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Sprachdebatte am Öresund

«Sprich dänisch, du Hund!»

Die Lage sei ernst, verkündete kürzlich warnend der Dänische Sprachrat. Die Muttersprache sei unter Druck. In drei von zehn höheren Ausbildungsgängen werde in englischer Sprache doziert. Ab 2010 gedenkt nun auch die Königliche Veterinär- und Landwirtschaftshochschule den Unterricht umzustellen.
Soll etwa Englisch zum Kommunikationsmittel im dänischen Kuhstall avancieren? Philologen sprechen stirnrunzelnd von «Domänenverlust». Der Vorsitzende des Sprachrats fürchtet gar, dass das Dänische den Status einer kompletten und alle Lebensbereiche erfassenden Sprache verlieren könnte, der im 19. Jahrhundert errungen wurde. Noch Herder hatte Kopenhagen mit wohlwollender Herablassung als Deutschlands dänisches Ende gerühmt. Gerade deshalb gedieh am Öresund wie nirgendwo sonst ein heftiger Sprachpatriotismus.. Massstäbe setzte der Pfarrer und Schulreformer Grundtvig (1783-1872), der gegen Deutsch und Latein kämpfte und die «Muttersprache» als «Herzenssprache» pries: «Süss in Lust und süss in Not, / Süss im Leben, süss im Tod.»
Vor einigen Monaten hatte die linksliberale Partei mit dem Vorschlag, Englisch zur zweiten Landessprache zu machen, für Furore gesorgt. Jetzt folgte die Retourkutsche der Volkspartei, deren Antrag, ein Gesetz zum Schutz des Dänischen zu schaffen, das Parlament dieser Tage beriet. Der markige Chefideologe der Partei, Pastor Krarup, zitiert gern aus Ludvig Holbergs Komödie «Jean de France» aus dem 18. Jahrhundert, in der ein Geck mit den Damen französisch, mit dem Hund deutsch und mit dem Diener dänisch spricht. Diese Zeiten seien vorbei. Undänische Namen wie Copenhagen Business School will er per Gesetz verbieten. Nur Filme in dänischer Sprache hätten Anspruch auf Zuschüsse. Andernfalls würde er die Förderung entziehen und dem betroffenen Filmer mit Jeppe vom Berge, einem weiteren Komödienhelden Holbergs, zurufen: «Sprich dänisch, du Hund!»
Pastor Krarups Vorstoss fand keine Gnade, doch wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die den Status des Dänischen untersuchen soll. Die anderen Parteien bekundeten, sowohl Dänisch als auch Englisch kräftig fördern zu wollen. Die Sozialdemokraten betonten sogar die Bedeutung des Deutschen. Sie wollen dänische und englische Wörterbücher gratis verteilen. Wie sehr das Dänische lebt, zeigt die Literatur, aber auch die mündliche Erzähllust oder die Hip-Hop-Szene, deren Wortspiele und Reimereien die Standardsprache beeinflussen. Anderer Meinung ist allerdings Jógvan vid Keldu, der die Färöer, eine ehemalige dänische Kolonie, im Nordischen Rat vertritt und den Untergang der skandinavischen Sprachen binnen zwei Jahrzehnten prophezeit, sofern nicht schleunigst Schwedisch als Lingua franca eingeführt werde – «zur Wahrung des nordischen Charakters».
Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung vom 2. Februar 2007

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