• Allgemein
  • 0

ZUM „DIALEKT“-PROJEKT DES FORUM HELVETICUM

Das Forum Helveticum (FH) veröffentlicht die dreisprachige Publikation „Dialekt in der (Deutsch)Schweiz – zwischen lokaler Identität und nationaler Kohäsion“. (Dezember 2005)

Die FH-Tagung mit Teilnehmenden aus allen Sprachregionen der Schweiz konzentriert sich auf die Aspekte des Dialekts in der Schule und in den elektronischen Medien. Am Podiumsgespräch beteiligen sich Entscheidungsträger aus den entsprechenden Bereichen. (November 2006)

Das FH veröffentlicht den Katalog, der die wichtigsten an der Novembertagung 2006 eingebrachten Stellungnahmen und zukunftsgerichteten Vorschläge zusammenfasst. (Februar 2007)

Bei Publikation wie Tagung lässt sich festhalten: Das starke Interesse an der Thematik und deren unterschiedliche Rezeption zeigen nicht nur, wie vielfältig und emotional das Thema aufgenommen wird, sondern auch, dass es als ein Indikator für Fragestellungen zur mehrsprachigen Schweiz fungiert. Trotzdem fanden sich an der Tagung bei den meisten Themen deutliche, Sprachregionen übergreifende Mehrheitskonsense. Die Frage der Wahrnehmung der Deutschschweizer Dialekte innerhalb der verschiedenen Sprachgemeinschaften und die damit verbundenen Überlegungen zum nationalen Zusammenhalt sorgten am meisten für Kontroversen und werden auf der letzten Seite des Katalogs behandelt.

STELLUNGNAHMEN UND VORSCHLÄGE AUS DER TAGUNG

Hochdeutsch darf keine „Fremdsprache“ mehr sein

Die vermehrte Präsenz von Mundart auf allen Gesellschaftsebenen hat sich in den letzten Jahrzehnten auf Kosten des Hochdeutschen durchgesetzt. Die erhöhte mangelnde Kompetenz der Hochsprache erschwert den Kontakt sowohl zum deutschsprachigen Raum als auch mit den anderen Sprachregionen der Schweiz. Ziel muss sein, dass Deutschschweizer Hochdeutsch nicht mehr als „Fremdsprache” empfinden. Als Beispiel einer selbstverständlichen Beherrschung von Dialekt und Hochsprache wird die Lage in der italienischen Schweiz genannt.

Pflege des Hochdeutschen nicht auf Kosten der Mundart

Mundart und Hochdeutsch geniessen beide einen hohen Prestigewert. Wir können uns freuen, zwei gleichwertige Sprachen zu besitzen. Die Dialekte sollen weiterhin gepflegt werden. Bessere Hochdeutschkompetenzen sollen nicht auf Kosten der Mundart erfolgen.

Hochdeutsch in der Schule ist erste Priorität

“In der Schule wird grundsätzlich Hochdeutsch gesprochen“. Mit dieser Aussage, die den neueren Empfehlungen der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) entspricht, identifizierten sich die meisten Tagungsteilnehmenden. Je nach Schulstufe können Mundartlieder oder -literatur weiterhin gezielt eingebracht werden.

Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen von zentraler Bedeutung

Bei der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen ist der entkrampfte und lebendige Zugang zur hochdeutschen Sprache zu fördern. Nur so können sie ihrerseits einen spontaneren Unterricht in dieser Sprache anbieten.

Weg von der künstlichen Aufteilung „Herz“ und „Kopf“

Die bekannte Aufteilung „Mundart Herz, Gefühle ausdrucken, musische Fächer“ und „Hochdeutsch = Kopf, ernsthaft kommunizieren, Promotionsfächer“ ist nicht „angeboren“, sondern wurde und wird in der Schule bewusst oder unbewusst gesteuert und zementiert. Dieser Situation kann man mit einfachen Mitteln bereits ab dem Kindergarten entgegenwirken. Damit entwickelt das Kind auch dem Hochdeutschen gegenüber eine positive Einstellung. In den elektronischen Medien müsste man sich von dieser künstlichen Aufteilung ebenfalls distanzieren.

Mut zum helvetischen Hochdeutsch

Der auch von der EDK in den Empfehlungen erwähnte „Nationalkomplex“ gegenüber dem Hochdeutschen soll endlich abgelegt werden. Wie bei unseren Deutsch sprechenden Nachbarn darf man hören, woher Deutschschweizer stammen, wenn sie Deutsch sprechen. Die Aufforderung lautet: Mut zum helvetischen Hochdeutsch.

Kindergarten ist grosser Hoffnungsträger für die Zukunft

Die Stellungnahme des Verbands Kindergärtnerinnen Schweiz, die – parallel zum Gebrauch von Mundart – eine konsequente Einführung von Hochdeutsch im Kindergarten vorsieht, wird begrüsst. Liedgut, Geschichten usw. auf Mundart müssen erhalten bleiben. Im Kindergarten besteht die Chance, beide Sprachen lustvoll zu lernen und die Herz/KopfAufteilung endgültig abzulegen. Somit kann eine Generation heranwachsen, die mit Hochdeutsch unbeschwert umgeht. Selbstverständlich müssen die Lehrpersonen bei dieser Aufgabe effizient unterstützt werden.

Rolle der elektronischen Medien im Zeichen der „idee suisse“

Zu den elektronischen Medien fiel der Konsens weniger deutlich aus als zur Schule. Zwischen der Forderung, nationale Medien sollen nur noch auf Hochdeutsch senden bis zum Erhalten des Status quo gab es viele Abstufungen. Folgende Bemerkungen fanden einen Mehrheitskonsens:

Die nationalen elektronischen Medien haben im Sinne der „idee suisse“ eine landesweite Kohäsionsverantwortung wahrzunehmen. Dazu gehören, vor allem im Fernsehbereich, auch gezielt vermehrt Sendungen auf Hochdeutsch (z.B. „Arena“, „Meteo“). Gemischtsprachige Sendungen erschweren die Rezeption, etwa bei Migranten, und sollten abgeschafft werden. Es müssten zudem national mehr Sendungen gemeinsam konzipiert und dann in den verschiedenen Sprachen ausgestrahlt werden. Damit würde auch das Zusammenhörigkeitsgefühl gestärkt. Europäische Sender wie Arte, Eurosport oder Euronews können als Vorbild dienen.

Ein Problem ist die Tatsache, dass auch bei den elektronischen Medien einige Mitarbeitende mit dem Hochdeutschen Mühe bekunden. Wie die Lehrpersonen müssen auch sie mit Schulung unterstützt werden.

Meinungsbildung soll auf breiter Basis stattfinden

Schule und elektronische Medien können das Ihre beitragen, um die Hochdeutschkompetenz bzw. einen unverkrampften Umgang mit Hochdeutsch zu fördern. Doch sind breitere Kreise der Gesellschaft ebenfalls gefordert: z.B. Eltern (wie auch von der EDK gewünscht), Gemeinde- und Kantonsversammlungen, Bundesverwaltung oder bekannte Persönlichkeiten, die einen Vorbildcharakter haben.

Bewusstsein für den nationalen Zusammenhalt stärken

Insbesondere Vertreter der lateinischen Schweiz betonten, dass bessere Hochdeutschkenntnisse bei den Deutschschweizern auch dem nationalen Zusammenhalt dienten und sich die Deutschschweizer oft nicht bewusst seien, wie ausgrenzend der Gebrauch von Dialekt im interkulturellen Gespräch sein kann. Umgekehrt räumten die Romands ein, dass es gut wäre, den Reichtum und die Wichtigkeit der Mundart für die Deutschschweizer in der lateinischen Schweiz besser bekannt zu machen.

Quelle: Forum Helveticum, 14. Febr. 2007, Brief- und Katalogversand an Tagungsteilnehmer (gekürzte Bearbeitung skd)

Die vergriffene Publikation “Dialekt in der (Deutsch)Schweiz – zwischen lokaler Identität und nationaler Kohäsion” steht als PDF-Datei zur Verfügung www.forum-helveticum.ch -> Publikationen -> Schriftenreihe, unter Heft 15

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar