• Allgemein
  • 0

„Wer modern sein will, ist nur naiv“

Management-Guru Reinhard Sprenger über den Wahn, immer mehr in Englisch statt auf Deutsch zu kommunizieren. Seine gewagte These: Nichts bedroht Europa an seinen Wurzeln mehr als die Flut der angloamerikanischen Sprachen.

Herr Sprenger, sprechen Sie gut Englisch?

Ich lebe etwa ein Drittel des Jahres in den USA — bis jetzt habe ich mein Bier immer noch bekommen.

Dennoch kritisieren Sie, dass im deutschen Unternehmensalltag die englische Sprache immer weiter Einzug hält. Dabei finden es die meisten Unternehmen heute so selbstverständlich, dass sie gar keine Zweifel daran haben, wenn sie auf die englische Sprache umschwenken. Was kritisieren Sie da?

Mit dem Englischen delokalisieren wir uns. Wir tun so, als könnte es Unternehmen geben als ortlose und damit „sprachlose“ Existenzen. Aber Unternehmen sind um die Idee der Zusammenarbeit herumgebaut und brauchen eine kollektive Identität. Wenn wir aber wissen wollen, wenn wir „wir“ sagen, dann müssen wir unsere sprachlichen Wurzeln ehren. Unsere Sprache lässt uns zu Hause sein, sie dient weniger der Übermittlung von Information, sie schafft vor allem Beziehung und Zugehörigkeit. Das wird immer übersehen, man wähnt sich modern und ist eigentlich nur naiv. Man glaubt sich auf der Höhe der Zeit und ignoriert sein biologisches Gepäck.

Hat das auch wirtschaftliche Konsequenzen?

Die Unternehmen veranstalten eine freiwillige Selbstunterwerfung. Und verkennen dabei, dass Sprache eine Kraftquelle ist. Mit der Sprache steht also auch unser Selbstwertgefühl auf dem Spiel. Für mich ist es kein Zufall, dass die Schwäche der deutschen Wirtschaft mit der alltäglichen Verbreitung der englischen Sprache zusammenfällt.

Eine gewagte These. Können Sie die belegen?

Genau diese scheinbare Selbstsicherheit, mit der englischen Sprache immer richtig zu liegen, ist ein Symptom dafür, was in diesem Land seit langem falsch läuft. Man bildet sich ein, Fähigkeiten zu haben, die man noch nie hatte — zum Beispiel: eine Nicht-Muttersprache perfekt zu beherrschen. Lesen Sie Stellenanzeigen. Die sind vorzugsweise lieber in schlechtem Englisch als in gutem Deutsch.

Sie fürchten also um die Genauigkeit im Ausdruck?

Ja, denn das Englische gaukelt Verstehen vor. In der Folge bemüht man sich nicht mehr um weitere Differenzierungen. Man wird übersicher, es scheint ja alles klar zu sein, die blank geputzte Oberfläche reicht. In Wahrheit ist Wesentliches vom anderen nicht verstanden worden. Andersherum: Spricht man verschiedene Sprachen und bedient sich beispielsweise eines Dolmetschers, so akzeptiert man direkt die Möglichkeit, nicht verstanden zu werden. Man respektiert den Unterschied und bemüht sich wieder ums Verstehen.

Also Sie warnen davor, unüberlegt dem Englischtrend Folge zu leisten, nur um ja nicht sein Gesicht zu verlieren?

Richtig, die Unternehmen finden es schick, möglichst viel in Englisch zu kommunizieren. Man sei ja jetzt „global aufgestellt“. Der Irrsinn geht sogar in manchen amerikanischen Unternehmen so weit, dass sich Deutsche mit Deutschen auf Englisch verständigen. Nur weil Deutsch als verstaubt und provinziell gilt.

Geht es also tatsächlich nur um eine Mode?

Keineswegs, es reicht weit tiefer. Das Englische wirkt auch auf unser Denken. Unbemerkt übernehmen wir problematische Denkmuster. Zum Beispiel: „It makes sense“ heißt wortwörtlich übersetzt „Es macht Sinn“. Dabei kann nichts Sinn machen — Sinn wird gegeben, zuerkannt, es ist die Aktivität des Individuums. Mit „It makes sense“ wird einfach Objektivität behauptet — und unterschlägt, dass die Fakten auch ganz anders bewertet werden können. Damit hört nicht nur das Sprechen auf, sondern auch das Denken.

Und Sie fordern nun was?

Mir geht es nicht um kulturkritisches Lamento, schon gar nicht will ich einen latenten Antiamerikanismus munitionieren. Es geht mir auch nicht um Sprachreinigungsideen — die gibt es im deutschen Sprachraum schon seit zweihundert Jahren. Aber die praktischen Auswirkungen auf unser wirtschaftliches Handeln sind fatal. So nahm ich an einem Seminar in São Paulo teil zum Thema Kreativität. Von den 25 Teilnehmern waren die Hälfte Deutsche, die andere Hälfte waren Amerikaner beziehungsweise Franzosen und Italiener. Interessant war, dass ab Nachmittag fast nur noch die Amerikaner miteinander redeten. Zudem dominierte bei den Vorträgen das Plakative, das übliche Fordern. Aber die wichtigsten Unterscheidungen zu dem Thema, die auf das Strukturelle hinweisen, auf die Bedingungen der Möglichkeit von Kreativität — das alles fand in den Pausengesprächen statt. Auf Deutsch. Viele Dinge lassen sich auf Deutsch einfach besser ausdrücken, gerade weil die deutsche Sprache so unterscheidungsreich ist.

Dabei sollte doch die Schlichtheit der englischen Sprache das Kommunizieren verbessern.

Ja, jedoch ist leider oft das Gegenteil der Fall. Nehmen Sie das Beispiel „Leadership“. Darunter kann man extrem Unterschiedliches verstehen. Für Amerikaner bedeutet Leadership nicht selten einfach Markenführung. Man muss also genauer hinschauen, die Worte klären, und sich nicht von der scheinbaren Schlichtheit der englischen Sprache blenden lassen.

Was fordern Sie?

Da, wo es notwendig ist, müssen wir Englisch sprechen, natürlich. Aber es geht mir darum, Unterschiede zu ehren. Die Vielfalt zu erhalten. Durch nichts ist Europa radikaler an den Wurzeln bedroht als durch die gleichmachende Flut der angloamerikanischen Sprachen. Europa muss unbedingt wieder lernen, für seine Traditionen und kulturellen Eigenheiten einzustehen. Europa wird untergehen, wenn es nicht für seine Sprachen kämpft.

Handelsblatt 17.März 2006
http://www.handelsblatt.com/pshb/fn/relhbi/…

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar