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Verprellte Gäste

Um 1900 war Deutschland das Land mit den meisten ausländischen Studenten. Ohne zu übertreiben konnten deutsche Professoren behaupten: Deutschland ist die Universität der ganzen Welt.

Die deutsche Sprache bildete kein Hindernis. Sie war die führende Sprache der Wissenschaften, deren Begrifflichkeit und Methoden meist von Deutschen stammten. Ohne Kenntnis der deutschen Sprache konnte keiner auskommen. Aber Deutsche waren ihrerseits auf andere Sprachen angewiesen, um fremde Kulturen zu verstehen, denen sie sich neugierig zuwandten. Unter dem Einfluss der polyglotten deutschen Professoren verzichtete die eine Wissenschaft, die der einen Wahrheit dient, auf eine einzige Umgangssprache. Mehrere Sprachen bürgerten sich als Wissenschaftssprachen ein. Das tat den Wissenschaften und erst recht den Wissenschaftlern gut, die trotz aller Nationalismen Erinnerungen an die Weltbürgerlichkeit wachhielten.

Heute wird ununterbrochen die eine Welt beschworen, der friedliche kulturelle Austausch unter den Völkern, ohne auf dessen Voraussetzung zu achten, die Sprache des anderen zu kennen und zu üben. Der Dialog soll sich möglichst auf eine Sprache beschränken, auf die amerikanische Variation des Englischen. In diesem Sinne richteten deutsche Universitäten Master-Studiengänge mit englischer Unterrichtssprache ein, um ihre Internationalität zu betonen und ausländische Studenten anzuziehen.

Die Studenten kamen und kommen, aber sie fühlen sich enttäuscht, wie das Bonner Fachbüro für internationales Management in einer Studie festhält. Sie leben als Ausländer in einer künstlichen Internationalität, auf einer Insel Nirgendwo. Denn sie kommen wegen geringer und nicht erprobter Deutschkenntnisse nicht in Berührung mit Deutschen, mit dem studentischen Leben in den Fachschaften oder der deutschen Kultur, sei es im Kino, im Theater oder auch nur im Hörsaal bei einer Vorlesung auf Deutsch. 

Deutsche, sofern diese Englisch beherrschen, wechseln im Gespräch mit ihnen sofort das Idiom und verschaffen ihnen damit das beunruhigende Gefühl: Reden wir so schlecht, dass ihre Ohren es nicht aushalten? So geraten die Gäste, die Deutschlands Attraktivität erleben sollen, in eine ihnen aufgenötigte Isolation. Sie lernen nichts von Deutschland kennen, von deutscher Kultur und deren geschichtlichen Bedingungen, vom Reichtum der deutschen Literatur und Philosophie. Sie bleiben fremd in einem fremden Land, und gerade das bedauern sie, weil ihnen, eingeschlossen in der englischen Monokultur, die Möglichkeiten fehlen, sich näher mit Deutschland und den Deutschen vertraut zu machen.

Ganz abgesehen davon, dass deutsche Studenten ziemlich ungesellig geworden sind und nur ungern ihren kleinen Freundeskreis erweitern oder einfach keine Zeit dazu haben, weil ihnen das Lernen auf den akademischen Paukanstalten oder der Zwang, mit sogenannten Jobs für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, keine Freiheit mehr lässt. Insofern werden beide, deutsche wie ausländische Studenten, verprellt, mit einander vertraut zu werden.

In einer Welt, die ein Pluriversum ist und kein Universum, in der viele Sprachen, Völker und Kulturen zusammenleben, genügt es nicht, sich auf eine Sprache zu beschränken. Die Einsprachigkeit führt zur Sprachlosigkeit, zur Einfalt und zur Verständnislosigkeit. Das fürchtete schon, lange bevor es Universitäten gab, um das Jahr 1000 der heilige König Stephan von Ungarn, der ein Volk, in dem nur eine Sprache gesprochen würde, für töricht und lebensuntüchtig, weil allzu vereinseitigt hielt. In jeder Sprache äußert sich die Weltvernunft auf eine besondere Weise, mit Nuancen, die einer anderen Sprache unbekannt sind. Je mehr Sprachen sich Einer aneignet, desto mehr versteht oder ahnt er von der wunderbaren Einheit der Welt in ihrer Vielfalt, wie einst beim Pfingstwunder der ersten Christen.

Die Unzufriedenheit ausländischer Studenten bestätigt, wie der deutsche Rückzug auf eine Sprache wahre Internationalität verhindert. Alexander von Humboldt, wirklich in der Welt zu Hause, lernte viele Sprachen, die zur Einigung der Menschheit beigetragen haben, um in sich die Menschheit auszubilden. Ein Nachhall dieser noblen Absicht äußert sich in dem Verdruss ausländischer Studierender, in Deutschland nicht Deutschland zu erfahren und deshalb um eine Chance betrogen zu werden, die Humanität erweitern und bereichern zu können.

Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Buchveröffentlichungen u. a. „Die Wittelsbacher“, „Drei letzte Kaiser“, „Albert Ballin“ und „Eine kleine Geschichte Preußens“ sowie „Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit“.

Eberhard Straub

Deutschlandradio vom 12.März 2010

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1141769/

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