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«Courage, Europa»

Konvent sucht Verfassung. Und Sprache. Englisch, was sonst?Unter dieser Überschrift ist in der Wochenzeitung «Die Zeit» vom 5. März 2002 ein Artikel von J. Fritz-Vannahme erschienen. Er liegt der Redaktion der «Mitteilungen» vor. Wer daran interessiert ist, schickt dem Sprach-kreis Deutsch einen frankierten und an sich selber adressierten Briefumschlag C5.
Ludger Staubach, Deutschdozent in Frank-reich und Präsident des Vereins APLCE «Association pour le Pluralisme linguistique et culturel en Europe» (Mitglied wie der Sprachkreis Deutsch im Netzwerk Deutsche Sprache – für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas) hat an «Die Zeit» einen kritischen Leserbrief gerichtet. Der Sprachkreis Deutsch hat ihn für die «Mitteilungen» gekürzt. Der Text gibt die Meinung des Verfassers wieder. Aus seinen Hinweisen zur europäischen Sprachensituation ziehen wir in der Schweiz eigene Schlüsse.
Ludger Staubach wendet sich in seinem Leserbrief gegen die Meinung, wonach Europa jetzt «eine Versammlung der Freidenker» brauche, um «den Weg zum Erfolg» zu finden, nämlich eine ofizielle Sprache, um wirklich eins werden zu können.
Das scheint mir doppelt falsch. Erstens ist diese Idee nicht aktuell oder neu, sondern ungefähr so alt wie die Menschheit. Neu ist nur, dass immer weniger verstanden wird, warum bei der Gründung der Europäischen Union auf Einsprachigkeit bewusst verzichtet wurde und warum der Europarat angesichts der immer stärker gefährdeten sprachlichen Vielfalt noch 1999 diese Position wiederbelebte: «Die sprachliche Vielfalt Europas stellt ein reiches kulturelles Erbe dar, das erhalten und geschützt werden muss.» (Empfehlung 1383/1999).
Zweitens ist es natürlich auch falsch zu behaupten, ein geeintes Land oder «Vereinigte Staaten» brauchten eine offizielle Sprache, auch wenn ich die Behauptung, «ein erweitertes Brüssel [dürfe] kein Babylon sein», so schon in der britischen Presse und bei Verantwortlichen des British Council gelesen habe.
Dagegen zeigen die Schweiz, Belgien oder Kanada, dass mehrere offizielle Amtssprachen in einem Land zusammen leben können (…). Es ist auch einfach unzulässig, Einsprachigkeit als einzige Alternative zu einem «Babylon» darzustellen.
Wenn mehrere Sprachen in ein- und demselben Land aufeinander treffen, gibt es – neben dem bisher sehr selten gebliebenen Rückgriff auf neutrale oder künstliche Sprachen- nur zwei Möglichkeiten: entweder setzt eine Sprache sich auf Kosten der anderen durch, was zu geistiger und kultureller Verarmung und sozialer Benachteiligung der anderen führt, oder aber die Vielsprachigkeit wird mit allen Mitteln erhalten (Schweiz, Belgien, Kanada: dass auch deren Vielsprachigkeit in der aktuellen ultraliberalen Epoche unter starkem Druck steht, beweist nicht das Gegenteil). Die Durchsetzung der englischen Sprache in den USA war nicht im Interesse der Indianer, ebenso hat die Durchsetzung des Französischen in Frankreich Paris reicher gemacht – auf Kosten der Bretonen, Okzitanier, Katalanen usw.
Die bewusste Bevorzugung der Englisch-Muttersprachler und Ausgrenzung der anderen ist schon längst eine Tatsache geworden, immer öfter wird bei europäischen Stellenausschreibungen Englisch als Muttersprache verlangt. In Frankreich unterrichtende Spanier oder Deutsche haben mir wiederholt gesagt, sie hätten das Gefühl, dass bei der zu-nehmenden Ausbreitung des Unterrichtes auf Englisch bald englischsprachige Putzfrauen spanischen oder deutschen Wissenschaftlern zum Lehren vorgezogen würden.
Es wird zu Recht geschrieben, dass mehrere Sprachen den Respekt des europäischen Bürgers bedeuten. Vielsprachigkeit und Demokratie sind also miteinander verknüpft. Da-gegen scheint mir Ihre Idee, «ein erweitertes Brüssel» mit «einer demokratischen Kur» zu verbinden, ein Widerspruch, wenn nicht gar ein Witz zu sein. Für wieviel Demokratie hat Brüssel denn bisher gesorgt?
Die Europa-Demokratie sieht so aus: Die Völker müssen Brüsseler Entscheidungen akzeptieren; tun sie das nicht oder mit einer zu knappen Mehrheit, werden sie eben bestraft und dürfen nicht mehr abstimmen.
In Bern, am 3. Internationalen Sprachtag vom 14. September 2001, haben die Delegierten des «Netzwerks Deutsche Sprache – Für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas» der internationalen Presse die Berner Entschliessung 2001 übergeben.

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