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Das Häkchen als Stigma

Wer zwischen „Pia“s Pilsbrunnen“ und „Nadja“s Nagelstudio“ unterwegs ist, dem
mag es nicht das oberste Anliegen sein, die deutsche Sprache und ihre
Schreibung rein zu halten. Er wird sich also an dem falschen
Genitiv-Apostroph nicht stören. Umgekehrt fragt man sich allerdings, warum
die Verwendung des Auslassungszeichens gerade dort um sich greift, wo in
jeder und nicht zuletzt in sprachlicher Beziehung nicht mehr viel zu
verlieren ist. Was ist der Gewinn, den dieses Zeichen verheißt?

Die gängige Antwort lautet, der Genitiv-Apostroph bewirke eine
angelsächsisch-internationale Anmutung. Mit dem kleinen Häkchen soll
internationales Flair in Pilsstube und Nagelstudio einziehen. Aber längst
wirkt es als „Deppen“- oder „Idiotenapostroph“ in entgegengesetzter Weise.
Man könnte auch von einem Unterschichten-Anglizismus sprechen.

Hoffnung weckt nun die Nachricht, dass in England selbst der Kampf gegen
unschöne Anglizismen aufgenommen worden ist. In Birmingham sollen nach dem
Willen der Stadtregierung alle Apostrophe aus den Namen von Straßen und
Plätzen verschwinden. „St. Paul“s Square“ wird also künftig „St. Pauls
Square“ heißen. Der Verkehrs-Stadtrat wollte eine radikale Lösung, nachdem er
wieder einmal eine langwierige Debatte über die Frage durchzustehen hatte, ob
der Vorort Kings Heath nicht doch eigentlich King“s Heath heißen müsste. In
diesem Fall zwar möchte man den Apostroph verteidigen, weil er dem Ortsnamen
geschichtliche Anschaulichkeit gibt und etwas über Herrschaft und Besitz
erzählt. Aber was bei des Königs Heide Hundegeläut und Hörnerklang evoziert,
das wirkt bei Nadjas Nagelstudio geradezu als Entblößung der
Herkunftslosigkeit.

Diese unangenehme Eigenschaft teilt der Genitiv-Apostroph mit anderen
Anglizismen. Wer die Frage, ob er einen Coffee to go wolle, mit „nicht
wirklich“ statt mit „nein“ oder der Gegenfrage beantwortet, was am Kaffee
Togo denn so Besonderes sei, der kann sich die Brühe aus dem Pappbecher
gleich auf Hemd und Bluse schütten. Nur sollte er dabei vermeiden, Nachbarn
in Mitleidenschaft zu ziehen.
Die Welt vom 24. Febr. 2009, Eckhard Fuhr
http://www.welt.de/welt_print/article3261750/Das-Haekchen-als-Stigma.html

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