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Welche Zukunft für die deutsche Sprache in EUropa?

Die Bedeutung des Deutschen als Arbeitssprache in der Europäischen Union
ist besonders im Vergleich mit Englisch und Französisch noch ausbaufähig.
Diese Feststellung stellt eine euphemistische Umschreibung des Tatbestandes
dar. Denn im internen Dienstgebrauch der Gemeinschaftsorgane, allen voran
der Kommission, spielt die deutsche Sprache, wie Markus Kürten 1) konstatiert,
eine verschwindend geringe Rolle.

Während das Deutsche seit den Römischen Vorträgen authentische
Vertragssprache und auch gleichberechtigte Amtssprache ist, die von den
EU-Organen im Rechtsverkehr nach außen verwendet wird, findet die
Kommunikation im inneren Gcschäftsbetrieb insbesondere der Kommission
praktisch so gut wie nie auf deutsch statt – obwohl nach einer nicht
veröffentlichten Protokollerklärung von 1993 nominell auch Deutsch neben
(dem tatsächlich dominierenden) Englisch und (dem mittlerweile seltener
verwendeten) Französisch als Arbeitssprache vorgesehen ist. Die
unterschiedliche Sprach(en)regelung in den einzelnen Gemeinschaftsorganen
basiert auf einer durch Verordnung erteilten Ermächtigung, in den
Geschäftsordnungen festzulegen, wie die Sprachenfrage im einzelnen zu
regeln ist. Die getroffenen Regelungen reichen von dem im Europäischen
Parlament herrschenden sogenannten Vollsprachenregime bis zu einem aus
Effektivitätsgründen auf drei Sprachen (Englisch. Französisch und
Deutsch) reduzierten Arbeitsregime, bei dem in der Praxis Englisch bei
weitem am häufigsten gesprochen wird.

Diese Entwicklung ist nicht etwa deshalb unbedenklich, weil hier der
„unmittelbare Bürgerbezug“ fehlt, wie Kürten meint. Die Sprachfrage ist
ein Politikum ersten Ranges. und in Europa gilt nicht nur, daß maßgeblich
(mit-)bestimmt, wer Nettozahler ist, sondern auch und vor allem, wer
seine Sprache als Kommunikationsmittel und Träger je eigener spezifischer
(Rechts-)Kultur durchzusetzen vermag: So wie gesprochen wird, wird auch
gedacht und entschieden, wie die frankophone Arbeitspraxis der europäischen
Gerichtsbarkeit beweist.

Nun ist einzuräumen, daß ungeachtet des im europäischen Primärrecht
verankerten Prinzips der sprachlichen Gleichberechtigung der Mitgliedstaaten
zur Vermeidung eines „babylonischen Sprachgewirrs“, das heißt zur
Herstellung und Bewahrung der Handlungsfähigkeit auch in sprachlicher
Hinsicht, ein eingeschränktes Sprachregime bei der internen Arbeit
unumgänglich ist. Nur darf dabei die deutsche Sprache, die in der
Europäischen Union noch immer am weitesten verbreitete Muttersprache, nicht
einfach unter den Tisch fallen.

Doch wie kann dies verhindert werden? Kürten setzt ebenso wie die
Bundesregierung, die ein das Deutsche einschließendes Drei-Arbeitssprachen-
Regime als Mindeststandard anstrebt, auf Sprachkurse des Goethe-Instituts
für Bedienstete der EU sowie gezielte Personalpolitik. So richtig und
wichtig diese Maßnahmen sind, sie ersetzen nicht eine ebenso umsichtig
wie zielstrebig zu betreibende Sprachpolitik als Element deutscher Außen-
und Europapolitik. Aber eine solche ist nicht einmal in Ansätzen
erkennbar. Kürten verspricht sich große Chancen zur Änderung der
Situation durch die EU-Ost-Erweiterung. Diese führt allerdings nicht ohne
weiteres zu einer Stärkung der deutschen Sprache. Schon die
Beitrittsverhandlungen wurden ganz überwiegend, wenn nicht ausschließlich
in Englisch geführt, und auch die in Brüssel tätigen Beamten der
Beitrittsstaaten bedienen sich hauptsächlich der englischen Sprache.

Die mit der EU-Ost-Erweiterung verbundene Chance, in einer konzertierten
Aktion Deutschlands, Österreichs und der Beitrittsländer Deutsch als
dritte Arbeitssprache in einer verbindlichen Regelung zu etablieren, ist
verpaßt worden. Doch was will man von der politischen Klasse eines Landes
erwarten, die sich (von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen) der
Bedeutung der eigenen Sprache seit langem nicht mehr bewußt ist, sie
weder im In- noch im Ausland pflegt, sondem – wie die Rechtschreibreform
und die als „brain-up“ titulierte „Bildungsinnovation“ exemplarisch
zeigen – entweder verhunzt oder gar nicht mehr gebraucht. Im übrigen
fürchtet diese politische Klasse offenbar nichts mehr als den Vorwurf,
„einem irgendwie gearteten deutschen Machtstreben oder deutschen
Kulturimperialismus das Wort zu reden“. Kürten setzt sich darüber hinweg
und fordert mit guten Gründen die Anerkennung und Praktizierung des
Deutschen als dritte Arbeitssprache. Denn ohne Deutsch und Französisch
als gebräuchliche weitere Sprachen in den Institutionen Europas dürfte
das Englische endgültig zur europäischen Lingua franca werden. Der auf
Sprachenvielfalt angewiesenen kulturellen Vielfalt, die den eigentlichen
Reichtum Europas bildet, würde damit schwerer Schaden zugefügt.
Von Christian Hillgruber, Oktober 2004 [Buchbesprechung ]
1) Markus A. Kürten: Die Bedeutung der deutschen Sprache im Recht der
Europäischen Union. Verlag Duncker & Humblot. Berlin 2004. 180 S., 64€

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