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Taste statt Füller

E-Mails, SMS und ein Chat im Internet – wer angesichts des elektronischen Schriftwechsels noch zum Füller greift, gilt schon fast als Nostalgiker. Nicht nur der Prozess des Schreibens, sondern auch die Sprache hat sich durch die neuen Medien in den vergangenen Jahren grundlegend verändert.
Doch wo manche vor einem unwiderbringlichen Kulturverlust mahnen, sehen
Sprachforscher auch einen positiven Wandel, sogar ein neues starkes
Interesse am Schreiben bei den Jüngeren ins Land ziehen. So viel
geschrieben hat die junge Generation schon lange nicht mehr. „Es gibt
eine neue Schriftlichkeit.“ Erforscht wird der Umgang von Schülern mit den neuen Medien. Danach ist das Erstellen von Texten am Computer, das Verschicken von SMS per Handy oder auch das Chatten im Internet für die meisten täglich Brot.

Allerdings halten die neuen Möglichkeiten des schnellen Schreibens
auch Fußangeln bereit – so häufen sich Fehler in der Rechtschreibung, weil allzu blindes Vertrauen in das Rechtschreibprogramm gelegt wurde. Oder es entstehen Texte in „Collagentechnik“, bei denen Versatzstücke grammatikalisch nicht angeglichen werden. Und auch dem Textklau bei anderen ist kaum ein Riegel vorzuschieben. Für diese Texte gilt: „Veränderung ist leicht, Kontrolle schwierig“. Die neuen Möglichkeiten erweitern das Ausdrucksspektrum und ermöglichen zumindest theoretisch die Teilhabe an einem großen Wissensschatz.

Bei Forschungstrips durch Chatrooms im Internet und E- Mail-Listen bei
der neuen Schriftlichkeit haben Wissenschaftler vor allem eines festgestellt: „Hier wird Mündlichkeit simuliert.“ Umrankt von umgangssprachlichen Verschleifungen,
einem reichen Schatz vorzugsweise englischer Abkürzungen und
kommentierenden Emoticons werde eine künstliche Mündlichkeit geschaffen,
die vor allem durch eines auffalle: ihre Direktheit. Umso wichtiger sei
es, dass jedes Kommunikationsforum seine eigene „Netiquette“, also
Umgangsregeln, formuliere und deren Einhaltung auch beachte. Denn Gefahren
berge das neue Medium weniger durch den bunten Sprachmix als die Möglichkeit der Verrohung, hervorgerufen durch die Anonymität der Teilnehmer.

Einen Verlust für die bisherige Schriftlichkeit haben die Forscher nicht ausgemacht.. Mit der Handschrift werden viele romantische Gefühle verbunden. Aber bei genauem
Hinsehen sind die seit langem mehr Fiktion als Realität.. Eine E-Mail ist sprachlich natürlich anders als ein Brief. Aber die Flexibilität ist groß, jeder kann ja auswählen. Und wer gerne mit der Hand schreibt, kann das auch weiterhin tun.

Historiker und Literaturwissenschaftler hingegen haben eine wohl nicht
unberechtigte Furcht vor dem Boom der E-Mail-Korrespondenz – denn wären
die umfangreichen Briefwechsel vieler Literaten und Staatsmänner heute
wohl erhalten, wenn scheinbar Nebensächliches aus dem elektronischen Briefkasten gleich inden kleinen Papierkorb auf der Bildschirmoberfläche gewandert wäre?
Andrea Barthélémy, dpa, im Stern (gekürzte Bearbeitung SKD)

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