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Wo Forscher noch Deutsch sprechen

Neue Studiengänge gefährden den Rang der Sprache in den Geisteswissenschaften

Der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin ließ sich einmal in einer Podiumsdiskussion zu der Aussage hinreißen, Deutsch sei als Wissenschaftssprache tot (laut Zeugenaussagen wurde das von ihm selbst später wieder bestritten). Dieser Eindruck kann entstehen bei flüchtiger Betrachtung der internationalen Wissenschaftskommunikation. Die wirkliche Bedeutung von Deutsch als Wissenschaftssprache zeigt sich jedoch erst, wenn man zwischen der Kommunikation innerhalb und außerhalb der deutschsprachigen Länder unterscheidet. Wie es im Ausland um Deutsch als Wissenschaftssprache steht, möchte der Bundestag im Hinblick auf den angestrebten „Dialog der Kulturen“ wissen. Sein Auswärtiger Ausschuss unter Leitung von Peter Gauweiler soll ihm darüber in einer am kommenden Montag stattfindenden Expertenanhörung Aufschluss verschaffen.

Die richtige Einschätzung der gegenwärtigen Lage und der Zukunftsaussichten erfordert auch einen Blick in die Vergangenheit, in der Deutsch – in der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Weltwissenschaftssprache war, neben Englisch und Französisch. Damals vor allem entstanden in vielen Wissenschaften Texte auf Deutsch, die noch heute nachwirken. Ein Beispiel ihrer Nachwirkung bietet die vom Weltverband der Soziologie durchgeführte Ermittlung der zehn weltweit einflussreichsten soziologischen Texte des 20. Jahrhunderts. Als sich herausstellte, dass die Hälfte davon ursprünglich auf Deutsch verfasst war, forderte der Verbandspräsident, dass Deutsch amtliche Verbandssprache werde, was dann freilich am mangelnden Engagement der deutschen Soziologen scheiterte. Solche aus der Geschichte erwachsenden Chancen sollte die Sprachpolitik nutzen.

Auch das noch verbreitete studienbegleitende Deutschlernen ist historisch begründet. Deutschkenntnisse sind besonders zweckmäßig in Fächern, deren Texte sich wegen ihrer vielfältigen Interpretierbarkeit nicht zuverlässig übersetzen lassen, was typisch ist für die Geisteswissenschaften. Während in den Naturwissenschaften das Deutschlernen oft als lästig gilt, wird es in einigen Geisteswissenschaften nach wie vor als nützlich bewertet. So langweilt es in Japan die Mediziner, findet aber bei Juristen oder Philosophen weiterhin Interesse. Entsprechende Unterschiede zeigt die Sprachwahl deutscher Forscher: Während Geisteswissenschaftler immer noch viel auf Deutsch publizieren, überwiegt bei Naturwissenschaftlern das Englische. Deutschkenntnisse sind also nicht nur aus historischen, sondern auch aus aktuellen Gründen für Geisteswissenschaftler deutlich relevanter als für Naturwissenschaftler.

Dies bestätigen Experten rund um die Welt. Sie alle betonen die Bedeutung von Deutsch vor allem für Geisteswissenschaften, die auch durch repräsentative Erhebungen belegt wird. So liegt der globale Anteil deutschsprachiger Publikationen nach den einschlägigen Fachbibliographien in den Naturwissenschaften unter einem Prozent, in den Geisteswissenschaften oder auch manchen Sozialwissenschaften dagegen bei sechs bis acht Prozent.

Die grobe Zweiteilung der Wissenschaften ignoriert, wie man sich denken kann, Übergänge ebenso wie Unterschiede zwischen verschiedenen Geisteswissenschaften, von denen – außer der Germanistik – die Philologien, die ältere Geschichte und Archäologie, die Musikwissenschaft und die Theologie als besonders deutschsprachig herausragen. Will man Deutsch als internationale Wissenschaftssprache erhalten, so bedarf der Deutschgebrauch solcher Nischenfächer der gezielten Förderung.

Neben der Funktion in der Forschung verdient die Rolle von Deutsch in der wissenschaftlichen Lehre Beachtung, umso mehr angesichts einschlägiger Neuerungen. Zwar spielt Deutsch in der Lehre in allen Fächern noch eine wichtige Rolle, aber mit um sich greifenden Einschränkungen. Bei der Bewertung der Sprachwahl für die akademische Lehre ist zu beachten, dass die Möglichkeit eines Studiums an deutschen Hochschulen heute das wichtigste Motiv ist für das Lernen von Deutsch als Fremdsprache. Für Zuwächse sorgen vor allem Schwellenländer wie zum Beispiel China oder Indien, wo ein Studium in Deutschland begehrt ist.

Im Bemühen um Internationalisierung der deutschen Hochschulen wird jedoch seit 1997 mit Hochdruck Englisch in die Lehre eingeführt wird. Diese vom Deutschen Akademischen Austauschdienst koordinierte Maßnahme ist wissenschaftspolitisch plausibel. Wenn sie jedoch nicht äußerst behutsam sprachpolitisch gesteuert wird, droht sie die Stellung der deutschen Sprache in der Welt schwer zu beschädigen. Die Wissenschaftssprache ist nur ein Ausschnitt des umfassenderen sprachpolitischen Dilemmas, dass Deutschland einerseits Englisch braucht, dessen Vermittlung heute schon in der Grundschule beginnt, aber andererseits die weltweite Stellung der eigenen Sprache retten möchte.

Die Vereinbarung beider Zielsetzungen ist die derzeit größte Herausforderung für die deutsche Sprachpolitik. Besonders abträglich für das Deutschlernen im Ausland ist der Eindruck, dass man mit den Deutschen allmählich ganz auf Englisch verkehren kann. Dies wird durch die englischsprachigen Studiengänge verstärkt. Daher sollte gewährleistet und weithin unübersehbar sein, dass ein Studium in Deutschland, abgesehen von Kurzaufenthalten – trotz Einstiegsmöglichkeit und Absolvierung von Teilen in Englisch – weiterhin gute Deutschkenntnisse erfordert. Indes bestehen daran schon heute berechtigte Zweifel. So weist zum Beispiel die Chinesin Yu Chen im Rahmen ihrer Dissertation nach, dass viele ihrer Landsleute während des Studiums in Deutschland die anfänglich guten Deutschkenntnisse abbauen, statt sie zu verbessern. Es liegt auf der Hand, dass damit auch ihre Bindung an Deutschland erodiert.

Eine von einem kanadischen Experten und mir durchgeführte Untersuchung ergab, dass die Mehrzahl der Teilnehmer an den Internationalen Studiengängen – die meisten aus Entwicklungs- und Schwellenländern – für ihre spätere Berufstätigkeit die angelsächsischen Länder, vor allem die Vereinigten Staaten, favorisieren. Hier sind – bei aller Begeisterung für Englisch – sprachpolitische Korrekturen erforderlich. Sie sind berechtigt aufgrund der vielfachen Erfahrung, dass Personen, die gründliche Deutschkenntnisse erworben haben, besonders verlässliche Freunde Deutschlands und Multiplikatoren positiver Einstellungen sind.

Der Autor ist Professor für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen und einer der vom Bundestagsausschuss eingeladenen Experten.

Ulrich Ammon 24. Januar 2009 Welt Online

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