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„Ich kann Englisch perfekt!“

Steigerung: „Ich kann Englisch wie eine zweite Muttersprache!“
Steigerung: „Ich kann fünf Sprachen perfekt!“

Nach jahrzehntelanger Erfahrung als Sprachlehrer und Sprachwissenschafter kann ich sagen: „Auf keinem Gebiet gibt sich der Mensch so sehr der Selbsttäuschung hin wie in der Sprache und der Liebe.“ Wie konnte der achtzigjährige Goethe nur glauben, daß ein Mädchen sich in ihn verlieben würde? Wie ist es möglich, daß so viele Männer erfolgreich als Heiratsschwindler tätig sind? – Und wie ist es möglich, daß jemand glaubt, eine Fremdsprache perfekt zu beherrschen? Ich weiß, wovon ich rede, und zwar aus persönlicher Erfahrung. Ich bin mit zwei Muttersprachen (Muttersprache = Sprache, die man vor dem sechsten Lebensjahr unter muttersprachlichen Bedingungen erlernt) aufgewachsen, und ich habe nie beide Sprachen zur gleichen Zeit perfekt gekonnt; in den Vereinigten Staaten hatte ich Gedächtnislücken beim Deutschen (obwohl meine Eltern mit mir Deutsch sprachen) und in Österreich beim Englischen. – Wie sollen denn nun die Menschen, die Englisch in der Schule gelernt haben, in Österreich oder Deutschland, perfekt Englisch können?_Der Fehler liegt darin, daß die guten Leutchen keinen Ahnung haben, was „perfekt können“ bedeutet. Man frage solche perfekten Könner und zweiten Muttersprachler einmal, was Schmiere stehen, Ohrläppchen, Stachelbeere, Schiebetür, aufpäppeln, Rotwelsch oder „das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat“ heißen. Da werden die Perfekten dastehen wie der Ochs vorm Scheunentor (stand like a duck in a thunderstorm u. ä.) und einwenden, das sei unfair, die Wörter seien zu speziell. Sie sind aber nichts Besonderes, jeder kennt sie in seiner Muttersprache, der (wahre) Engländer und Amerikaner braucht keine Sekunde nachzudenken, um die Wörter dafür zu finden (to keep a out-look, earlobe, goose-berry, sliding door, to cocker up, thieves“ Latin, the straw that broke the camel“s back)._Die vielen tausend Wörter, die jeder Ungebildete in seiner Muttersprache beherrscht, sind aber erst der Anfang, richtig schwierig wird es bei der Kombination der Wörter. Im Englischen sagt man eben nicht eine Reise machen oder eine Frage an jemanden richten, sondern man adressiert eine Frage an jemanden (to address a question to someone) und man geht auf eine Reise (to go on a journey); diese Sachverhalte anders auszudrücken zeugt eben davon, daß jemand die Sprache nicht perfekt beherrscht. Manche glauben, daß sie die Sprache muttersprachlich beherrschen, wenn sie I“m going on a journey sagen und verstanden werden. Ich habe (sehr ehrgeizige) Lehrer und sogar Universitätsdozenten aus Frankreich, Polen, Rußland usw. unterrichtet, und sie alle haben Fehler im Ausdruck gemacht, und das nach langjährigem Studium und langjährigen Deutschlandaufenthalten. _Woher kommen diese schier unüberwindbaren Schwierigkeiten? Nun, das Kleinkind hat einen (grob gesagt) leeren Kopf, und alles, was es zum Sprechen braucht, wird jetzt muttersprachlich aufgenommen. Wenn wir eine Fremdsprache lernen, füllen wir nicht leere Flächen, sondern belegen Flächen noch einmal, die schon belegt sind. Wir können aber das, was wir einmal gelernt haben, nicht vollkommen beseitigen, und immer wieder greifen wir auf das zu, was wir schon können, also auf Muttersprachliches, wenn wir die Fremdsprache benutzen. Das sind die sog. Interferenzfehler (daneben gibt es aber noch andere Fehlerquellen wie z. B. andere Fremdsprachen, die wir können oder einfach schlechtes Gedächtnis).
Und wenn man die Grammatik perfekt beherrscht, Tausende Wörter kennt, über gewaltige Ausdrucksmöglichkeiten verfügt, dann heißt das noch lange nicht, daß einem eine überzeugende Aussprache zu Gebote steht. Wie sehr staunen unsere Dengländer, wenn sie in den von ihnen so sehr nachgemachten Vereinigten Staaten gleich nach dem ersten Satz gefragt werden: „Oh, you“re from Germany?“ Die Ausspracheregeln, die in Lehrbüchern gelehrt werden, sind nur grobe Vereinfachungen, in Wirklichkeit ist die Aussprache einer Fremdsprache in viel mehr Punkten und auf mehr Ebenen verschieden von der Ausgangssprache, als sich das Nichtsprachwissenschaftler vorstellen können. _Ohne noch auf das Weltwissen einzugehen, das auch von Sprache zu Sprache verschieden ist, möchte ich sagen, daß nur einer von Zehntausend, die behaupten, eine Sprache perfekt zu können, diese passiv perfekt können. In der EU müssen die Übersetzer und Dolmetscher, die Sprache, aus der sie übersetzen, tatsächlich passiv perfekt beherrschen. Man frage einmal einen solchen Dolmetscher, was für einen Aufwand er täglich treiben muß, um auf dieser Stufe zu stehen. Ein EU-Dolmetscher mit Muttersprache Italienisch, der schon als Kind Französisch gelernt hatte, sagte mir, daß er jeden Tag sieben Stunden französische Zeitungen lese, um auf dem neuesten Stand zu sein. – Und nun gar eine Fremdsprache aktiv perfekt zu beherrschen! Ich glaube, das trifft nur auf einen aus hunderttausend zu, die das behaupten. Jemanden, der gar fünf Sprachen perfekt kann, wie das oft von Kellnern behauptet wird, kann ich mir nicht vorstellen.

Sie lasen einen weiteren Beitrag in der Reihe „Irrtümer“ (vgl. Artikel vom 13. Mai), verfasst von Dr. Gottfried Fischer, dem Schriftleiter des Vereins „Muttersprache“, des größten Sprachpflegevereins Österreichs (aus dem Internet).

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