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Wortverdreher

oll. Was sich in der Antike auf der Agora, dem Marktplatz, abgespielt hat, findet heute in den Medien statt. In den Talkshows werden freilich keine sokrati schen Dialoge geführt, eher sophistische Gespräche, die vorwiegend von breit getretenen Gemeinheiten, Gerüchten, Tratsch und Klatsch leben. Vor dem Deutschen Altphilologenkongreß hat der Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, nun als Gegenmittel einen publizistischen Tugendkatalog entworfen. Die Tugend der Vernunft verbindet er mit dem Wunsch, dem Leser und Fernsehzuschauer gelegentlich einen überraschenden und neuen Gedanken zu gönnen; die Tugend der Wahrheitsliebe mit der Aufforderung, die Wortverfälscher und Sprachkosmetiker zu entlarven. In der Tat haben Journalisten und PR-Berater – leider ist beides nicht immer ganz zu unterscheiden – einen wesentlichen Anteil daran, daß aus Verlusten Mindereinnahmen, aus Abriß der geschönte Rückbau wurde und der Rausschmiß eines Arbeitnehmers gar mit der wohlmeinen-den Freisetzung veredelt wird. Wer den Wortverdrehern auf die Schliche gekommen ist, findet ihre Schönfärbereien in fast jedem Satz und wünscht sich nur: mehr Wahrhaftigkeit.

F.A.Z. am 24. April 2006

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