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Zehn Fragen an Monsieur Bilingue

Seit bald sechs Jahren ist Dr. Jean Racine Geschäftsführer des Bieler Forums für die Zweisprachigkeit und in der Expo-Stadt als Monsieur Bilingue bekannt. Bevor er 1995 diesen Posten übernahm, wirkte er lange Jahre als Gymnasial- und Seminarlehrer. Daneben ist er Beauftragter für die Mehrsprachigkeit bei der Erziehungsdirektorenkonferenz und hat in mehreren Kantonen den Französischunterricht vorverlegt. Am Ende seiner Amtszeit im September dieses Jahres geht er in Pension. Für die Redaktion der „Mitteilungen“ hat Kurt Meister mit ihm ein Interview durchgeführt und ihm Fragen gestellt, die sowohl ihm wie uns am Herzen liegen.

Unlängst war in der Sendung „Aeschbacher“ im Fernsehen DRS 1 Frau Nelly Wenger mit ihrem Gatten zu Gast. Da die Direktorin der Expo in Marokko aufgewachsen ist, spricht sie zwar fliessend Französisch, aber kein Deutsch. Ihre Antworten wurden dann simultan übersetzt. Ist dies nicht ein Armutszeugnis für die Deutschschweizer?
Ich finde es bedenklich, wenn Deutschschweizer nicht Französisch und Romands nicht Deutsch verstehen. Eine übersetzung Wort um Wort hat etwas Beleidigendes an sich. Wenn schon übersetzt werden muss, dann möglichst viel Originalton und nachher eine kurze Zusammenfassung.

Finden Sie den Unterricht in der zweiten Landessprache an unseren Schulen gut genug?
Nein, neue Unterrichtsformen sind einzubauen, vor allem immersiver Unterricht, das heisst, einzelne Fächer in der andern Sprache unterrichten, sobald genügend Vorkenntnisse da sind. Dadurch wird Sprache zum „Ernstfall“ und nicht bloss benotetes Unterrichtsfach. Weiter bin ich für regelmässigen Schüleraustausch und Aufenthalte im andern Sprachgebiet. Eine Möglickeit ist auch, mit einem anderssprachigen Kameraden im Unterricht ein „Tandem“ zu bilden. Gesamtschweizerisch müsste der Sprachunterricht systematisch evaluiert werden. Dies würde eine der Aufgaben des neu zu schaffenden Kompetenzzentrums für die Mehrsprachigkeit mit Sitz in Biel sein (Vorschlag des Regierungsrats des Kantons Bern).

Wie verhalten Sie sich gegenüber dem Frühenglisch?
Das Ziel für jeden Schweizer sollte die Mehrsprachigkeit sein, insbesondere gilt es, eine zweite Landessprache zu kennen. Deshalb darf nicht Englisch als zweite Sprache eingeführt werden, denn dies kann zu „English only“ führen. Ich verweise hier auf die Resolution der Internationalen Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrertagung in Luzern im Sommer 2001 (siehe Mitteilungen 4/2000). Als dritte Sprache muss jedoch unbedingt Englisch gelehrt werden.

Teilen Sie mit uns die Befürchtung, dass durch eine – jetzt schon gelegentlich anzutreffende – Verständigung auf Englisch zwischen Deutschschweizern und Romands unser Land noch mehr auseinanderklafft?
Diese Gefahr besteht für die Zentral- und die Ostschweiz, wenn dort tatsächlich Englisch als zweite Sprache eingeführt wird und man Französisch nicht mehr Ernst nimmt.

Was sollte getan werden, damit dies nicht eintrifft?
Die Erziehungsdirektorenkonferenz hat in ihren Empfehlungen festgehalten, dass für die zweite Landessprache und Englisch bis zum Ende der obligatorischen Schulpflicht die gleichen Ziele erreicht werden sollen.

Ist der berüchtigte „Röstigraben“ ein Schreckgespenst oder leider eine Tatsache?
Wo zwei Sprachen und zwei Kulturen sich begegnen, entsteht das Bedürfnis nach Abgrenzung oder Betonung der spezifischen Identität. Es geht nicht darum, dass wir gleich werden, sondern dass wir die Verschiedenheiten akzeptieren und wenn möglich in unser Repertoir einbauen. Die Französischsprachigen betrachten die Deutschschweiz als eine Einheit, die sie ja gar nicht ist. Abgrenzungsbedürfnisse stellt man auch innerhalb der Deutschschweiz fest. Es gibt neben dem Röstigraben auch einen „Reussgraben“: Französische Jasskarten gegenüber deutschen Karten, bezeichnende sprachliche Unterschiede, Pressekonzetration östlich der Reuss (NZZ, Blick, Tagesanzeiger). Der Graben wird auch bei der Einführung von Englisch sichtbar werden.

Worin besteht Ihre Arbeit als Geschäftsführer des Forums für die Zweisprachigkeit?
Das Forum ist im Sinne des Artikels 80 ff des Schweizerischen Zivilgesetzbuches eine Stiftung auf unbestimmte Zeit. Sie fördert die Zwei- und Mehrsprachigkeit durch qualitative und quantitative wissenschaftliche Forschung. Zu diesem Zweck arbeitet sie zusammen mit den linguistischen Instituten vorab der Universitäten Bern und Neuenburg, aber auch mit weiteren Institutionen des In- und Auslandes mit verwandter Zielsetzung. Die Stiftung fördert die Zweisprachigkeit aktiv durch positive Sensibilisierung der Bevölkerung in den Bereichen Schule, Kultur, Privatwirtschaft und Verwaltung. Sie veranstaltet öffentliche Vorträge (zum Beispiel „mardis du bilinguisme“) und realisiert Medienauftritte. Ferner veranlasst sie Weiterbildungskurse, insbesondere für Lehrkräfte in Methodik und Didaktik der Mehrsprachigkeit. Die Zweisprachigkeit wird weiter gefördert durch Zusammenarbeit mit den Behörden des Amtsbezirks Biel, der Region Biel-Seeland-Jura bernois, des Kantons und des Bundes. Sie wirkt insbesondere mit bei der Erarbeitung eines besonderen Status für den zweisprachigen Amtsbezirk Biel.

Anglizismen und Amerikanismen dringen immer stärker in die deutsche (und die Französische) Sprache ein. Sehen Sie darin – wie es der SKD befürchtet – eine Gefahr für eine saubere, gepflegte Sprache?
Die Sprache ist immer stärker als die Mode. Eine ähnliche Frage könnte man vielleicht in fünfzig bis hundert Jahren in Bezug auf das Chinesische stellen. Jede Sprache integriert stets fremde Elemente. Dies enthebt uns jedoch nicht der Pflicht, die eigene Sprache zu kultivieren.

Wie beurteilen Sie den Einfluss von E-mails und SMS auf die Sprache?
SMS könnte für mich heissen: Spielen mit Sprache, Ausprobieren von neuen Abkürzungen (siehe Mitteilungen 1/2002), Erfinden von Kurzwärtern usw.

Können Sie uns einen Rat erteilen, wie der SKD in Zukunft seine Ziele verfolgen soll?
Fahren Sie nur ruhig so weiter, wie Sie es bisher getan haben.
Herr Racine, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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