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RECHTSCHREIBREFORM

„Ein Wirrwarr wie im 19. Jahrhundert“

Die neuen Schreibweisen der Reform sind ab morgen in ganz Deutschland verbindlich, selbst für Nachrichtenagenturen. Von einer einheitlichen Regelung kann aber trotzdem keine Rede sein: Schweizer verglichen die Reform schon mit den Zuständen vor über 100 Jahren.

Nach einem Jahr „Pause“ in Sachen Rechtschreibreform werden Schüler, Lehrer, Ämter und Zeitungsleser von heute an erneut mit „neuen“ oder „neu verbindlichen“ Schreibweisen konfrontiert. Der Grund ist ein doppelter: Einmal vollzieht der von den Kultusministern ins Leben gerufene Rechtschreibrat unter Vorsitz des früheren bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair (CSU) den offiziell zunächst „letzten“ Schritt der Rechtschreibreform. Gleichzeitig führen die Nachrichtenagenturen vereinheitlichte Schreibweisen ein, die ihrerseits aber keineswegs den Schreibweisen an den Schulen entsprechen müssen.
Was ändert sich, und was ist verbindlich? Die Deutsche Presseagentur hat zum Stichtag eine Wörterliste veröffentlicht, in der künftige verbindliche Neuschreibungen aufgelistet werden. „Eislaufen“ muss nun wieder klein und zusammengeschrieben werden, „leidtun“ – anders als früher – ebenfalls. Für andere Verbindungen wie „näher kommen“, „kennenlernen“, „warmmachen“, „richtigstellen“ oder „schwerkrank“ ist Zusammen- oder Getrenntschreibung freigestellt, „Rad fahren“ darf nur noch groß und getrennt geschrieben werden. „Bis auf weiteres“ und „sich zu eigen machen“ sind wieder verbindlich kleinzuschreiben, der „Blaue Brief“ und die „Rote Karte“ kommen – je nach Bedeutung – wie einst in großer und kleiner Schreibweise vor.

Auch diesmal ist es nicht durchgreifend gelungen, die unterschiedlichen Schreibweisen mit Bedeutungsgehalten zu verbinden. Nach „offizieller“ Rechtschreibung und damit auch an den Schulen wird von heute an ein zusammengeschriebenes „wieviel“, „zuviel“ oder „jedesmal“ als Fehler angestrichen. Wer in Analogie zur nun allein offiziell zugelassenen Schreibung „jedes Mal“ allerdings auch „dies Mal“ oder „jeder Zeit“ schreibt, macht ebenfalls einen Fehler.

Bei „Schiff-Fahrt“ taucht plötzlich als neue Variante ein Bindestrich auf, bei Fremdwörtern bleiben kuriose Neuschreibungen wie „Ketschup“ oder „Grafologe“ gestattet.

Auch die Nachrichtenagenturen haben mit der Reform zu kämpfen

Dieselbe Uneinheitlichkeit begegnet einem auch in der von heute an eingeführten Rechtschreibung der Nachrichtenagenturen. Mit ihr sollten Widersprüche zwischen den Wörterbüchern Duden und Wahrig beseitigt werden. Wie die Forschungsgruppe Deutsche Sprache moniert, ist dies aber keineswegs gelungen. „Vielmehr bieten sie eine inkonsistente Mischorthografie an, in der es zwar ,hartgekocht‘, aber ,gar gekocht‘, zwar ,nass geschwitzt‘, aber ,rotgeweint‘ heißen soll: eine Orthografie also, die unerlernbar und nicht nur für die Zwecke der Printmedien unbrauchbar ist“, kritisiert das Gremium, dem Sprachwissenschaftler wie Theodor Ickler und Christian Stetter sowie die Schriftsteller Walter Kempowski, Sten Nadolny und Adolf Muschg angehören.
Heftige Kritik an den Endergebnissen der Rechtschreibreform kommt auch von der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK). Nach ihrer Meinung habe der Rat für deutsche Rechtschreibung ein Regelwerk vorgelegt, „das bloss (Schweizer Schreibweise) ein politischer Kompromiss, aber keine Grundlage für eine sprachrichtige und einheitliche Rechtschreibung ist“. Dadurch herrsche heute in Kernbereichen der Rechtschreibung ein „Wirrwarr, wie wir ihn zuletzt im 19. Jahrhundert hatten“.
Die SOK empfiehlt daher „ohne weiteres“, „des weiteren“ (nicht: ohne Weiteres, des Weiteren) und „der eine“, „der erstere“ (nicht: der Eine, der Erstere) zu schreiben. Und sie will nicht gelten lassen, das längst übliche Wort „jedesmal“ durch „jedes Mal“ zu ersetzen. Generell solle mit „grossen Buchstaben“ (Schweizer Schreibweise) „sparsam“ umgegangen werden.

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Rechtschreibung Reform Schule Lehrer dpa
Für Deutschland hat Hans Zehetmair angekündigt, dass sich die neuen Schreibweisen entsprechend dem Schriftgebrauch weiter verändern würden. Dafür will der 40-köpfige Rechtschreibrat unter seiner Führung sorgen. Ob das auch zur (weiteren) Rückkorrektur neu eingeführter Schreibweisen führen kann, hat er nicht gesagt.

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes gelten die neuen Schreibregeln auch weiterhin nur für Schulen und Behörden. Im Alltagsschreibgebrauch kann jeder Bürger auch künftig die ihm sympathischste Rechtschreibung wählen. Die Mehrheit der prominenten Schriftsteller – an der Spitze Günter Grass – hat dieses Recht für sich ausdrücklich in Anspruch genommen und veröffentlicht die eigenen Werke nach wie vor in herkömmlicher Rechtschreibung.

Quelle: FDS (aus „Die Welt“, 31. Juli 2007)

Zum 1. August
Stellungnahme der Forschungsgruppe Deutsche Sprache
Auch in diesem Jahr ist der 1. August wieder ein orthographischer Stichtag. Die FDS erklärt aus diesem Anlaß: Vom kommenden Schuljahr an ist der Gebrauch weiterer Wörter an den Schulen untersagt, zum Beispiel „wieviel“ und „zuviel“. Schüler, die „jedesmal“ schreiben, werden dies als Fehler angestrichen bekommen. Schreiben sie in Analogie zur nun allein offiziell zugelassenen Schreibung „jedes Mal“ auch „dies Mal“ oder „jeder Zeit“, liegen sie allerdings auch nicht richtig. Ebenfalls ab dem 1. August wollen die deutschen Nachrichtenagenturen ihre Abnehmer mit Texten in einer geänderten Orthographie bedienen. Von ihren Kunden hatten sie den eindeutigen Auftrag, in dem von der Revision der Rechtschreibreform im vergangenen Jahr erlaubten Rahmen auf die herkömmlichen Schreibweisen rückumzustellen. Diesen Auftrag haben sie nicht erfüllt. Vielmehr bieten sie eine inkonsistente Mischorthographie an, in der es zwar „hartgekocht“, aber „gar gekocht“, zwar „nass geschwitzt“ aber „rotgeweint“ heißen soll: eine Orthographie also, die unerlernbar und nicht nur für die Zwecke der Printmedien unbrauchbar ist. Mit einem Wort: Der vor einem Jahr von interessierter Seite verkündete „Rechtschreibfrieden“ ist ein Scheinfriede. Die Probleme, die seine einseitige Proklamation unter den Teppich kehren sollte, bestehen fort. Sie werden durch Beschweigen und Beschwichtigen nicht kleiner. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat unlängst erst, am 22. Juni, deutlich gemacht, daß er nicht gewillt ist, seine im März 2006 auf kultusministerielles Geheiß hin abgebrochene Arbeit wiederaufzunehmen. Es wäre an der Zeit, ihn durch ein kompetentes, von wirtschaftlichen Interessen und von Verbandsinteressen unabhängiges und staatsfernes Gremium zu ersetzen.

skd-Empfehlung: Schweizer Orthographische Konferenz unter www.sok.ch

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