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Vom Latein zum Englisch?

rib. Während mehr als tausend Jahren wurde die internationale Gemeinschaft der Literaten und Gelehrten durch ihre gemeinsame Sprache zusammengehalten: das Latein. Bis ins 18. Jahrhundert waren wissenschaftliche Arbeiten in den weitaus meisten Fällen auf Lateinisch abgefasst, und an einzelnen Hoch-schulen entstanden bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts noch lateinische Dissertationen. Als zunehmend «tote» Sprache, die ausserhalb von Kirche und Wissenschaft kaum noch gebräuchlich war, überlebte das Latein aber selbst die Heraufkunft der Nationalstaaten. Ja, es vermochte seine führende Position in der Schulbildung auch dann zu behaupten, als es im 19. Jahrhundert mehr und mehr zum reinen Lehr- und Lerngegenstand wurde, zum pädagogischen Instrument, das nur noch in der katholischen Kirche über ein Rückzugsgebiet verfügte.
Immerhin, über mehrere Jahrhunderte war das Lateinische die Lingua franca Europas. Auf den ersten Blick scheint sich der Vergleich mit dem Englischen aufzudrängen, dem diese Funktion seit der Mitte des letzten Jahrhunderts zukommt. Der Blick auf Erasmus und die Lebensumstände des Intellektuellen im 15. Jahrhundert mag weitere Parallelen zur heutigen Situation zeigen: Brief und Buchdruck als Medien des geistigen Austausches mögen heute mindestens in gewissen Bereichen von E-Mail und Internet ab-gelöst worden sein. Das Englische, die Universalsprache der Informationsgesellschaft, als Latein unserer Zeit?
Neben unverkennbaren Parallelen zeigt sich ein grosser Unterschied. Denn mit dem Latein wurden über Jahrhundert hin stets auch die dahinter stehende Literatur und Kultur weitergegeben. Die Sprache, in der Newton und Kepler ihre Hauptwerke verfassten, war für sie auch die Sprache Ciceros und Vergils, und selbst in fachwissenschaftlichen Traktaten blitzt da und dort eine an der antiken Rhetorik geschulte Formulierung oder eine Reminiszenz an ein Werk der klassischen Dichtung auf. Demgegenüber ist das Englische in der internationalen Scientific Community auf die Funktion reduziert, Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg zu ermöglichen. Wohl niemandem käme es in den Sinn, in einer Studie über das internationale Währungswesen oder den Klimawandel einen Vers von Milton oder Shakespeare anklingen zu lassen.
Vom 5. November 2002 NZZ am Sonntag

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