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Standing Ovations

Ovationen können nicht stehen

Auftritt Karl Dall bei der Buchmesse:
„Nach meinen Lesungen ist es eine schöne Sitte, dass man ovatiert – aber bitte standing!“
Was der Anarcho-Komiker hier leichthin veralberte, ist eine seit geraumer Zeit grassierende sprachliche Unsitte. Nachschlagewerke der siebziger Jahre kannten die „standing ovations“ noch gar nicht. Irgendwann kam das englische Fremdwort für einen begeisterten Applaus dann zu uns, wurde als besonders schick empfunden, und so führte das plötzlich allüberall zu „standing ovations“ – nach dem Konzert, bei der Filmpremiere, in der Oper, auf dem Parteitag… I
Nun ist das unnötige Fremdwort allein schon ein Ärgernis. Aber die Übersetzung stört noch mehr. „Am Schluss gab es stehende Ovationen“ ist heute eine Allerweltsformulierung, allerdings eine völlig unsinnige. Denn das englische „standing“ bedeutet hier gar nicht „stehend“, sondern „anhaltend, andauernd“. „Stehende Ovationen“ ist also doppelt falsch – vom Sinn her und von der Grammatik. Denn nicht die Ovationen stehen ja, sondern die Leute, die sie spenden. Und das ist im Englischen genauso!
Wenn man den „Beifall im Stehen“ meint, so sollte man das auch genau so sagen. Und übrigens spräche nichts gegen „Stehbeifall“, Es gibt auch den „Stehempfang“, also den „Empfang im Stehen“, und den „Stehkonvent“, scherzhaft für ein „Stelldichein im Stehen“. Hauptsache, man steht. – Übrigens standen die Leute bei Karl Dalls Buchpremiere nicht. Sie blieben sitzen, aber sie ovatierten – pardon, sie spendeten Beifall.
Schwäbische Zeitung vom 13. Okt. 2006, Rolf Waldvogel

(skd) Im Anglizismenindex 2007 finden Sie „anhaltender Beifall, Stehapplaus“. Beachten Sie bitte den Verweis auf der Startseiite.

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