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Verborgenes Latein

Zu Theo Vennemanns sonst sehr gelungenem Artikel über «Das Englische als Mischsprache»[ s. Beitrag 21.Juni “ ] wäre noch zu bemerken, dass die Aussage, im Deutschen sei der Einfluss
des Lateinischen und Griechischen «bei weitem nicht im selben Ausmass wie im Englischen»
zu finden, unhaltbar ist: Der Einfluss ist ganz genauso stark, nur hat das Deutsche (wie auch
die skandinavischen und slawischen Sprachen) etwa den lateinischen Lehnwörtern sehr oft
einheimische Kleider angezogen. Man spricht dann von Lehnübersetzungen und
Lehnbedeutungen.

Ein anschauliches Beispiel sind die «gelehrten» Bedeutungen des Wortes «Fall» (falls, in
diesem Fall, die Fälle der Deklination, ein Rechts-, Krankheits-, Geschäftsfall usw.). Sie
sind genauso lateinisch wie das englische «case», das für diese Bedeutungen dem
einheimischen «fall» («waterfall» usw.) vorgezogen wurde. Entsprechend ist «Zufall»
nicht deutscher als «accident» englisch; hinter beiden steht lat. accidere, «zufallen,
geschehen». Es gibt unzählige Beispiele dieser Art! Sie täuschen uns allzu leicht über die
Allgegenwart («omnipresence») des Lateinischen in unserer deutschen Sprache hinweg.

Prof Dr. Rudolf Wachter

Universitäten Lausanne und Basel

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