Kostprobe einer humorvollen Sprache

Helene Schild ist eine wahre Sprachkünstlerin. Die Brienzerin las Geschichten in Mundart in der Bibliothek Brienz und gewährte damit einen Einblick in die reiche Sprache und Geschichte des Dorfes.

Helene Schild ist eine Frau mit gutem Gespür für die Sprache – und zwar nicht für irgendeine Sprache, sondern für die Brienzer Mundart. Ihre Texte, die sie zumeist mit ihrem unterdessen verstorbenen Mann Erich Schild geschrieben hat, verleihen der Dorfgeschichte ein Gesicht und sind vielen Menschen ein lebendiges Andenken. Da ist etwa der Schnitz1er Alfred, der mit seinem neuen «Fiirtyfel» – seinem modernen Feuerzeug – während der Predigt in der Kirche um ein Haar einen Brand veranstaltet hätte oder die resolute Frau Resi, die eine Reise in die Grossstadt London unternahm und dort auf wundersame Weise zu einer Spritztour im Streifenwagen der Polizei kam.

Die Texte beruhen zum Teil auf wahren Geschichten, zu einem anderen Teil sind sie auch frei erfunden. Allen gemeinsam ist die ungeheuer reiche und blumige Sprache, die feinen Beobachtungen, präzisen Schilderungen und nicht zuletzt auch ein gutes Quentchen Humor. Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern zauberte Helene Schild jedenfalls immer wieder ein Schmunzeln auf die Lippen. Zwischendurch erzählte sie lustige Begebenheiten aus der Zeit, als sie mit ihrem Mann die Rothorn-Apotheke in Brienz geführt hatte. Sie gestaltete mit ihren Geschichten nicht nur einen unterhaltsamen Abend, sondern gewährte Einblick in den Charakter der Brienzer Mundart. Die Mundart unterscheidet Feinheiten, die in der deutschen Sprache unter einem Begriff zusammengefasst werden. So gibt es etwa verschiedene Verben für «hinken», je nachdem, ob jemand einen Fuss hinten nachzieht oder beim Gehen eher mit dem Oberkörper zur Seite ausschwenkt. Um ihre Begriffe zu verdeutlichen, stellte Helene
Schild die Szenen auch mal körperlich nach. Andere Wörter wecken schon wegen ihrer Melodie Amusement: «Tiliplunz» (Alpenbraunelle) etwa oder «lamaaschen» (trödeln). Anzumerken ist, dass diese Schreibweise keineswegs den bisher ungeschriebenen Regeln der Brienzer Mundart entspricht. Diese sollten aber bald schon öffentlich zugänglich werden. Helene Schild arbeitet nämlich seit vielen Jahren an einem detaillierten Wörterbuch zur Brienzer Mundart. In dieser Auseinandersetzung ist Helene Schild über die Jahre fast zufällig zur Sprachwissenschaftlerin geworden.

(am) Der Brienzer, 5.Nov. 2004 (bearbeitet skd)

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