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Das neue Kauderwelsch

(me) «Das neue Kauderwelsch» ist auch der Untertitel von Gerhard Ilgners Schrift «Die deutsche Sprachverwirrung». Ilgner geht vom Turmbau zu Babel und der darauf als Strafe verhängten Sprachverwirrung aus, um die Verhältnisse im heutigen Deutsch zu charakterisieren. Nachdem bereits rund 30 europäische Sprachen untergegangen sind, befürchtet er, dass vielleicht auch die hochdeutsche Sprache – «oder jedenfalls das, was man heute noch so nennen kann» – verschwinden wird. In 19 Kapiteln werden mannigfaltige Torheiten in der heutigen deutschen Sprache kritisch beleuchtet: So etwa Stilblüten («Der Ausbau des Frankfurter Flughafens soll in ein Paket geschnürt werden.»); Ausdrücke wie «der mehrfache Grossvater», an denen heute wegen des ständigen Gebrauchs in den Medien kaum mehr jemand Anstoss nimmt, oder mangelnder Bekennermut («Ich würde meinen…»). Vor allem aber rügt der Verfasser die übermässige Verwendung von Anglizismen und, als Schlimmstes daran, «denglische» Neubildungen, die im richtigen Englisch nicht vorkommen, zum Beispiel Handy, Body (als Unterwäsche), Wellness. – Auch wenn einiges, was Ilgner schreibt, mehr für Deutschland als für uns gilt, beispielsweise die deutsche Umständlichkeit, und andererseits gekonnte Neubildungen, wie etwa die «Elefantenrunde», abgelehnt werden, darf das Büchlein jedem, der nur ein bisschen Interesse an unserer Sprache hat, wärmstens empfohlen werden. (Neudeutsch würde man sagen: «Es ist ein ‹must›!»). Äusserst ansprechend und humorvoll geschrieben und in sehr lesefreundlichem Gross-druck gestaltet.
Wer gegen fragwürdige sprachliche Neuerungen kämpft, muss sich oft gegen den Vorwurf wehren, er sei ein Purist. Im 1998 erschienenen Büchlein «Sitzung» oder «Meeting»? befasst sich der Betriebslinguist Reiner Pogarell eingehend mit dem Problem der Sprachreinigung. Schon immer haben Sprachpfleger (dies im guten wie im schlechten Sinn gemeint) versucht, Fremdwörter auszumerzen. Besonders eifrig wurde dies im Barockzeitalter getan. In jugendlichem Eifer schoss Philipp von Zeesen über das Ziel hinaus: «Jungfernzwinger» für Nonnenkloster, «Tageleuchter» für Fenster! Wir verdanken dieser Bewegung im 17. Jahrhundert jedoch auch Wörter wie «Verfasser» (Autor), «Vertrag» (Kontrakt), «Briefwechsel» (Korrespondenz), «Jahrhundert» (saeculum). Hinlänglich bekannt sind die krampfhaften Verdeutschungen während der Nazizeit in Deutschland – Menschen, die in guten Treuen gegen unnötige Fremdwörter kämpfen, werden häufig als konservativ oder nationalistisch bezeichnet. Pogarell beweist eindrücklich, dass man durchaus zeitgemäss sein kann, wenn man nicht kritiklos jeden fremden Einfluss auf-nimmt. Anhand von Produktenamen legt er dar, dass englische Bezeichnugen keine Erfolgsgarantie verheissen: neben dem Schokoriegel «Milky Way» gibt es als Konkurrenzprodukt die ebenso erfolgreiche «Milchschnitte». Nicht zuletzt wegen des ausgezeichneten Vorworts von Prof. Dr. Walter Krämer, dem Vorsitzenden des Dortmunder Vereins für deutsche Sprache, ist das Werk sehr lesenswert.
Zusammen mit Markus Schröder hat Reiner Pogarell ein Wörterbuch überflüssiger Anglizismen herausgegeben. Von «abandon» (verlassen), «abchecken» geht es in alphabetischer Reihen-folge bis zu denglischen Ausdrücken «zappen» beim Fernsehen und «zoomen» (verkleinern oder vergrössern, vor allem in der Fotografie). Wie weit man all die mit oft sehr guter Verdeutschung aufgeführten Beispiele als überflüssig betrachtet, bleibt dem Einzelnen vor-behalten. Auf jeden Fall ist das Büchlein ein nützliches Hilfsmittel im heutigen Alltagsleben – selbst für Leute, die einmal in der Schule Englisch gelernt haben oder glauben, diese schöne Sprache zu verstehen.
Eher an professionelle Kreise aus dem Bereich der Werbung richtet sich die Schrift von Ludger Gawlitta Akzeptanz englischsprachiger Werbeslogans – «Let’s make things better». Das Büchlein gliedert sich in einen theoretischen und in einen praktischen Teil, wobei sich vieles auf Meinungsumfragen stützt, die in einer langen Reihe von Tabellen ausgewertet werden. Die wohl überraschendste Tatsache der Untersuchung: nicht nur, wie erwartet, die ältere Generation, sondern auch manche Junge lehnen englisch abgefasste Werbetexte ab.
Die besprochenen Bücher sind alle im IFB Verlag Paderborn, Institut für Betriebslinguistik, erschienen. (Bestellungen bitte über den schweizerischen Buchhandel).
Gerhard Ilgner: Die deutsche Sprachverwirrung, DM 16.90, ISBN 3-931263-13-4 Reiner Pogarell: «Sitzung» oder «Meeting», DM 14.80, ISBN 3-931263-10-X
Ludger Gawlitta: Akzeptanz englischsprachiger Werbeslogans, DM 48.00, ISBN 3-931263-14-2 Pogarell/Schröder: Wörterbuch überflüssiger Anglizismen, DM 19.80, ISBN 3-931263-11-8
Bei der Redaktion Sprachkreis Deutsch 3000 Bern sind einige Exemplare von Pogarell/Schröder «Wörterbuch überflüssiger Anglizismen» erhältlichINSERT INTO `skd_posts` VALUES(2. Auflage 2000). Senden Sie uns eine Zwanzigfrankennote und eine an Sie adressierte Etikette. Der Versand ist portofrei.

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