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Schweizer Schriftsteller – ihr Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Sprac

Während seiner Berliner Zeit in den 50-er Jahren schreibt Keller seine berühmt gewordenen Rezensionen über Jeremias Gotthelf. In derjenigen über «Die Käserei in der Vehfreude» und einige kleinere Erzählungen stellt er fest, noch bis vor kurzem habe man von Deutschland aus jedem jungen Schweizer Autor vorgeworfen, er brauche Helvetismen und «kein Schweizer würde jemals Deutsch schreiben lernen»; seither habe sich dies gründlich geändert, jetzt werde mit Wohl-wollen alles begrüsst, was an «Zierden und Schmuck» aus den entferntesten Gegen-den des deutschen Sprachraumes ins Hoch-deutsch eindringe, z.B. durch die Werke Jeremias Gotthelfs:
Jeremias Gotthelf missbraucht zwar diese Stimmung, indem er ohne Grund ganze Perioden in Bernerdeutsch schreibt, anstatt es bei den eigentümlichsten und kräftigsten Provinzialismen bewenden zu lassen. Doch mag auch dies hingehen und bei der grossen Verbreitung seiner Schriften veranlassen, dass man in Deutschland mit ein bisschen mehr Geläufigkeit und Geschicklichkeit als bisher den germanischen Geist in seine Schlupfwinkel verfolgen lerne.
Während Keller die letzte 1855 erscheinende Rezension schreibt, erreicht ihn die Nachricht von Gotthelfs Tod, und er schliesst seine Betrachtung mit einer allgemeinen Würdigung: Er rühmt zwar die einmalige Grösse Gotthelfs, wirft ihm aber zugleich vor, er habe sich zu wenig darum bemüht, seinen Werken eine gewisse ästhetische Gefälligkeit und Schönheit zu geben. Er sei als Schriftsteller zu sehr protestantischer Puritaner gewesen und habe die «weltliche äussere Kunstmässigkeit und Zierde» verachtet:
Es hängt damit zusammen, dass er nie die geringste Konzession machte an die Allgemeingeniessbarkeit und seine Werke unverwüstlich in dem Dialekte und Witze schrieb, welcher nur in dem engen alemannischen Gebiete ganz genossen werden kann.

Zweifel an der Notwendigkeit von Mundartdichtung

1875 schreibt Keller über den Plattdeutsch-Dichter Fritz Reuter (1810–1874):
Reuter ist mir sehr wertvoll und lieb; er war eine reiche Individualität und hatte alles aus erster Hand der Natur. Auch das Idiom stört mich an sich nicht; denn durch solche energische Geltendmachung der Dialekte wird das Hochdeutsch vor der zu raschen Verflachung bewahrt. Seine eigene Beschränktheit für den Dialekt kommt bei allen Dialektdichtern vor und ist, glaube ich, notwendig, weil nur da-durch sie zu Virtuosen darin werden. Es braucht einen Fanatismus, um der gemeinen Schriftsprache so den Rücken kehren und seine Sache unverdrossen durchführen zu können. Langweilig ist freilich dabei das Geschwätz der Verehrer, als ob die Herrlichkeit ganz unübersetzbar wäre und durchaus nur in der Ursprache genossen werden müsse. Damit bewundern sie nur ihre eigene platt-deutsche Haussprache. Ich habe noch nicht eine Seite von Reuter gelesen, die man nicht ohne allen Verlust sofort und ohne Schwierigkeit hochdeutsch wiedergeben könnte.

Man soll «die allgemeine Hochsprache» nicht alle Augenblicke im Stiche lassen

1878 erscheint Theodor Storms Novelle «Renate»; im Rahmen berichtet Storm, er habe die Geschichte beim Durchstöbern grossväterlicher Hinterlassenschaften in einer alten Schatulle gefunden. Deshalb erzählt er sie in altertümelndem Ton (Zeit um 1700); in einem Brief äussert Gottfried Keller seine Bedenken gegen solche sprachliche Altertümelei, überhaupt gegen alle Abweichungen von der Hochsprache:
Fast jeder hat in dieser Weise schon das eine und andere geliefert durch die Schreibarten der letzten Jahrhunderte zurück bis zum
sechzehnten… Nehme ich nun die verschiedenen Stammesdialekte hinzu, in welchen virtuos oder stümperhaft gearbeitet wird, von den Reuter (Fritz Reuter), Groth (Klaus Johann Groth, 1819–1899, eigentlicher Begründer der norddeutschen Mundartdichtung), Hebel (Johann Peter Hebel, 1760–1826) bis zu den bajuvarischen Quabblern und Nasenkünstlern, so scheint es mir doch, abgesehen von aller dargetanen Berechtigung und stattgefundener Erbauung, dass etwas Barbarisches darin liege, wenn in einer Nation alle Augen-blicke die allgemeine Hochsprache im Stiche gelassen und nach allen Seiten abgesprungen
wird, so dass das Gesamtvolk immer bald dies, bald jenes nicht verstehen kann und in seinem Bildungssinn beirrt wird, der Fremde aber ein gewiegter Philologe sein müsste, der sich durch alles hindurchschlagen könnte. Natürlich gewinnt die gesamte Nationalsprache, wenn die Stämme und Provinzen ihre Idiome kultivieren und festhalten; aber ich glaube, man sollte die Übung den Quernaturen über-lassen, welche nicht anders können, selber in seinem Hause alle möglichen Dialekte sprechen, aber schreiben nur in der einen und allgemeinen Sprache, wenn man sich dieser einmal gewidmet hat.

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