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Neue Hoffnung für die deutsche Sprache?

Seit dem Beitritt der Mitgliedstaaten aus Mittel- und Osteuropa zur
Europäischen Union hat Deutsch Französisch als zweitwichtigste
Fremdsprache überholt.

Innerhalb der europäischen Institutionen in
Brüssel ist es mit dem Deutschen jedoch nicht weit her: Obwohl Deutsch
die in der EU am meisten gesprochene Muttersprache ist, dominieren
Englisch und Französisch das Alltagsgeschäft. Dieser Trend könnte sich
jetzt ändern.

Die Tatsache,
dass Deutsch Französisch als zweitwichtigste Fremdsprache in der EU
überholt hat, deckt sich mit den Erfahrungen, die der Leiter der
Sprachabteilung im Brüsseler Goethe-Institut mit dem Deutschunterricht
gemacht hat. Die Sprachkurse werden immer beliebter.

„Wir profitieren davon, dass Deutsch in den neuen Mitgliedsstaaten aus
Mittel- und Osteuropa als Fremdsprache verbreitet ist“. Viele Diplomaten
und Beamte aus den neuen Ländern vertiefen ihre Sprachkenntnisse, anstatt
eine neue Sprache zu lernen. Auch eine neue Regelung der Kommission kommt
dem Deutschen entgegen – danach muss jeder neu eingestellte Mitarbeiter
der EU-Behörde vor der Verbeamtung und als Voraussetzung für seine
interne Karriere in einer dritten Sprache arbeiten können. Nach den
ersten Erfahrungen profitiert vor allem Deutsch davon.

Deutschkurse für EU-Kommissare

Die deutsche Regierung hat die Bedeutsamkeit der
Sprachförderung erkannt und baut sie kontinuierlich aus. Während sie sich
Anfang der 90er Jahre darauf beschränkte, Gruppenkurse für höhere
EU-Bedienstete in Brüssel zu organisieren, zielt sie seit 2002 auch auf
die höheren Entscheidungsträger ab: Kommissare und Kabinettchefs., mit
„Individualkursen“, die auf die speziellen Bedürfnisse der Lernenden
zugeschnitten sind.
Zunehmend setzt sich dabei der Trend durch, die Schüler auch ins eigene
Land zu holen.

In der Praxis dominieren
weiter Englisch und Französisch das Alltagsgeschäft – sowohl in der
Kommission als auch im Rat. Der portugiesische Kommissionspräsident
spricht vor der Presse nur englisch und französisch,
andere tun es ihm gleich. „Das hat sich irgendwie so eingebürgert“,
„eine Regel gibt es bei
uns nicht“ – oder besser: nicht mehr. Denn 1993 brachte Ex-Kanzler Helmut
Kohl den damaligen Chef der Kommission dazu, Deutsch
neben Englisch und Französisch als „Arbeitssprache“ für den kommissions-
internen Gebrauch anzuerkennen. Durchgesetzt hat diese Vereinbarung sich
unter den rund 15.000 Kommissionsmitarbeitern nicht.

Anteil der Muttersprachler an der EU-Bevölkerung

Deutsch: 24 Prozent
Englisch: 16 Prozent
Französisch: 16 Prozent
Italienisch: 16 Prozent
Spanisch: 11 Prozent
Holländisch: 6 Prozent

Allein in den Gängen des Europäischen Parlaments machen sich deutsche
Töne breit. Dass Deutschland als bevölkerungsreichster Mitgliedsstaat
auch die meisten Abgeordneten nach Brüssel und Straßburg entsendet, ist
hier deutlich hörbar. Langjährige Beobachter erklären diesen Umstand
auch mit einem neuen Selbstbewusstsein der deutschen Muttersprachler im
Umgang mit ihrer Sprache, dem in dem „Finnland-Problem“ auf höchster
Ebene Ausdruck verliehen wurde. 1999 verweigerten die Regierungen Schröder
und die des Österreichers Schüssel die Teilnahme an einem EU-Gipfel in
Helsinki, weil die Finnen eine Übersetzung der Gespräche ins Deutsche
nicht für nötig befanden. Lediglich Englisch und Französisch waren im
Angebot.

Lautstarke Beschwerden

So vehement wie die Franzosen verfechten die Deutschen ihre Sprache
allerdings nicht. In Brüssel ist es keine Seltenheit, dass französische
Journalisten sich lautstark beschweren, wenn ihre auf französisch
gestellten Fragen bei der täglichen Pressekonferenz der Kommission auf
englisch beantwortet werden. Oder wenn aus Kostengründen gar keine
Übersetzung ins Französische stattfindet: „Das ist skandalös“,
schmetterte vergangene Woche ein französischer Journalist englischen
Abgeordneten entgegen, die keine französische Übersetzung anbieten
konnten. Dabei sprach der Korrespondent einwandfreies Englisch.

Für die Franzosen werden die Umfrageergebnisse der Kommission ein herber
Rückschlag gewesen sein. Nicht nur, weil sie im Bereich der Fremdsprachen
hinter das Deutsche gerutscht sind. Die Umfrage unter rund 30.000
Europäern belegt auch, dass Englisch als erste Fremdsprache deutlich
zugelegt hat. 47 Prozent der Europäer verständigen sich auf Englisch –
allerdings nur 13 Prozent davon als Muttersprachler. Dabei haben die
Franzosen von Anfang an gegen die Dominanz des Englischen in der EU
gekämpft. Als die Briten und Iren der EU 1973 beitraten, stellten die
Franzosen eine Bedingung: Die Briten und Iren, die in Brüssel arbeiten,
sollten Französisch lernen.

Briten: Schlusslicht in der EU

Viel genützt hat das nicht: Bis heute bilden die Briten in der EU das
Schlusslicht, was die Fremdsprachen angeht. 70 Prozent sprechen keine
weitere Sprache. In Deutschland sind es nur 38 Prozent. Ob den Briten mit
den Sprachkenntnissen anderer geholfen ist, darf dennoch bezweifelt
werden: „Die englische Sprache ist in Brüssel zum Selbstgänger geworden.
Mit dem richtigen Englisch hat sie manchmal nichts mehr gemein“,
beschwert sich ein britischer Diplomat, der nicht selten Probleme hat,
das Englisch seiner Kollegen zu verstehen. „Englisch ein Muss, Deutsch
ein Plus“, formuliert es Johann Greimel vom Goethe-Institut, „auf
europäischer Ebene oder im Bereich der Wirtschaft eröffnen
Deutschkenntnisse mehr Möglichkeiten“. Wie es scheint, sind immer mehr
Europäer dieser Ansicht.
Von Katharina Strobel
ZDF vom 14. Nov.2005 (gekürzte Bearbeitung skd)

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