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Fünf Briefe – eine Sorge

In ofenen Briefen an die deutschen und österreichischen Behörden und Medien gaben im Sommer 2001 folgende Persönlichkeiten und Organisationen ihrer grossen Sorge um den Zustand der deutschen Sprache Ausdruck.
– Prof. Dr. Chong Si Ho, Vorsitzender der koreanischen Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache
– DLVL Deutschlehrerverband Lettlands, Reinis Bahs und Vesma Ludriksone
– APASS Deutschlehrerverband / Senegal, Abdoulaye Mbaye
– Deutschlehrerverband / Kamerun, Claude Mbia und Joseph Mbassi
– A.P.L.C.E Association pour le Pluralisme linguistique et culturel en Europe

Und die Schweiz?

Die schweizerischen Behörden wurden nicht angeschrieben. Und trotzdem gehen uns die Briefe etwas an. Die (Deutsch-)Schweiz hat eigenständigen Anteil an der deutsch-sprachigen Kultur. In den «Mitteilungen» 4/2001 brachten wir deshalb zur Orientierung und als Beispiel den vollständigen Brief von Prof. Chong Si Ho aus Korea. – Auf seiner Herbst-reise nach Europa begehrte er die schweizerische Sprachensituation kennenzulernen. Er besuchte am 14. und 15. September 2001 den 3. Internationalen Sprachtag im Netzwerk Deutsche Sprache und… wurde Mitglied im Sprachkreis Deutsch.
Schön ist die Schweiz!
Em. Prof. Dr. Chong, Si Ho (Korea)
Es war für mich ein Glück, dass ich mich am 3. internationalen Sprachtag 2001 beteiligen konnte, der im Europajahr der Sprachen am 14. September in Bern durch die Zusammenarbeit von 7 Sprachvereinen aus deutschsprachigen Ländern und von einem aus Frank-reich veranstaltet wurde. Dabei habe ich die Gelegenheit gehabt, auch die sprachlichen Verhältnisse der Schweiz kennenzulernen. Dafür danke ich besonders Herrn Peter Zbinden und dem Sprachkreis Deutsch sowie Herrn Krämer und dem Verein deutsche Sprache e.V.
Etwa 40 Vetreter oder Mitstreiter – darunter einer aus Korea und einer aus der Türkei – haben vormittags an der Diskussion zum
Einbringen der «Berner Entschliessung» teilgenommen. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Tatsache, dass es so viele gibt, die sich für Deutsch engagieren, ist für uns ausländische Deutschlehrer erfreulich und ermutigend.
Die Schweiz ist nicht nur durch ihre wunderschöne Landschaft – beispielsweise Interlaken, Zermatt, das Matterhorn oder die Jungfrau – bekannt, sondern auch durch die Mehrsprachigkeit. Soweit ich weiss, ist die Schweiz das einzige Land, das mit vier Landessprachen problemlos und demokratisch zu Wohlstand gelangt ist. In vielen mehrsprachigen Ländern wie zum Beispiel Belgien oder Indien leidet man unter sprachlichen Konflikten. Daher war ich sehr gespannt auf die Nachmittags- sowie Abendveranstaltung, in denen dieses Thema behandelt wurde. Der Saal war dicht besetzt und eine lebhafte Debatte schloss sich an. Das zeigt, dass das Thema in der Schweiz hoch-aktuell ist. Was ich bedauere, ist, dass ich Schweizerdeutsch leider nicht verstehen konnte.
Die Mehrsprachigkeit ist aber heutzutage durch die Globalisierung bedroht. Ausser Englisch sind viele Muttersprachen mit dem Problem konfrontiert, zu Feierabendmund-arten oder Familiendialekten degradiert zu werden oder sonst abzusterben. Linguisten beweisen, dass fast alle zwei Wochen eine Sprache verschwindet. Was kann daraus folgen?
Nur eine monotone verwüstete Kulturlandschaft. Hier möchte ich Ezra Pound zitieren: «Alle Weisheit der Menschheit ist nicht in einer Sprache allein enthalten, und keine einzelne Sprache ist fähig, alle Formen und Grade des menschlichen Verstehens auszudrücken». Wir dürfen nicht versäumen, uns für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt der Erde einzusetzen. Dafür ist die Schweiz ein Modellstaat. Aber was ich vor allem schmerzlich finde, ist die Tatsache, dass immer mehr Leute sogar aus ihrer Muttersprache flüchten. In deutschsprachigen Ländern ist das auch der Fall. Ein Hotelmanager in Bern hat mir geschrieben: «Sorry für die verspätete Antwort…» In einem Hotelzimmer in Zürich habe ich ein Fernsehprogramm für die Gesundheit gesehen. Der Titel lautete: «Check-Up». Aber die Frauen an der Rezeption haben trotz meiner schlechten Aussprache nicht auf Englisch, sondern immer auf deutsch geantwortet. Das habe ich auch in Hotels in Deutschland erfahren. Kann man dies für ein Zeichen der Wiederherstellung der Liebe zur Muttersprache halten? Jedenfalls war es mir angenehm.
Diese kleine Freude wurde zerstört, als ich am 19. September das Europäische Parlament in Brüssel besuchte. Auf der Plenarsitzung hält zwar jeder Abgeordnete seine Rede in seiner Muttersprache, aber sonst ist man gegen das Einmarschieren des Englischen machtlos. Deutsch und Französisch sind im Vergleich mit vor einigen Jahren – 1996 habe ich auch Brüssel besucht – deutlich geschwächt. Ein deutscher Übersetzer, den ich kenne, hat es bestätigt.
Zum Schluss hoffe ich ganz herzlich, dass die Schweiz ihre Mehrsprachigkeit inklusive Schweizerdeutsch ebenso bewahren kann wie das Matterhorn oder die Jungfrau, da die Schweiz eben von ihrer eigenartigen Kultur lebt, die aus Mehrsprachigkeit und der schönen Natur besteht, und nicht zuletzt alle Zeitgenossen im Zeitalter der Globalisierung ihre Aufmerksamkeit auf sie richten.

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