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„“Im Wort ruht Gewalt wie im Ei die Gestalt…““

Dieses Gedicht Ina Seidels begleitet mich seit Jahrzehnten. Hier
bewahrheitet sich die oft belächelte Feststellung, dass große Dichtung
auch Lebenshilfe sei. Ein Sprichwort aus der Mongolei fasst sich
kürzer: „Ein gutes Wort ist wie drei Monate Wärme; ein böses Wort
verletzt wie sechs Monate Frost.“
Selbst ein Grobian wird hier
anerkennend nicken. Nicht von ungefahr drückt sich Luther in seinem
Katechismus radikaler aus: Wir sollen Rechenschaft ablegen für ein
jegliches Wort ,das wir unnütz geredet haben.
Das Wort hat nach biblischer und orientalischer Auffassung zwei
besondere Eigenschaften: Wort und Wirklichkeit sind untrennbar
verbunden. Wort meint ebenso den Befehl wie die Ausführung. Es
existiert kein Wort ohne die bezeichnete Realität und keine Realität,
die nicht durch das Wort mitteilbar ist.

„Am Anfang war das Wort“, beginnt Johannes sein Evangelium. Und zwei
Verse weiter: „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne
dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Das Wort (Gottes) also
ist die Ursache der Schöpfung, des Seins. Und wenn wir Wort halten,
dann sind wir eine Instanz, eine Bank für unsere Mitmenschen.

Bei Goethe findet man immer einen Rat: „Das Wort verwundet leichter,
als es heilt.“ Shakespeare unterstreicht, dass weniger oft mehr ist:
„Wo Worte selten sind, haben sie Gewicht.“ Und damit sich Worte nicht als „leere Worte“ entpuppen, sagen
wir mit Goethe im Faust: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich
auch endlich Taten sehn!“

Es kommt nicht einmal so sehr darauf an, was wir sagen, sondern wie
wir es sagen. Und vor allem kommt es darauf an, wie das Gesagte
ankommt. Wir müssen also immer genau darauf achten, mit wem wir reden.

Eine Frau hat ein altes Vorurteil untermauert: „Ein Mann ein Wort,
eine Frau ein Wörterbuch.“ Die Diplompsychologin Constanze Fakih
stellte in München fest, dass einer Frau täglich 23000 Wörter über die
Lippen kommen. Ein Mann bringt es auf knapp die Hälfte – weil sein
Gehirn angeblich anderes zu tun hat.

Worte, Worte, nichts als Worte? Politikern mag man das guten
Gewissens vorwerfen. Aber mit. der Notwendigkeit des „juste mot“, des treffenden Wortes, und mit der fehlenden Achtung vor dem Wort beschäftigten sich Vorträge, Lesungen und Diskussionen aktiver Sprachfreunde.

Die letzten Verse des Seidel-Gedichts lauten: „Mensch, gib acht, eh
du es sprichst, dass du am Worte nicht zerbrichst!“

Busek Online vom 19. Sept. 2002 (Alfred Keil)

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