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Blöff, Blaff, Bluff

Wer trägt den Nasenring? Von Stefan Stirnemann
Wenn die orthographischen Neuregler empfehlen, Ketchup als Ketschup zu schreiben, als ob es sich um ein wenigstens zur Hälfte deutsches Wort handelte, so müßten sie für den Schwindel Bluff auch Blöff anraten. Oder Blaff? Begegnet man einem zornigen, kurzatmigen, dicken Hund, so wird man angeblafft – das liegt im Wesen der Dinge und ist nicht schlimm. Verblüffen lassen aber soll man sich nicht, und schon gar nicht zwei Jahrzehnte lang.

Der Reformer Wolfgang Mentrup meinte 1985: „Noch nie war eine Neuregelung der heutigen Rechtschreibung wissenschaftlich so gut vorbereitet wie heute.“ Lange Jahre sind seit diesem eindringlich verdoppelten Heute von einst vergangen, und im heutigen Heute sagt ein anderer führender Reformer, Gerhard Augst: „Wir hätten unsere Trennregeln vorher mit den Wörterbuchverlagen durchprobieren müssen; es reicht nicht, zehn Beispiele zu nehmen. Dann wären wir früher auf die Schwierigkeiten gestoßen.“ (Der Spiegel 30/2005) Weil sich die Reformer nicht nur bei den Trennregeln mit zehn Beispielen begnügten, ruft ihr Werk seit seiner Drucklegung laut nach Richtigstellung. Erst diesen August aber erschien eine überarbeitete Fassung der neuen Regeln, und längst ist der neu eingesetzte Rat für Rechtschreibung an einer weiteren Überarbeitung. Daß die Berichtigung fast nicht vom Fleck kommt, hat seinen Grund in der Schlauheit der Politiker, die möglichst wenige Fehler zugeben, und in der Schlauheit der Reformer, die auch möglichst wenige Fehler zugeben. Vor fünf Jahren schrieb Horst Sitta, einer der Schweizer Urheber der Neuregelung: „Es gibt nicht die oft beschworene ‚Reform der Reform’.“ (St. Galler Tagblatt, 25. August 2000) Jetzt verheißt Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rates für Rechtschreibung: „Es kann sogar sein, dass es mehrere Reformen der Reform geben wird.“ (Der Spiegel 23/2005) Horst Sitta arbeitet in diesem Rat mit, und die vielen Anhänger der mißglückten Rechtschreibung dort tun im Bund mit den Vertretern der Wörterbuchverlage alles, um eine grundsätzliche Änderung der verfahrenen Lage zu verhindern.
Viele Fragen suchen eine Antwort: Warum wird etwas derart Unfertiges für die Schulen verbindlich? Wer zahlt für all die Wörterbücher und Lehrmittel, die seit 1996 immer wieder „präzisiert“ und „minim angepaßt“ werden – und wie die Tarnbezeichnungen sonst noch heißen? Wer muß sich dafür schämen, daß wir im Jahre 2005 über Unsinn wie Er hat Recht, heute Früh, aufwändig reden?

Letzten Sommer kündigten große Zeitungen und Verlage den Verzicht auf die neuen Regeln an. Im Internet tauchte ein Brief der hessischen Kultusministerin Wolff an Frau Merkel und Herrn Lammert auf: „Was die Handlungsweise einiger Verlage angeht, äußere ich mich nicht zu dem durchaus vorhandenen Reiz, einmal zu zeigen, dass die Medien die Politik nicht nach Belieben am Nasenring durch die Arena ziehen können.“

Tanzbären mit Nasenring sind offenbar die Bürger und Bürgerinnen, die sich seit Jahren von schlechten Politikern über gutes Deutsch belehren lassen müssen.«

Quelle: www.sprachforschung.org

(skd) Beim vorliegenden Text handelt es sich um das Nachwort zum Buch von

Karin Pfeiffer / Claudia Ludwig, Der große BLÖFF, Neue deutsche Rechtschreibung: einfach unlernbar. Stolz Verlag GmbH, Düren, 2005 / 7,50 Eur[D] / 7,70 Eur[A] / 13,50 sFr
ISBN-13 978-3-89778-244-0

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