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Fünf Minuten Deutsch

[ und ein Vorschlag am Schluss ]

Alle starken Sprachen sind kannibalistisch. Was daherfliegt an fremden
Brocken, wird aufgeschnappt, einverleibt. Auch die deutsche Sprache war
einst so gefräßig – unsere besten Wörter zeugen davon, Fenster, Wein,
Keller, lauter Entlehnungen aus dem Latein. Es scheint aber, als sei dem
heutigen Deutsch die Fressgier vergangen, unentwegt wälzt es neue
Begriffe im Maul, aus atlantischen Fernen ihm zugeworfen, schluckt aber
nichts, will nichts verdauen. Woher die Beschwer? Erst neulich lasen wir
in der StZ, es wachse die Zahl der „gedownloadeten Filme“.

Schlimm: die fremden Ausdrücke lassen sich nicht integrieren – sie
entziehen sich dem Flexionssystem, was jeder merkt, der etwas gemanaged
oder upgegradet hat oder sein Dosenpfand einlöst: hatte er nun recyclt,
recycled, gerecycelt oder regecyceled? Und läge er auf der Couch: reläxte
er dann? Unserer Sprache stehn wirre Zeiten bevor.

Das Phänomen ist alt – und ganz neu. Solange das Überfremdungsphänomen
sich schichtenspezifisch erklärte, als Ausdruck einer Ordo (Latein im
Mittelalter), als Folge eines Besatzerregiments, so lange war die Chose
harmlos. Irgendwann hatte lebendige Sprache derlei verdaut. Und aus
Bureau ward Büro. Erst heute, voll geschoppt mit den spreaded terms einer
totalitär sich in Szene setzenden Hightechwelt, droht unsre Sprache an
ihrem Vokabular zu ersticken. Anglizismen: kein Vorrecht mehr von
Minderheiten, sondern Zwang für uns alle.

Spanier, Franzosen widerstehen den Amerikanismen selbstbewusster, kein
Schwede fürchtet sich vorm Schwenglisch. […]

Geht es ums Wörterprägen, erweisen die Deutschen sich als verzagte
Nation. Die Ängstlichkeit hat vielleicht Gründe. In Historikerkreisen
kursiert die These, hier drücke sich geknicktes Selbstbewusstsein aus,
gekuscht in der Erfahrung nationalsozialistischer Deutschtümelei. Nach
dem „Zusammenbruch“ hätten die Deutschen sich ihrer Zunge schämen
gelernt. Seitdem übten sie, mindestens sprachlich, sich in Passivität und
Verzicht auf eigenen Ausdruck.

Mag sein. Kommt aber hinzu, dass wir Genauigkeitsmichel sind,
Umstandskrämer, die nie den besten Ausdruck finden wollen, sondern immer
nur den getreulichsten. Kompakt, korrekt, kompliziert, möglichst alles in
einem Wort – wir basteln Vokabeln, wie für Karteireiter ersonnen:
teilzeitarbeitsmarktpolitisch, Mobilfunknetzbetreibergesellschaft.
Entsprechend verklumpt die ganze Sprache, klebrig koaguliert.
[… ]

Kein Wunder, wenn“s die Jungen vor diesem Deutsch graust. Es klingt
bürokratisch, sinister, altväterlich, unsexy, packpapieren. Und genau
hier fängt sie an, die Verführungskraft der Anglizismen. Denn was so
funny ist an den angloamerikanischen Wörtern, das ist ihre schlagende
Kürze: Mindestens fünfzig Prozent Silbenersparnis bringen Vokabeln wie
Kids, News, Talk, Date, Hit.

Wer aber knappt uns die Wörter? Allesamt sind wir feig beim Prägen klarer
Begriffe – könnte ja lächerlich klingen: Handfunk, Tragfon, Klapprechner,
Prallkissen, haha, was soll das? Aber offen gestanden: nur so kämen wir
weiter. Und mit entschlossenem „Fressen“. Die Norddeutschen, ohnehin
näher der angelsächsischen Welt, haben aus turn einen Törn gemacht und
aus bottle die Buddel. Aber die Pauer, endlich auch Power einzudeutschen,
hat nicht mal der Mann von der Mediamarkt-Werbung.

Ruprecht Skasa-Weiß, Stuttgarter Zeitung, 12.Dez.2004 (gekürzt skd)

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