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Sprachen in Europa


Von Philippe Lalanne-Berdouticq
Vorstandsmitglied der französischen Sprachgeselischaft
Défense de la Langue française
Kein Europa ohne europäische Sprachen

Der Tag rückt näher, an dem die einzelnen Regierungen in einem feierlichen Akt die vom Konvent ausgearbeitete Europäische Verfassung annehmen werden. Aber eine entscheidende Lücke in dem Verfassungstext gibt Anlaß zur Sorge: Bis auf eine absichtlich kurze und ungenaue Aussage über die Achtung sprachlicher Vielfalt enthält die Europäische Verfassung keine Bestimmung über die Sprachen. Probleme werden keiner Lösung nahegebracht, indem man sie übergeht.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen zwei Fragen im Vordergrund: Wird das Europa der 25 von 2004 oder das Europa der 27 von 2007 von einem Übermaß an Sprachen bedroht ? Oder im Gegenteil vom Fehlen einer europäischen Sprache?

Seit 1973, genauer seit dem turbulenten Beitritt Englands zur Europäischen Union, die die Engländer zunächst über viele Jahre hinweg vergeblich bekämpft hatten, hat London ständig drei Ziele verfolgt, von denen eines die Sprachen betraf: 1. Wirtschaftlich sollte Europa in eine Freihandelszone umgewandelt werden. 2. London setzte sich in einem Maße für die Stärkung des polischen Einflusses der USA ein, daß England manchmal wie der 51. Staat seiner ehemaligen Kolonie auftrat. 3. Französisch als erste und Deutsch als zweite Arbeitssprache sollten durch das AngloAmerikanische ersetzt werden, das seine Geltung in der Welt allein einer außereuropäischen Supermacht verdankt. Der Wille, jede andere Sprache zu verdrängen, war dabei offensichtlich.

Von der Überheblichkeit zur Selbstaufgabe

Kein Volk ist innerhalb eines halben Jahrhunderts so schlagartig von der Arroganz zum Masochismus übergeschwenkt wie das französische. Gestern noch eine lässige, schwer erträgliche Überheblichkeit gegenüber Fremden – „Sollen sie doch Fran-zösisch sprechen …“ – “ heute statt dessen die gezielte Abkehr von der eigenen Sprache, als ob diese gar nichts mehr – oder beinahe – zu den Wissenschaften, zu einem kultivierten Leben, zur Errichtung Europas und zu dessen Gedankenwelt
beitragen könne. Der Pariser Figaro hat dieses „schleichende Waterloo“ Frankreichs auf dem Gebiet der Sprachen in einem Beitrag vom 26. Juni 2003 geschildert.

Schauen wir den Dingen ins Gesicht: Der Kern des Problems ist in dem Grundsatz zu sehen, daß jeder in einer der Mitgliedersprachen geschriebene oder gesprochene Text in jede andere offizielle Sprache der Europäischen Union übersetzt werden soll. Mit 11 nationalen Sprachen heute, das heißt 110 Sprachpaaren, würden die Kosten fr die mündlichen und schriftlichen Übersetzungen ein Drittel der laufenden Verwal-tungskosten verschlingen. Maßlosigkeit in der einen Richtung führt in die Sackgasse und hat Maßlosigkeit in der entgegengesetzten Richtung zur Folge (Anstelle) nationaler Sprachen mit ihren vielfältigen Kombinationen soll eine einzige Sprache treten: das Amerikanische als Sprache Europas. Unter dem Vorwand der Verein-fachung und als Ergebnis einer angeblich realistischen Handhabung des Problems würde eine sprachliche Hegemonie geschaffen, welche einem Verzicht auf Europa gleichkäme. Eine derartige Lösung der Sprachenfrage ist undenkbar.

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Identität und Pluralität

Dank (der) Verbindung von Vielfalt und Effizienz wird Europa aus dem Dilemma von dominierenden und dominanten Sprachen herausfinden. Ein ausgewogenes Zusammenspiel der Sprachen wird so innerhalb einer vernünftigen Pluralität entstehen.

Ein einsamer Kampf der Franzosen ohne die Deutschen – oder umgekehrt: der Deutschen ohne die Franzosen gegen die Dampfwalze des Anglo-Amerikanischen wäre heute zum Scheitern verurteilt. Durch die Hinzunahme des Spanischen als vierte Schlüsselsprache – mit 300 Millionen Sprechern von der Iberischen Halbinsel bis Südamerika – werden andererseits die Spanier zu Bundesgenossen der Franzosen und der Deutschen. Die Solidarität, die wir alle brauchen, wird so gestärkt.

Die Zusammenarbeit der Franzosen und der Deutschen ist im Elysée-Vertrag vom Januar 1963 festgelegt und geht aus der Natur der Dinge hervor. Die französische und die deutsche Kultur ergänzen sich – wie die beiden Sprachen: das Französische durch seine Klarheit, das Deutsche durch seine Genauigkeit. Wirtschaftlich sind beide Länder eng miteinander verflochten, und zwar in einem Maße, daß jedes der beiden Länder die meisten Waren in das andere importiert und aus dem anderen exportiert.

Für ein dynamisches Europa

Das große Europa der 27 Nationen wird gelähmt sein, wenn es in seinem Kern nicht von einem Motor angetrieben wird, dem die beiden Gründerstaaten die notwendige Dynamik verleihen. Das deutsch-französische Bündnis ist allein in der Lage, Europa wieder eine kulturelle Zukunftsvision zu verschaffen. Als dritte belebende Kraft könnte Spanien dieses Zweiergespann verstärken. Wichtig ist dabei jedoch, daß das einseitige ökonomische Denken überwunden wird.

Ein Gefühl europäischer Zusammengehörigkeit wird sich nur entwickeln durch den Erwerb und die Verbesserung von Sprachkenntnissen. In allen Schulen des Kontinents sollten die Schüler zwei, noch besser drei Fremdsprachen lernen. Unverzichtbar ist auch, daß der Wortschatz jeder unserer Sprachen ständig erweitert und bereichert wird durch den Einfallsreichtum und das schöpferische Vermögen ihrer Sprecher, durch eine stets wache Neugier für die geistigen Hervorbringungen Europas sowie durch einen ständigen Fortschritt in den Wissenschaften, der in den Sprachen der einzelnen Forscher dargestellt wird.

Weder hochmütiger Rückzug auf die eigene Sprache noch deren laxe Preisgabe zugunsten eines einzigen außereuropäischen Idioms Die großen Perspektiven Europas beinhalten die Entwicklung unserer jeweiligen Sprachen mit ihren Besonderheiten und zugleich die Offenheit für mehrere fremde Sprachen. Darin liegt der Schlüssel für eine gegenseitige Bereicherung wie für eine Überwindung der festgefahrenen sprachlichen Situation – und für ein neues transatlantisches Gleichgewicht.

Tun wir den ersten Schritt: Glauben wir an unsere Sprachen!

(Übersetzung G. Schrammen VDS) (gekürzt SKD)

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