Biel verbessert die deutsche Sprache
Tragikomödie in einem Schweizer Städtchen

Biel ist ein sehr freundliches Schweizer Städtchen am Osthang des Jura. Ein fleissiges Städtchen auch, denn hier ist ein Zentrum der Uhrenindustrie, der die Schweiz nicht zum letzten den Ruf solider Qualität verdankt. In der freundlichen und fleissigen Stadt Biel also hat sich in diesen Tagen – man schreibt immerhin das Jahr 1934, in dem es in der ganzen Welt gewichtige soziale und wirtschaftliche Fragen zu lösen gibt – Folgendes zugetragen:

Die guten Bürger erhielten seltsame behördliche Schreiben, von denen sie zunächst glaubten, es handle sich um eigenartige Aprilscherze. In merkwürdigem Durcheinander war manches, das nach gutem deutschen Sprachgebrauch hätte gross geschrieben werden müssen, klein geschrieben worden, bei manchem hielt man sich entgegenkommenderweise an die alte Ueberlieferung – aber es war offensichtlich, dass sich die Bieler Behörden einer eigenen kuriosen Rechtschreibung bedienten.

Die Sache hatte aber einen Haken: der Schweizer liebt es nicht, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, noch weniger, als Versuchskaninchen dienen zu müssen. Die Bieler waren überdies der Ansicht, dass es in ihrer Stadt zur Zeit erheblich Wichtigeres gäbe, als von hier aus die deutsche Sprache zu reformieren, und gaben ihrem Unmut freien Lauf. Die Parteigegensätze schmolzen plötzlich wie Märzenschnee unter der Frühlingssonne und der unglückliche Stadtpräsident von Biel, von seinen eigenen Parteifreunden, die ihn gewählt hatten, schmählich verlassen, musste zusehen, wie er tagtäglich in der gesamten Presse mit einer Lauge bissigen Spottes begossen wurde.

Mit Spannung sah man also der Sitzung des Stadtrates entgegen, zu der als wichtigster Punkt der Tagesordnung Interpellationen über das Kleinschreibe-Dekret vorlagen. Mit einer Einmütigkeit, wie sie in Biel noch niemals erlebt worden war, stellten sämtliche Redner empört fest, dass die deutsche Sprache nicht dazu da sei, um in einer Stadt von knapp 35.000 Einwohnern aufgefrischt zu werden. Die deutsche Sprache sei auch weder ein Spielzeug noch eine Modesache, sondern Gemeingut des Volkes, und einer Gemeindebehörde komme nicht das Recht zu, sie selbstherrlich zu verballhornisieren. Eine scheussliche Verwirrung sei in den letzten Wochen in Biel eingetreten, die städtischen Funktionäre würden seit dem verhängnisvollen Erlass weniger auf den Inhalt der Akten sehen als auf die aufgezwungene Kleinschreiberei, und wenn es so weitergehe, so müsse man das Aergste befürchten.

Der Stadtpräsident bekannte resigniert, er sähe ein, dass die Kanzleien der Stadt Biel wohl doch nicht der geeignete Ort seien, um die deutsche Rechtschreibung umzumodeln, und im übrigen sei es leider wahr, dass man ein wenig eigenmächtig vorgegangen sei. Aber nachdem sich nun einmal die städtischen Beamten die Kunst des Kleinschreibens mit anerkennenswertem Eifer angeeignet hätten, sei es doch eigentlich jammerschade, wenn alle diese Mühe umsonst gewesen sei. Er, der Stadtpräsident, erlaube sich also einen Kompromissvorschlag zu machen: er bitte um eine Gnadenfrist bis zum 1. Juli dieses Jahres, um wenigstens seine Erfahrungen in Form eines Berichtes den übergeordneten Behörden mitteilen zu können.

Das war ein deutlicher Rückzug. Aber die Stadtväter liessen nicht locker. Bis zum 1. Juli sollte die gute Stadt Biel der gesamten Eidgenossenschaft Stoff zum Gelächter geben? Das wäre gelacht! Und so wurde ein gemeinsamer neuer Antrag eingebracht, die Kleinschreibung sofort, ohne Verzögerung, abzuschaffen.

Pariser Tageblatt, Nr. 123, 14. April 1934

 

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