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»Man muß etwas tun«
6.Tagung der Schweizer Orthographischen Konferenz

Am Donnerstag, dem 20. Mai 2010, fand in Zürich, Zunfthaus zur Waag, die sechste Tagung der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) statt. Mehr als 50 Teilnehmer aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland versammelten sich im Zunfthaus zur Waag, um gemeinsam die aktuelle Situation zu diskutieren und weitere Schritte zur Verbesserung der Lage abzusprechen. Mehr denn je besteht Handlungsbedarf zur Korrektur der Orthographieregeln. Die unübersehbare orthographische Verwahrlosung bei Publikationen aller Art kann nicht ignoriert werden. Journalisten, Schülern, Studenten — und zunehmend auch den Lehrern selbst — ermangelt es inzwischen an grundlegender Rechtschreibsicherheit. Der folgende Passus ist dem Einladungsschreiben der SOK wörtlich entnommen:

»Der Kompromiss, den der Rat für Rechtschreibung vor vier Jahren vorlegte, hat die Sprachrichtigkeit und Einheitlichkeit der Rechtschreibung nicht wiederhergestellt. Die Printmedien arbeiten mit Hausorthographien, wie sie im 19. Jahrhundert nötig waren. Viele Autorinnen und Autoren halten Abstand zu den neuen Regeln. Die Autoren Österreichs haben sich mit einem Vertrag gegen reformerische Eingriffe in ihre Texte geschützt. Der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) wird ihnen folgen. In der Schule schaffen die Reform und die verschiedenen Stufen ihrer Verbesserung Unordnung. Die Sprachsicherheit fehlt.«

Einführungsreferat


Nach Begrüßung und einführenden Worten durch die Gründungsmitglieder Peter Zbinden und Nationalrat Filippo Leutenegger wies der Gymnasiallehrer Stefan Stirnemann in seinem engagierten Fachreferat unter anderem auf die widersprüchliche Handhabung der Rechtschreibregeln hin. Die Rechtschreibpraxis bei Zeitungsverlagen, Buchverlagen und Herausgebern von Nachschlagwerken für Schulen wiche in einer unübersehbaren Anzahl von Schreibvarianten voneinander ab. Dasselbe Wort werde einmal so, einmal anders geschrieben. Das sei vor allem für Schüler verwirrend — Schüler seien ohnehin das schwächste Glied in der Kette. Zu ihren Lasten gehe die fehlende Sprachsicherheit. Es wüchse nunmehr eine Generation heran, die sich beim Schreiben ein Leben lang schwertun werde. Zwar seien heute immer mehr Personen dazu bereit, die Reform als mißglückt zu bezeichnen, der aus Ratlosigkeit geschlossene Kompromiß der Variantenschreibung sei nicht optimal. Doch ziehe man daraus eigenartige Schlüsse — zum Beispiel diesen: Immer weniger Personen beherrschen die herkömmliche Rechtschreibung, da die Alten wegsterben. Daher habe man sich eben mit der unbefriedigenden Lage abzufinden. Was für ein Argument! Der geneigte Leser möge diese (Un)Logik einmal probeweise auf andere Lebensbereiche anwenden.

Immerhin, und das mag trösten, sind nach rund 14 Jahren Erfahrungen mit dem Retortenprodukt »Rechtschreibreform« so gut wie alle Schriftschaffenden einhellig der Meinung, daß der jetzige Zustand nicht tatenlos hingenommen werden dürfe. »Man muß etwas tun.«

Psychologie der Unsicherheit: Vermeidungsverhalten


Für die deutschen Teilnehmer war die folgende, von mehreren Seiten bestätigte Aussage überraschend: Schüler und junge Leute in der Schweiz erledigten ihre Niederschriften neuerdings gern in Schwyzerdütsch, und zwar mit der Begründung, da könne man keine Fehler machen! Das ist psychologisch begründbar. Fehlende Homogenität und Vieldeutigkeiten sind dem menschlichen Handeln ein Greuel, denn sie erzeugen Ratlosigkeit und Unsicherheit. Unsicherheit ist ein emotional schwer erträglicher Zustand, den der Mensch fliehen möchte; deshalb entwickelt er Vermeidungsstrategien. Im Fall der verwirrenden Rechtschreibregeln heißt die Alternative Ausweichen oder Bleibenlassen. Man schreibt in einer anderen »Sprache« oder eben gar nicht mehr. Ein wahrer Pyrrhussieg der sogenannten Rechtschreibreform!

Die Podiumsdiskussion


An der Podiumsdiskussion, geleitet von Filippo Leutenegger, nahmen Nicole Pfister-Fetz (Geschäftsführerin des Verbandes Autorinnen und Autoren der Schweiz), Gottlieb F. Höpli (Präsident des Vereins Medienkritik Schweiz), Ludwig Laher (Vertreter der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen und Autoren und Mitglied des Rates für Rechtschreibung) und Prof. Dr. Dr. Rudolf Wachter (Sprachwissenschaftler an den Universitäten Basel und Lausanne) teil.-

Ludwig Laher betonte abschließend, daß die Variantenschreibung ein fauler Kompromiß sei, der irgendwann einmal zurückgenommen werden müsse. Im weiteren Gedankenaustausch wurde festgestellt, daß die Entscheidungen betreffs der Orthographiereform nicht die sprachliche Ebene betrafen, sondern politischer Natur waren. Der Sündenfall war die Einmischung des Staates. Den Gesichtsverlust für das in der Sache selbst gebotene »Zurück« wollte keiner der maßgeblichen Politiker hinnehmen. Bis heute sind deshalb die Dinge in der Schwebe, ist das Problem ungelöst und wird es bleiben, so lange sich keine Person oder Institution für eine Bereinigung der vielen Sowohl-als-auch einsetzt, mit der keine Sprachgemeinschaft auf Dauer glücklich wird.

Während Deutschland bezüglich der Orthographiemisere in eine Art resignierter Starre verfallen ist, in Österreich wenigstens die Autoren ihre (orthographischen) Urheberrechte einfordern, fungiert die kleine Schweiz als kräftiger Motor einer Basisbewegung, die zu retten versucht, was zu retten ist. In der SOK hat sich eine aktive Schar sprachbewußter und besorgter Personen zusammengefunden, die nicht nur Konferenzen und Tagungen ausrichtet, sondern Woche für Woche, Monat für Monat hinter den Kulissen unaufgeregt und zielstrebig auf eine Heilung der Orthographie hinwirkt. Die SOK leistet wertvolle praktische Arbeit — auf sprachlicher, institutioneller und politischer Ebene. Wir haben allen Grund, dem auf ehrenamtlicher Ebene tätigen Personenkreis dankbar zu sein! Die Zerstörung der Orthographie ist von oben befohlen werden — zu ihrer Rettung aber ist jeder einzelne von uns aufgerufen.

Karin Pfeiffer

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