Welten hinter den Worten

Die Tagungssprache im Elsass war Deutsch

“Werten, nicht abwerten. / Der Andere ist anders, jedoch nicht besser oder schlechter. / Poznawac, nie podbijac / Kazdy jest inny, wszyscy sa równi. / Langage voisin n’est pas langage étranger. / Au lieu d’être suspect, éprouver de l’amitié.“

Die Verse hallen nach im Gewölbekeller von Schloss K., wo deutsche, französische und polnische Jugendliche tagen. Vorne stehen sieben junge Leute, die ihr „europäisches“ Gedicht vorgetragen haben, das sie in einem Atelier über Kultur und Sprache verfasst haben. „Die Geschichte steckt noch sehr tief in uns“, sagt Mateusz K. Nicht ohne Grund sei das Polnische häufig sehr mehrdeutig. Das hänge mit der Geschichte zusammen, die geprägt war von Fremdherrschaft und Unterdrückung. Man konnte seine Meinung nicht frei äußern, woraus dann dieser ironische, mehrdeutige Ton entstand. „Wenn wir E-Mails schreiben, müssen wir Smileys verwenden, damit wir nicht falsch verstanden werden“, sagt Patrycja W., die ebenfalls aus Polen kommt. Dieselbe Aussage kann sowohl witzig als auch neutral, ja sogar bösartig sein.

Und die Franzosen? Es reicht nicht, nur den Kern einer Sache zu nennen, vielmehr wird die Kernaussage rhetorisch umspielt und verpackt. Daran wird die Liebe zur eigenen Sprache deutlich. „Den Deutschen fehlt dieses Selbstbewusstsein“, sagt Eva-Maria K., die das Atelier leitet. „Sie haben die Haltung, bloß nichts falsch zu machen.“ Aufgrund unserer schwierigen Vergangenheit trauten wir uns oftmals nicht, zu unserer Sprache und Kultur zu stehen und sie sogar schön zu finden. Da das Ziel des Treffens die Ausweitung der deutsch-französischen Freundschaft nach Polen ist, hat die Entscheidung, Deutsch als erste Sprache zu verwenden, hier fast schon symbolischen Charakter. Sowohl die französischen wie auch die polnischen Teilnehmer haben sehr gute Deutschkenntnisse, so sei die Tagungssprache sozusagen eine „natürliche Brücke“ zwischen Frankreich und Polen. „Sprache bedeutet Kultur, und das kann Englisch nicht ersetzen“, bekräftigt Justus L., der dieses Jahr gleichzeitig sein Abitur mit dem französischen Baccalauréat am Französischen Gymnasium in Berlin absolviert. Eva-Maria K. gibt zu bedenken, dass es „die Sprache hinter der Sprache ist, die uns den Nachbarn kennenlernen lässt“. Es reiche nicht aus, stur Vokabeln zu lernen und die Grammatik zu beherrschen. Es seien die Gesten, Rituale und Eigenheiten, die uns die Kultur eines Volkes vermitteln. So kann es durchaus sein, dass sich jemand mit geringen Sprachkenntnissen im Ausland sehr gut verständigen kann, wenn er sich bemüht, hinter die Besonderheiten der Kultur zu kommen. Jede Sprache hat ihre Eigenheiten. So sollte man in Polen zum Beispiel nicht über den Papst reden, und in Deutschland versucht man, Wörter, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden könnten, zu vermeiden. „Man muss die Unterschiede bemerken, sollte sie aber nicht bewerten“, meint Michal K. aus Warschau. „Nur wenn es Unterschiede gibt, wird es spannend“, fügt die Deutsche Marie S. vom Berliner Romain-Rolland-Gymnasium hinzu.
Julika B., Rosenstein-Gymnasium, Heubach.

Artikel in der FAZ vom 2. Dez. 2009, Nr. 280 (kleine Anpassungen skd).

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