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Englisch, wenn es sein muss
Ist die Mehrsprachigkeit der Wissenschaften noch zu retten?

Wenn jemand einen Vortrag „Über die Mehrsprachigkeit der Wissenschaften“ ankündigt, dann weiß er, dass sein Titel einen Beigeschmack von Nachruf hat. Oder von Protest. Denn die Wissenschaften sind auf dem Weg zur Einsprachigkeit. Das Englische ist auf dem Weg, das universell katholische Latein der Wissenskulturen des Mittelalters zu beerben. Wer dagegen in protestantischvolkssprachlichem Furor aufbegehrt, wärmt sich gern an der Vorstellung, die Wissenschaften seien, schon weil sie so neugierig sind, stets im Bund mit der Vielfalt der Sprachen.

Der in Bremen lehrende Romanist Jürgen Trabant ist nicht erst seit seinem Buch „Was ist deutsch?“ (SZ vom 11. März 2008) ein Wortführer des sprachpolitischen Protestantismus in Deutschland. Der illusion aber, die Mehrsprachigkeit und die Wissenschaften seien natürliche Verbündete, hängt er nicht an. Trabant ließ am Mittwochabend im Berliner Zentrum für Literaturforschung keinen Zweifel daran, dass die aktuelle Tendenz zur Einheitssprache an eine von den Humanisten bis in die Aufklärung reichende mächtige Tradition anknüpft. die zum Zwecke der Förderung der Wissenschaften gegen die Vielsprachigkeit der Gelehrten und gegen die Volkssprachen als Quelle der Irrtümer polemisierte.

D“Alembert betrauerte in der Vorrede zur Enzyklopädie einem Unternehmen also, das der Verbreitung des Wissens in der Volkssprache diente den Verlust des Lateinischen als Einheitssprache der Wissenschaft. Der Aufstieg seiner eigenen Sprache. des Französischen. konnte ihn nicht trösten. Denn er sah, dass die Gelehrten der anderen Nationen ebenfalls mehr und mehr in ihren Volkssprachen schrieben, von den Engländern und Deutschen bis zu den Dänen, Schweden und Russen: „So wird, vor dem Ende des 18. Jahrhunderts, ein Philosoph, der sich gründlich über die Entdeckungen seiner Vorgänger informieren möchte, gezwungen sein, sein Gedächtnis mit sieben bis acht verschiedenen Sprachen zu belasten: und nachdem er die wertvollste Zeit seines Lebens damit verbraucht hat, diese Sprachen zu lernen, wird er sterben, bevor er auch nur beginnen kann, sich zu informieren.“

Der Druck der Einheitssprache

Alle Sprachen können alles, was sie können müssen, gleich gut. Das ist der Kern des sprachphilosophischen Aristotelisinus. In der Geschichte der Wissenschaftssprachen konnte er deshalb eine Doppelrolle spielen. Dass fur ihn die verschiedenen Sprachen nur verschiedene
Lauthüllen sind, die den immergleichen Kern der begrifflichen Universalien enthalten, machten sich im 16. und 17. Jahrhundert die Anwälte der Volkssprachen zunutze, um deren Aufstieg als Sprachen der Wissenschaft zu propagieren. Zugleich aber erscheint im Aristotelismus die Sprachvielfalt als im Prinzip nicht notwendige, wahrheitstechnisch gesehen überflüssige Fülle von Sprachhüllen, die zur Erkenntnis nichts beiträgt, allenfalls das Gedächtnis belastet und also getrost, wie bei d“Alembert, einer Einheitssprache der Wissenschaft geopfert werden kann.

Trabant erzählte von diesem Doppelspiel aus der anti-aristotelischen Perspektive Wilhelm von Humboldts. Für Humboldt war die Verschiedenheit der Sprachen „nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst“. Das aber heißt: der kommunikative Gewinn, den die Wissenschaften im homogenen Raum einer wissenschaftlichen Einheitssprache erzielen, wird durch substantielle Verluste erkauft. Diese Verluste sind die in der Vielheit der Sprachen enthaltenen kognitiven Differenzen. Aus Humboldt-Sicht sind diese nicht Hemmnisse, sondern produktive Elemente der Wissenschaftsentwicklung

Temperamentvoll warnte denn auch der Humboldtianer Jürgen Trabant vor der Tendenz, dass Wissenschaftler aus den anglophonen Ländern gar keine Fremdsprache mehr lernen und die Wissenschaftler aus nicht-anglophonen Ländern resignierend aufhören, in ihren jeweiligen Volkssprachen zu publizieren. Sein Plädoyer —“Publiziert, wenn es sein muss, auf Englisch. Aber schreibt nach wie vor auch in Eurer Volkssprache“ —hat eine wissenschaftspolitische Konsequenz: die Förderung von Übersetzungen nicht-anglophoner geisteswissenschaftlicher Bücher ins Englische. Was aber ist die Konsequenz im alltäglichen Konferenzzirkus? Der Berliner Linguist Wolfert von Rahden schlug in der Diskussion vor, die Differenz von aktiver und passiver Kompetenz zur Stärkung der Mehrsprachigkeit zu nutzen. Auch heute noch lesen und verstehen viele Wissenschaftler fremdsprachliche Texte und Vorträge über Gegenstände ihres Fachgebietes, ohne selbst die jeweilige Fremdsprache als Alltagssprache mündlich oder gar schriftlich vollständig zu beherrschen.

Daraus wäre, über die Nischen hinaus, in denen dergleichen schon oder noch funktioniert, ein Modell zu entwickeln, das dem normativen Druck der Einheitssprache einen zumindest sanften Druck der Mehrsprachigkeit entgegensetzt: jeder spricht von den Konferenzsprachen Englisch. Deutsch und Französisch (andere Kombinationen sind, je nach Disziplin, denkbar) diejenige, die er am besten beherrscht. Er muss unter Wissenschaftlern darauf vertrauen können, dass die passive Kompetenz seiner Zuhörer ihm das erlaubt. LOTHAR MÜLLER
SZ 9. Jan. 2009

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