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Jacob Grimm oder Angst um unsere Sprache

Danksagung bei Entgegennahme des ersten Jacob-Grimm-Preises in Kassel am 3. November 2001Die Redaktion der «Mitteilungen» hat Rolf Hochhuths Rede stark gekürzt. Wer sich für den voll-ständigen Text interessiert, sende einen adressierten und mit CHF 1.10 frankierten Briefumschlag C5 an die Redaktion der «Mitteilungen» (siehe Impressum).
Die hohe Ehre, helle Freude, und nicht zuletzt dank der Eberhard-Schöck-Stiftung der stattliche Scheck, die einem Deutschsprachigen zuteil wer-den, der als erster den Jacob-Grimm-Preis erhält; ihn nicht irgendwann erhält, sondern zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Gründung des Deutschen Wörterbuchs: 1850 begann Jacob Grimm
Rolf Hochhuth erhält Jacob-Grimm-Preis
Der Schriftsteller Rolf Hochhuth erhält den mit umgerechnet 52 000 Franken dotierten Jacob-Grimm-Preis. Hochhuth hat sich nach Ansicht der Jury für die Pflege und kreative Weiterentwicklung der deutschen Sprache verdient gemacht. Ausserdem habe sich der Dramatiker «nachdrücklich dafür eingesetzt, ausserhalb des deutschen Sprachgebiets ihr Ansehen als Kultursprache zu mehren und ihre Verbreitung als Fremdsprache zu fördern». Der Jacob-Grimm-Preis wurde 2001 erstmals vergeben. Er wurde vom Verein der Deutschen Sprache und der Eberhard Schöck-Stiftung ins Leben gerufen.
Search.ch, 29. Oktober 2001
mit dem ersten Band von A bis Biermolke, drei Jahre später erschienen; dies alles samt dem Vergnügen, anlässlich eines Sprachpreises dankbar unsere Sprache preisen zu dürfen –, sie könnten einen den Massstab verlieren lassen!
Doch leider gibt es da – mir als Wahl-Basler seit achtunddreissig Jahren stets gegenwärtig und alles andere als beflügelnd –, den erheblichen Freude-Dämpfer, dass Jacob Burckhardt, nur elf Jahre nach Jacob Grimms Tod, die – so der Titel: – «kommende Weltherrschaft der englischen Sprache» prophezeit hat!
Mit der schauerlichen Folgerung, Zitat: «Die Rettung deutschgeschriebener Bücher kann nur ihre Übersetzung ins Englische sein.» So Burckhardt 1874, doch noch heute nicht gedruckt dieser Vor-trag, vor dem Verein junger Kaufleute in der Aula des alten Museums … Diese geniale Voraussage ist nach hundertsiebenundzwanzig Jahren keine mehr, sondern eine Tatsache. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat mich im Oktober informiert, dass Deutschsprachige im Jahr 2000 5519 Bücher aus dem Englischen übersetzt haben, doch Englischsprechende aus dem Deutschen nur 248 Bücher. Wir haben 2 058 belletristische Werke aus dem Englischen übersetzt – die Englischsprechenden von uns 38!
Was da Burckhardt bereits als bedrückende Gewissheit aussprach, hat zuweilen auch schon Jacob Grimm als Vorahnung beunruhigt; anders sind einzelne Sätze, ja Beschwörungen in seinem Vorwort zum Deutschen Wörterbuch gar nicht zu lesen. Für uns heute, da längst unsere Sprache nicht nur mehr bedroht ist, sondern weltweit schon durchs Englische verdrängt, auch deshalb weil gar nicht zugelassen in den internationalen Gremien wie Unesco oder EU, – für uns heute sind Grimms Vorahnungen vor anderthalb Jahrhunderten nicht mehr bloss alarmierend, sondern längst zu beklagende Verlust-Anzeigen!
Ich freue mich deshalb, dass ausgerechnet der in Deutschland populärste englische Dichter Peter Ustinov im September in ‹Welt am Sonntag› begründet hat – eine durchaus politische Begründung – warum, Zitat: «die Sprachverwirrung von Babylon das grösste Geschenk für die Menschen gewesen ist, das eine Gottheit den Menschen machen konnte; und ganz irrtümlich von ‹Streng-gläubigen› als Strafe Gottes für die damaligen Missetaten der Menschheit angesehen wird». … Denn, so Ustinov, «Durch das Nichtmiteinander-Redenkönnen kam eine Art Mysterium ins Spiel, das unüberlegte Aggressionen hemmte und die Vorsicht auf den Plan rief … ohne die sich die Menschheit längst ausgelöscht hätte» … Ob man bis zu dieser Folgerung gehen kann – wie sollte ich’s wissen, aber auch ich habe schon vor dreissig Jahren vorgewarnt, darf ich zitieren:
«Schwächung allein humanisiert Grossmächte, divide et libera. Jeder Staat hat genau das Mass von Anstand, das dem Mass seiner Angst entspricht. So ist die tiefste politische Logik im Alten Testament das Gleichnis von der babylonischen Sprachverwirrung:
die Menschen sollen nicht zur Einheit kommen, zum Weltstaat, zu einer Sprache. Es wäre das die Auslöschung aller Freiheit, die ihrer Natur nach niemals in einem Staat, in einem System, einer Religion oder Partei zu finden ist – sondern allen-falls zwischen mehreren.»
Der Diplomat Carl J. Burckhardt schrieb, nach-dem sein Grossonkel Jacob das Verschwinden des Deutschen menetekelt hatte, neunzig Jahre später dem Historiker Ritter:
«Mich wunderte immer, dass die Deutschen mit so wenig Nachdruck dagegen protestieren, dass ihre Sprache in keiner der nach den beiden Kriegen entstandenen grossen internationalen Organisationen zugelassen ist, weder im Völkerbund noch in der UNO, noch in der UNESCO etc. Diese Diskrimination ist gewollt, man spricht in der UNO englisch, französisch, russisch, spanisch und chinesisch, jede Rede wird simultan in alle diese Sprachen übersetzt, aber die deutsche Sprache hört man nicht. Deutsche Redner, die sich in Fremdsprachen äussern, auch wenn sie als fleissige Leute diese Sprachen gut beherrschen, entbehren jeder Wirkung.»
Des Kaisers letzter Botschafter bis 1917 in Washington, Graf Bernstorff, hat 1936 seinen blitzgescheiten Memoiren noch einen Band mit Privatbriefen folgen lassen, darin sein Resümee: «Die englische Sprache hat den Weltkrieg gewonnen.» Sie wird auch von allen Literaturen allein die ihre überdauern lassen. Schon vor einem Dutzend Jahren sagte der damalige Rowohlt-Chef Michael Naumann, aus den USA kommend, aus denen Rowohlt mehr Bücher importiert als jeder andere: «Ich kann keinen Deutschen drüben mehr verkaufen, weil es in sämtlichen belletristischen Verlagen New Yorks zusammen – noch einen einzigen Menschen gibt, der Deutsch lesen kann: den bald siebzigjährigen Wiener Emigranten Fred Jordan.»
Ich erlaubte mir 1998 in meinem SPIEGEL-Essay: «Deutsche Sprache – bye, bye» arg verspätet daran zu erinnern:
«Wenn Fiat in Turin oder Mitsubishi in Tokio deutschen Goethe-Häusern in Rom oder Japan hunderttausend DM spenden, so müssen fortan 41
Babylons Turm
So wenig wie Menschen wehren sich Worte,
wenn Überfremdung eine Sprache verschlingt:
Deutsch stirbt bald ab durch erzwungene
Importe der Englischsprechenden
…Selbst wer singt,
tut’s in unserm US-fixierten verrockten Land nie mehr ohne transatlantisches Vokabular.
Pflegt Babels Vielheit der Sprache! Seid nicht
verrannt in Einheitswahn,
der Babylons Turm todbringend war. Rolf Hochhuth
Prozent an Waigels Finanzministerium abgeführt werden! Was ist das Verbot eines Buches – gemessen an diesem Diebstahl sogar ausländischer Geschenke für den Haushalt der deutschen Sprache? (…)
Und Hilmar Hoffmann [Präsident der Goethehäuser] erzählt, der hundertjährige Gadamer, Ehrenbürger Neapels, sei der einzige Autor, der gegen die Schliessung des Goethehauses in Palermo an-geschrieben habe, wo jährlich vierhundert Italiener Deutsch lernen. Die Abschaffung der Deutschkurse «glückte» zwar in Triest, doch nicht in Palermo, weil dessen Bürgermeister in Heidelberg studiert hat und nach der Androhung, das Goethehaus werde zugemacht, ihm die Miete er-liess und fünf Sechstel der Kosten übernahm.
Internationes wie Goethehäuser müssen zwei Prozent ihrer Festangestellten jährlich «aussanieren», wie das mit schäbigem Zynismus neudeutsch genannt wird, und dürfen keine durch Krankheit oder Pensionierung Ausgefallenen ersetzen.
In dem Mass, in dem sein Globalisierungswahn wächst, kürzte früher Bonn, kürzt heute Berlin die Mittel, im Ausland Deutsch zu lehren – doch macht sich unsere Regierung, scholastisches Glasperlenspiel, sinnlose Gedanken, ob Massstab mit drei s geschrieben werden solle: Die Reform unserer Sprache ist ihr wichtig, an ihrer Erhaltung ist ihr nichts gelegen.
Ich danke Ihnen.

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