen. Eine Hand voll wird neu getrennt geschrieben, eine Handbreit jedoch bleibt in einem Wort. Eine der unsinnigsten neuen Kreationen ist jedoch der Begriff hier zu Lande (wohl als Gegenstück zu «hier am Wasser»?). Sozusagen ein Gräuel, was noch weit schlimmer ist als ein Greuel…
Man kann sich nur wundern, mit welcher Kritiklosigkeit verschiedene Verlage die neuen Regeln übernommen haben. Als ob, was neu ist, a priori auch besser wäre.

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