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Englisch in der Schweiz

(me) In den MITTEILUNGEN haben wir uns schon des öftern über den Missbrauch des Englischen in deutschsprachigen (und andern) Ländern geäussert, über die unselige Vermischung zweier Kultursprachen, vor allem in der Werbung und in den Medien. Das sog. «Denglisch» zu bekämpfen wird auch weiter-hin eines der Ziele der Bubenberg-Gesellschaft sein. Hingegen wäre es sinnlos oder gar töricht, Englisch dort zu verdammen, wo es in der heutigen Welt wohl oder übel nicht wegzudenken ist.
Seit Mai 1999 befasst sich eine Gruppe von Sprachwissenschaftern unter dem Patronat der Akademischen Kommission Bern mit der Rolle der englischen Sprache in der Schweiz. Dieses Pilotprojekt, geleitet von den Professoren Richard Watts (Universität Bern) und Peter Trudgill (Universität Freiburg), untersucht den Einfluss des Englischen auf die Landes-sprachen der Schweiz.
Am 28. und 29. Januar fand im Haus der Universität in Bern ein Symposium statt, zu dem Fachkräfte aus der akademischen Welt
des In- und Auslandes und des übrigen Bildungswesens sowie Vertreter der Wirtschaft, der Medien und der Touristik geladen waren. Diese Tagung sollte die Grundlagen für die weiterführende Arbeit im Hinblick eines Nationalfonds-Projekts schaffen.
Als Vorstandsmitglied der Bubenberg-Gesellschaft konnte ich am Samstag an diesem Seminar teilnehmen. Wie sich bald heraus-stellte, ging es hier freilich um völlig andere Dinge als um störende Anglizismen in den Landessprachen. Dieser Aspekt wurde leider kaum tangiert. Zu Beginn dieses zweiten Tages gab Prof. Watts eine kurze Zusammenfassung der Fragen, die am Vortag behandelt worden waren: Es zeigte sich, dass für das an-visierte Projekt des Nationalfonds bedeutende Meinungsverschiedenheiten bestehen zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft, die auch als Sponsor wirken sollte. – Dr. Beat Schär, Vizepräsident der Swissair, legte dar, dass in der Luftfahrt Englisch die universelle Sprache ist – möglicherweise sind zwei Flugzeugabstürze durch ungenügende Englischkenntnisse verursacht worden. Somit müsste im Bereich der Aviatik der Englischunterricht weltweit noch intensiviert werden. – Sowohl Prof. Watts wie sein Freiburger Kollege versuchten die Bedenken zu zerstreuen, dass der zunehmende Gebrauch des Englischen eine Gefahr für unsere Eigenständigkeit darstellt. Insbesondere P. Trudgill findet es durchaus in Ordnung, dass sich beispielsweise ein französischsprachiger Naturwissenschafter mit einem schweizerdeutschen auf Englisch verständigt. – In der abschliessenden Diskussion wurde dann auch noch mit dem weit verbreiteten Irrtum aufgeräumt, dass Englisch eine «leichte Sprache» sei.
Nach dieser Einleitung lieferte Prof. Bent Preisler (Universität Roskilde, Dänemark) mit seinem Vortrag über die sprachliche Situation in Dänemark einen wichtigen Beitrag zur Rolle des Englischen in der heutigen Welt. Ob-wohl Dänisch, Norwegisch und Schwedisch einander ziemlich ähnlich sind und die Schulen in diesen skandinavischen Ländern den Schülern Grundlagen der jeweiligen andern Sprachen vermitteln, verwenden viele Dänen im Gespräch mit Schweden oder Norwegern das Englische. Vier Fünftel der heutigen Dänen haben Englischunterricht erhalten, ein Grossteil von ihnen verfügt über hervorragende Kenntnisse in dieser ersten Fremdsprache. Englischsprachige Fernsehprogramme und Kinofilme werden häufig nicht übersetzt, manchmal auch nicht mit Untertiteln versehen. Gebrauchsanweisungen für technische Geräte und Computer-Software erhält man in Dänemark oft nur in der (englischen) Originalsprache. In der Werbung wird noch viel mehr zum Englischen gegriffen als in der Schweiz. Es versteht sich von selbst, dass auch in der dänischen Pop-Kultur die englische Sprache vorherrscht und dass der «Snob-Appeal» des (amerikanischen) Englisch stark auf die dänische Bevölkerung einwirkt. Höchstens zwanzig Prozent der Dänen erblicken in der Machtposition des Englischen eine Gefahr; ganz allgemein steht man Englisch äusserst positiv gegenüber. Es ist so beliebt, weil es – auf Grund einer repräsentativen Um-frage – für die Hälfte der Befragten einfach «praktisch» ist.
Ron Popper, Leiter der englischen Abteilung von Swiss Radio International, äusserte sich in sehr klarer Weise über die Bedeutung eines englischsprachigen Radioprogramms in unserem Lande. Nach seiner Ansicht dürften etwa zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung imstande sein, den Sendungen ohne Mühe zu folgen. Vorläufig kann Radio Swiss International ausser auf Kurzwellen nur im Netz einiger Kabelbetreiber (von denen es 770! gibt) empfangen werden. Das Wunsch-ziel des dynamischen Engländers wäre, sein Programm, das er zusammen mit 25 Journalisten erarbeitet, auf UKW verbreiten zu können. Übrigens sieht Popper darin keinerlei Gefahr für unsere Landessprachen; selbst wenn sich Englisch als eine Art von fünfter Landessprache etablieren würde.
In einem sehr ausführlichen Referat befasste sich Dr. Fran~ois Grin, Stellvertretender Direktor des «European Centres for Minority Issues» in Flensburg (D), mit dem Stellenwert des Englischen in der Wirtschaft. Obwohl in der Schweiz mehr Menschen leben, deren Muttersprache Türkisch ist, als Einwohner angelsächsischer Herkunft, sind heute Englischkenntnisse in der Wirtschaft unabdingbar. So wie Autofahren, Tastaturschreiben, Computerkenntnisse und bald schon ein Internet-Anschluss zum Leben im dritten Jahrtausend gehören, ist es die englische Sprache. Englischkenntnisse sind nach seiner Ansicht nun kaum mehr besonders erwähnenswert; vor-läufig sind sie aber noch in den meisten Fällen ein Garant für ein höheres Einkommen. Der Mann, bzw. die Frau der Zukunft ist nicht jemand, der Englisch sprechen kann, sondern jemand, der über gute Kenntnisse in Russisch, Japanisch oder Chinesisch verfügt.
In der Schlussdiskussion wurde noch einmal die gewaltige Bedeutung der englischen Sprache auch in unserem Lande hervorgehoben. Die Gefahr, dass Englisch in absehbarer Zeit zur «lingua franca» in der Schweiz werden könnte (wie dies z.B. in Pakistan der Fall ist), wird als sehr gering angesehen. – Im akademischen Bereich hingegen werden immer mehr Arbeiten in englischer Sprache abgefasst; so-gar Dissertationen über linguistische Probleme des Französischen werden von deren Verfasser häufig auf Englisch übersetzt, bevor sie eingereicht werden. – Das in der Schweiz gebrauchte Englisch darf sich durchaus vom Standard English ein wenig unterscheiden:
Sonderformen des Englischen gibt es allenthalben. – Ein Redner betonte, dass wir uns in der Schweiz als sehr privilegiert betrachten dürfen, da wir schon von Haus aus mehrsprachig sind.
Im persönlichen Gespräch mit einigen Teilnehmern des Seminars wies ich auf die Unsitte des «Denglisch» hin. Dabei musste ich erfahren, dass es von kaum jemand als störend empfunden wird; man sieht es eher als alberne Modeströmung, die auch wieder zurückgehen wird. Wenn dann Englisch den «In-Sein-Wollen-Faktor» verloren hat, wird es auch nicht mehr nötig sein, damit anzugeben. Bis dies allerdings so weit ist, werden wir uns noch eine Zeit lang für eine saubere deutsche Sprache einsetzen müssen. Aber schon heute kann man sich mit englischfreien Werbetexten, wie sie unser Vorstands-Mitglied Peter Glatthard-Weber für interessierte Kreise entwirft (www.optitext.ch), von der Masse abheben.

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