„Faulheit ist das Letzte“

Scrab im Interview mit „Sprachpapst“ Wolf Schneider

Wolf Schneider weiß, was er will: Schüler sollen sich quälen, wer Germanistik oder Soziologie studiert, ist „töricht“ und ehemalige Auszubildende von ihm sagen, sie hassten ihn – aber auf Knien. Inzwischen ist Wolf Schneider 85 Jahre alt und fühlt sich damit offensichtlich im besten Alter, ein Buch mit dem Titel „Deutsch für junge [!] Profis“ zu schreiben. Das ist nicht sein erstes Buch – Bestseller produziert er seit über 50 Jahren. Während dieser Zeit war der passionierte Bergsteiger Korrespondent in Washington, Chefredakteur der „Welt“, Talk-Moderator im Fernsehen und Direktor der berühmten Hamburger Journalistenschule. Obwohl er keinen Computer anfasst und der Mehrheit der Blogger vorwirft, am Ruin der deutschen Sprache zu arbeiten, ist er wöchentlich im Internet mit seiner eigenen Videokolumne „Speak Schneider!“ zu sehen. Der große alte Mann des deutschen Sprachhandwerks gab sich die Ehre und nahm sich zwischen alldem die Zeit für ein Interview mit Scrab, der Jugendredaktion. Weit über 80 und kein bisschen leise: Wolf Schneider hat auch jungen Leuten etwas zu sagen.

Scrab: Herr Schneider, war früher alles besser?

Wolf Schneider (lacht): Nein! Manches war vielleicht besser, aber eine Erörterung darüber wäre ein langer Aufsatz, das kann man nicht in zwei Sätzen beantworten.

Scrab: Aber zumindest die Computerisierung beklagen sie.

Schneider: Doch das schon, sie bringt neben den vielen Vorteilen auch Nachteile. Es ist ja eine Erfindung, auf die kein Mensch gewartet hat und die die Menschheit vollkommen umstülpt. Ich habe gerade in der „Neuen Zürcher Zeitung“ darüber geschrieben und recherchiert, wie der Computer unser Gedächtnis zerfrisst. Die Dateien sind manchmal in wenigen Jahrzehnten schon kaputt. Während ein Buch noch 200 Jahre hält und Pergament 16000 Jahre, erleben wir heute, dass die ersten Fotos nach drei bis vier Jahren kaputt gehen, die letzten Festplatten nach 30 Jahren. Wenn Sie nicht laufend Schrift, Bild und Ton überspielen, das kostet immer Geld und Sie brauchen Termintreue, und das kostet immer Zeit, jedes Mal geht ein bisschen davon verloren, dann haben Sie in 30 Jahren überhaupt nichts mehr. Also unter diesem Aspekt – ich möchte vielleicht am Ende meines Lebens noch wissen, was ich am Anfang getan habe – ist der Computer eine unbeschreiblich idiotische Erfindung.

Scrab: Stört Sie als Sprachexperten die heutige Jugendsprache?

Schneider: Ich kriege die Jugendsprache allgemein eigentlich nur sekundär mit. Ich gehe hauptberuflich mit jungen Leuten um, im Durchschnitt mit 20jährigen. Ich unterrichte ja an drei Journalistenschulen in den drei deutschsprachigen Ländern. Deren Sprache bekomme ich mit, da geht es ein bisschen bergab mit Grammatik und Rechtschreibung. Sonst habe ich mit 17jährigen normalerweise nichts zu tun. Drei meiner Enkel sind in diesem Alter, aber die drücken sich manierlich aus.

Scrab: In ihrem neuesten Buch wenden Sie sich an „junge Profis“. Was müssen diese besonders beachten, was können sie von den Älteren lernen?

Schneider: Von Älteren lernen, meine ich, nicht so sehr, sondern der Generalansatz ist ja: Alle Leute, die schreiben, haben mehr oder weniger den Wunsch, auch mal gelesen zu werden. Es gibt sicher ein paar Tagebuchschreiber, ein paar Versponnene, die nur für sich selber schreiben. Aber im Allgemeinen will der, der schreibt, gelesen werden. Die Leute, die schreiben, haben aber meistens eine Erfahrung nicht, nämlich, es wird auf Erden viel mehr geschrieben als gelesen. Das war schon vor 100 Jahren so, Journalisten wissen das seit Jahrzehnten. Eine Zeitung wird nur zu höchstens 20 Prozent gelesen, manche Teile sogar nur zu fünf Prozent. Also, dass ich geschrieben habe, heißt noch lange nicht, dass ich auch gelesen werde. Diese uralte Einsicht wird nun durch Mail, Blog und Twitter bestätigt. Es wird ja zehnmal so viel geschrieben von viel mehr Leuten als vor 50 Jahren, und die Chance, dass die nun alle gelesen werden, ist noch viel geringer als die Chance eines Journalisten, gelesen zu werden. Das Nicht-Gelesenwerden ist der Normalfall, rein statistisch! Infolgedessen ist das, was ich seit Jahrzehnten predige, nämlich, wenn du gelesen werden willst, musst du dich plagen, musst du versuchen, die Ausnahme zu sein, in diesem Meer des Geschriebenen – das ist so wichtig geworden, wie es vor 30 Jahren, als ich mit der Journalistenausbildung anfing, noch nicht war. Insofern glaube ich, kann ich jungen Leuten etwas sagen: Plagt euch, von alleine läuft gar nichts; gutes und gern gelesenes Deutsch zu schreiben ist eine Kunst, und ich habe ein Dutzend Rezepte parat, wie man das anstellen soll.

Scrab: In diesem Buch äußern Sie sich positiv zum Phänomen „Twitter“, eher negativ zum Bloggen. Welchen Unterschied sehen Sie zwischen den beiden Kommunikationsformen im Internet?

Schneider: Twitter bietet einige Vorteile wegen der Kürze. Es wird natürlich Überflüssiges und Unnützes mitgeteilt, aber grundsätzlich ist Twitter kurz, und das ist schon mal etwas Gutes, verglichen mit Blogs von 5000 Wörtern, die man ja auch verdauen soll. Aber Blogging ist nicht unbedingt negativ, es ist halt schlechthin länger. Nicht alles, was mehr ist, ist besser. Wenn einer Unsinn schreibt, ist mir kurzer Unsinn lieber als langer Unsinn, und wenn einer etwas Gutes schreibt, ist mir ein kurzer, guter Text auch noch lieber als ein langer.

Scrab: Verfällt die deutsche Sprache durch die vielen Anglizismen? Welche Sprachveränderungen wird es in der Zukunft geben?

Schneider: Anglizismen schlechthin – das Wort lehne ich ab. Auch Sport, Start, Tipp und Bar sind englische Wörter, und wir erkennen sie gar nicht mehr als solche und benutzen sie selbstverständlich. Auch Training, flott, fit, Flirt und Sex. Aber es geht mehr um das Übermaß, es geht um die Tatsache, dass viele deutsche Firmen untereinander oder mit ihren Kunden überhaupt nur noch englisch verkehren. Ich fahre beispielsweise einen deutschen BMW und bekomme von meiner deutschen Firma eine Rechnung zugestellt als „BMW Services“. Ich habe in Spanien gelebt, und dort trauen die sich das niemals, dort werden die Spanier mit „servicio BMW“ bedient. Die Deutschen lassen sich das gefallen. BMW hat insofern recht – in Bezug auf die deutsche Sprache ist das deutsche Volk ein ziemlich dämlicher Volkskörper . Wir lieben unsere Sprache nicht. Man muss es natürlich nicht so weit treiben wie die Franzosen, die ihre Sprache ja mit Klauen und Zähnen verteidigen. Aber meine zehn Jahre in Spanien haben mich gelehrt, dass die Spanier ein vollkommen entspanntes Verhältnis zu ihrer Sprache haben, etwas Englisch hat einfach keinen Platz, und zwar ohne dass irgendwer es anordnet. Sie finden, Spanisch ist schön – und recht haben sie. Deutsch ist auch schön, aber viele Deutsche hören das nicht gern – eine unverständliche Entwicklung!

Scrab: Warum ist es überhaupt wichtig, die Sprache zu pflegen?

Schneider: Also erstens, seine Muttersprache zu pflegen, hat immer ein paar Vorteile, und dann ist die deutsche Sprache natürlich nach wie vor eine Kultursprache der Menschheit und eine Weltsprache obendrein. Wir sind Nummer drei unter den Sprachen, aus denen in andere Sprachen übersetzt wird, nach Englisch und Französisch. Wir sind Nummer zwei unter den Sprachen, in die übersetzt wird, nach Englisch. Wir sind also ein halbes Esperanto der Weltliteratur, und es wäre schade, wenn eine der großen Kultursprachen der Menschheit sich sozusagen selber aufgibt aus lauter Faulheit.

Scrab vom 31.Okt. 2010 (ohne Schluss der Befragung). Den ganzen Text lesen Sie hier >

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