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Wolf Schneider zum 85. Geburtstag

Es muss in den 1950er Jahren gewesen sein, als die Bundesbahn ihre Personenzüge umbaute und dabei die Abteile der 1. Klasse abschaffte. Die bisherige 2. Klasse wurde zur 1. Klasse erklärt, die bis dahin existierende 3. Klasse wurde zur 2. Klasse. Und über allem prangte die Überschrift: „Bundesbahn schafft 3. Klasse ab“. Was das mit dem 85. Geburtstag von Wolf Schneider zu tun hat, fragen Sie jetzt? Zugegeben: nichts.

Aber der Klassenkampf in den deutschen Zügen von anno Tobak war Gegenstand der ersten Nachrichtenübung, die Wolf Schneider uns, dem 11. Lehrgang der Hamburger Journalistenschule, vorsetzte. Und natürlich verhedderten wir uns alle heillos im Durcheinander des bundesbahnamtlichen PR-Geschwafels. Das war auch so beabsichtigt: Der Meister musste uns ja irgendwie klarmachen, dass wir zwar vielleicht auch schon im Leben vor dem Eintritt in sein Reich mit dem Schreiben unser Geld verdient haben mochten, dass aber der Weg zum richtigen Journalismus erst jetzt beginne.

Mehr als 20 Jahre ist das jetzt her, und Wolf Schneider hatte recht. Er piesackte uns über 18 Monate hinweg bis aufs Blut, ließ es nie sein Bewenden haben mit irgendwelchen scheinbar lässlichen Sünden gegen die deutsche Sprache. „Sind Sie böswillig oder einfach nur bescheuert?“ lautete die Frage, wenn mal wieder jemand zum dritten oder vierten Male gegen eiserne Regeln verstoßen hatte. Wenn jemand davon schrieb, dass bei einer Veranstaltung „über“ 100 Leute gewesen seien, wo es einzig heißen kann „mehr als“. Wenn einer im „letzten“ Jahr etwas geschehen ließ, das ja nur das „vergangene“ sein kann, weil es nach dem „letzten“ kein weiteres gibt.

Sie finden das kleinlich? Das taten wir auch. Am Anfang. Aber irgendwann machte es dann doch „Klick“, und bis heute achte ich peinlichst auf eben solche Kleinigkeiten. Denn sie bedeuten, dass der Schreiber den Text und damit den Leser ernst nimmt. „Qualität kommt von Qual“, war Schneiders Devise. Was heißt, dass der Autor einen ernsthaften, einen verantwortungsvollen Umgang zu pflegen hat mit Texten, mit Inhalten, mit Lesern. Die mehr als 700 jungen Leute, die bis 1995 durch seine Schule gingen, beherzigen dies im Alltag, die meisten jedenfalls: RTL-Nachrichtenmann Peter Klöppel gehört dazu, ebenso wie GEO-Chef Peter-Matthias Gaede, Axel-Springer-Lobbyist Christoph Keese, Frau-TV-Moderatorin Lisa Ortgies, China-Experte Henrik Bork oder die Chick-Lit-Queen Ildiko von Kürthy.

Wolf Schneider kam zur Hamburger Journalistenschule nach mehr als 30 Jahren im Beruf: Nach dem Krieg volontierte er bei der „Neuen Zeitung“, arbeitete für die Nachrichtenagentur AP und später für die Süddeutsche Zeitung. Es folgten Stationen beim STERN und als Chefredakteur der WELT – ein Job, den er verlor, als er nach dem Militärputsch in Chile einen Pinochet-kritischen Artikel ins Blatt hob. Moderator der NDR-Talkshow war er viele Jahre lang und schon damals und bis heute ein bienenfleißiger Verfasser von Sachbüchern mit einem illustren Themenspektrum, das von den letzten Stunden der Titanic bis hin zur Erforschung des Glücks reicht.

Und natürlich war immer wieder die deutsche Sprache sein Gegenstand. „Deutsch für Profis“ oder „Deutsch für Kenner“ sind Bücher, die wirklich Pflichtlektüre sein sollten für jeden, der schreibt oder Gesprochenes versendet. Konsequent deshalb auch sein Diktum, als ihm im Zuge der Diskussion um die Rechtschreibreform (er war dagegen) entgegengehalten wurde, dadurch würde es Schülern und Lehrern leichter gemacht: „Die deutsche Sprache ist nicht dazu da, um es Schülern und Lehrern leicht zu machen. Schüler und Lehrer sind dazu da, sich um die deutsche Sprache zu bemühen“.

Dieser polemische Gestus stößt so manchem auf. Arrogant sei Schneider, heißt es dann, er sei ein Zuchtmeister, ein Gardeoffizier der deutschen Sprache. Dazu erstens: Polemik ist empörte Wahrheit. Und zweitens: Bei seinen Sprach-Polemiken sucht Wolf Schneider sich ebenbürtige Gegner – die Leitartikler von Süddeutscher Zeitung oder FAZ etwa, oder die Sprachdompteure von Spiegel oder STERN. Was ihn unterscheidet von den Bastian Sicks der Welt, die sich Opfer suchen für ihre Belustigung. Und drittens: Ja, Wolf Schneider kann auf schockierende Art arrogant wirken. Weshalb es für seine ehemaligen Schüler stets sehr unterhaltsam ist, den Meister bei seinen Auftritten in diversen Talkshows zu beobachten, wenn er denn mal wieder ein Buch vorzustellen hat: Die mühsame Beherrschung der Gesichtszüge, wenn irgendein C-Promi sich in abstrusen Lebensphilosophien ergeht; das unterdrückte Donnergrollen bei der Beantwortung von läppischen Moderatorenfragen – großes Kino!

In den vergangenen Tagen rauschte es in der Blogosphäre, weil Wolf Schneider – in der Absicht, für sein neues „Deutsch für Profis“ zu werben, das sich an eben diese Internetschreiber richtet – in allfälligen Interviews lauthals verkündet, der größte Teil der Blogs seien Gewäsch. Und dann auch noch zugibt, dass er selbst nur via Ehefrau den Computer nutzt. Arrogant? Ja, sicher. Aber erstens hat er recht. Und zweitens: Der darf das.

„Auch die, die ihn hassen, tun dies auf Knien“, las ich irgendwo. Der Kniefall vor ihm käme mir nicht in den Sinn, aber ich gebe mit Freuden zu, dass ich Wolf Schneider ungeheuer viel zu danken habe. Was auf diesem Wege getan sei.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Meister. Und machen Sie noch viele Jahre weiter so!

Buchmarkt vom 7.Mai 2010 / Holger Ehling gratuliert seinem Lehrer an der Hamburger Journalistenschule zum Geburtstag.

www.buchmarkt.de/content/42558-wolf-schneider-wird-heute-85-jahre-alt.htm

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