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Über das notwendige Lehren und Forschen auf Deutsch

(skd) An diesem Platz stellt der Sprachkreis Deutsch in nächster Zeit oft gehörte Meinungen weniger verbreiteten gegenüber. Schweizer Verhältnisse sind zuweilen ähnlich denen des Auslands.
Heute lesen Sie Gedanken von Walter Krämer, veröffentlich am 22. April 2004 in der Nordwest-Zeitung, zur Meinung, akademische Lehre und Forschung in Deutschland fände bald nur noch auf Englisch statt. Auch viele Hochschullehrer-Kollegen glauben, dass man Spitzenwissenschaft nur noch auf Englisch betreiben könne.

„Aber genau mit dieser Einstellung tragen die gleichen Kollegen aktiv
dazu bei, dass Spitzenwissenschaft in Deutschland gar nicht erst
entsteht. Sie verwechseln nämlich die Rolle von Deutsch als
internationaler mit der als nationaler Wissenschaftssprache, als
Medium, in dem Forscher denken, grübeln, Ideen entwickeln, Hypothesen
formulieren, Querverbindungen herstellen, Gedankenblitze zünden
lassen.

Es geht hier um das Werkzeug, den Geburtshelfer, der Theorien und
Ideen überhaupt erlaubt, das Chaos unserer Gehirnzellen in Richtung
Umwelt zu verlassen. Und hier richtet die moderne Ersatz-
Wissenschaftssprache BSE (bad simple English) einen riesengroßen
Schaden an.

Ich empfehle allen Kollegen, die auf internationalen Konferenzen auf
Englisch daherstottern müssen und allein schon deshalb allen
englischen Muttersprachlern immer unterlegen sind, die Lektüre des
zeitlosen Aufsatzes über die „allmähliche Verfertigung der Gedanken
beim Reden“ von Heinrich von Kleist: „Wenn Du etwas wissen willst“,
fängt dieser Aufsatz an, „und es durch Meditation nicht finden kannst,
so rate ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten
Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen.“

Denn durch das Sprechen, so Heinrich von Kleist, werden unsere
Gehirnzellen quasi aufgemischt, beflügelt, zu Höchstleistungen
angetrieben – das Sprechen als Türöffner für das Denken.

„Der Franzose sagt: l“appétit vient en mangeant, und dieser
Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt,
l“idee vient en parlant.“

Sprache, so würde Kleist vermutlich heute formulieren, ist nämlich
mehr als eine Benutzeroberfläche, mit der unser Denken mit der Umwelt
in Verbindung tritt, Sprache ist einer der Motoren dieses Denkens
selbst. Wenn man aber nicht nur das Vermitteln, sondern auch das
Entstehen von Gedanken einer Pidgin-Sprache überantwortet ähnlich
derer, die vielen deutschen Wissenschaftlern heute zum Erfassen
unserer Welt als ausreichend erscheint, ist hochkarätige Forschung
nicht mehr möglich.

„Jeder Mensch denkt in seiner eigenen Sprache mit den ihr eigenen
Nuancen“, so der weltweit wohl bekannteste Computerexperte Josef
Weizenbaum vom MIT. „Die Sucht vieler Deutscher nach englischen
Sprachbrocken erzeugt dagegen Spracharmut, Sprachgulasch. Ideen können
so nicht entstehen.“

Der Knackpunkt ist: „Ideen können so nicht entstehen.“ Man kann also
das Hauptargument der Befürworter des Englischen als allgemeiner und
alleiniger Wissenschaftssprache auch in den Ländern außerhalb des
angelsächsischen Sprachgebietes geradezu umkehren, die meinen, erst
müsse die deutsche Wissenschaft besser werden, dann ginge es auch der
deutschen Sprache besser.

In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt: Erst muss die deutsche
Sprache besser werden, dann steigt auch die Qualität der deutschen
Wissenschaft.

Denn kreatives Denken gelingt den meisten Menschen nur in ihrer
Muttersprache, und wenn diese Muttersprache ganze Lebens- und
Wissensbereiche aus dem Weltbild ausblendet, ist in dieser
Muttersprache eben kein Erfassen dieser Welt mehr möglich. Deshalb
geht auch das oft gehörte Argument, auch muttersprachliche
Fachsprachen wären für Nichtfachleute unverständlich, und deshalb
könne man auch gleich in einer fremden Sprache Wissenschaft betreiben,
deutlich am eigentlichen Problem vorbei.

Denn mit dem Funktionieren der Denkfabrik „Gehirn“ hat das alles
nichts zu tun. Es geht nicht allein darum, dass das breite Publikum
eine Idee versteht, sondern darum, dass der Ideenproduzent sie selbst
versteht. Und das ist eben in einer Pidgin-Sprache namens BSE nur sehr
schwer möglich.

Das Vordringen von Englisch im internen deutschen Wissenschaftsbetrieb
ist also keine Hilfe, sondern eine Bremse für den wissenschaftlichen
Fortschritt hierzulande. Wir zementieren damit nur die
Zweitklassigkeit der deutschen Forschung auf allen Gebieten und machen
uns auf ewig zu Anhängseln und Sklaven eines anglo-amerikanisch
dominierten internationalen Kommunikations- und Wertesystems.“

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