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Zahlreiche Widersprüche

Der neue Duden unterläuft vielfach die Beschlüsse des Rechtschreibrates / Von Heike Schmoll

MANNHEIM, 21. Juli. An diesem Samstag wird die 24. Auflage des Rechtschreibdudens vorgestellt. Während der Duden bis zur Rechtschreibreform Sprachentwicklung beobachtet und in seinen Nachschlagewerken nachvollzogen hat, werden in dieser Auflage zum ersten Mal klare Empfehlungen gegeben. Der Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, ist der Überzeugung, damit einen „wichtigen Beitrag zur Vereinheitlichung der neuen Rechtschreibung zu leisten“. Die sogenannten Empfehlungen, die vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung häufig nicht den Beschlüssen des Rates für deutsche Rechtschreibung folgen, sind gelb unterlegt und als solche erkennbar. Zu Recht stellt Wermke im Gespräch mit dieser Zeitung fest, daß es noch nie so viele Varianten gab.

„Wir wollen diese Varianten nicht so stehenlassen“, begründet er die 3000 Empfehlungen des Duden und verweist darauf, daß der Rat kein Regelwerk beschlossen habe. Doch damit ist eine sprachbeobachtende Rolle des Rechtschreibrates ausgeschlossen. Er sollte ursprünglich nachvollziehen, was sich im Schreibgebrauch der kommenden Jahre unter den Schreibern durchsetzt. Nun hat die Duden-Redaktion versucht, das Ergebnis im voraus festzulegen. Offenkundig geht es darum, die Absichten der Reformer doch noch durchzusetzen.

Wer die Beschlüsse des Rates für deutsche Rechtschreibung kennt, wird leicht feststellen, daß sich der Duden in der Mehrzahl aller Fälle wenig darum kümmert, obwohl Redaktionsleiter Wermke im Rat mitgearbeitet hat. Wer sich die Duden-Orthographie zu eigen macht, muß wissen, daß er sich damit nicht auf der Grundlage der Beschlüsse des Rechtschreibrates bewegt. Denn der Rat hat es immer als wichtigsten Erfolg seiner Arbeit betrachtet, eine Vielzahl durchtrennter Wörter wieder zusammengefügt zu haben (bekanntmachen, halbtot). Dazu zählt auch die häufig genannte Unterscheidung zwischen „sitzenbleiben“ in der Schule und auf dem Stuhl „sitzen bleiben“. Das sei eine Privatmeinung des Vorsitzenden, sie entspreche nicht dem Rechtschreibrat, war bei der Duden-Redaktion zu hören. Zehetmair sagte dazu, wenn der Duden so argumentiere, weiche er nicht nur vom Rechtschreibrat ab, sondern schreibe auch falsch. Der Duden empfiehlt etwa bei der Getrennt- und Zusammenschreibung von Verben immer die Getrenntschreibung. (Fortsetzung Seite 2.)

„Die Grundregel, nach der zwei Verben getrennt geschrieben werden, ist so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen.“ Diese von der Dudenredaktion offenbar in der Annahme formulierte Regel, daß einfache Regeln das Erlernen der Orthographie erleichterten, hat erhebliche Auswirkungen auf die Wörterliste. Beispiele dafür sind „hängen bleiben“, „sitzen bleiben“, „kleben bleiben“, „laufen lassen“, „spazieren gehen“, „springen lassen“, „verloren geben“, „wissen lassen“.

Dasselbe gilt aber auch für die Verbindung von Adjektiv und Verb, bei der die Getrenntschreibung fast durchgehend empfohlen wird. Allerdings wird diese selbst im Duden nicht immer konsequent durchgehalten: „frei machen“ steht neben „freikratzen“, „nichtssagend“ neben „nichts ahnend“, „Leben spendend“ neben „todbringend“, „wohlriechend“ neben „übel riechend“. Während „alleinerziehend“ zusammengeschrieben werden soll, will die Duden-Redaktion „allein selig machend“ getrennt schreiben, während „allgemeinbildend“ ebenfalls in einem Wort empfohlen wird, soll „allgemein verständlich“ in zwei Worten geschrieben werden. Im neuen Duden finden sich viele Widersprüche.

Offenbar haben weder der Vorsitzende des Rechtschreibrates, Zehetmair, noch andere Ratsmitglieder von den Entscheidungen der Duden-Redaktion gewußt. Kritik am neuen Duden äußerte etwa ein österreichisches Ratsmitglied, das den Rechtschreibrat aufforderte, öffentlich zu erklären, daß er seine Absichten im Duden nicht wiedergegeben sehe. Jedenfalls trifft Zehetmairs Zusage an Zeitungen und Verlage, es werde eine Art „Hausorthographie von der Stange“ geben, nicht zu, wenn es darum geht, die Beschlüsse des Rates zu verwirklichen. Ob sich die Duden-Empfehlungen gegen die unvollständigen Reparaturversuche des Rates durchsetzen, hängt entscheidend davon ab, welche Orthographie Eingang in die automatischen Schreibhilfen, in Korrekturprogramme findet. Der Springer-Verlag, der schon zum 1. August umstellt, und die „Süddeutsche Zeitung“ werden nicht den Beschlüssen des Rates, sondern den Vorschlägen der Duden-Redaktion folgen und damit reformhöriger schreiben denn je.

Die Beschlüsse des Rates jedoch sind laut Beschluß der Kultusminister vom 2. März dieses Jahres vom 1. August an verbindliche Grundlage des Unterrichts an den Schulen. Das gültige Wörterverzeichnis sei im Internet zugänglich, hieß es damals bei der Kultusministerkonferenz (KMK). Bis zum 31. Juli 2007 werden Schreibweisen, die durch die Neuregelung (Arbeit des Rechtschreibrates) überholt sind, nicht als Fehler markiert und bewertet. „In Zweifelsfällen werden Wörterbücher zugrunde gelegt“, heißt es dazu im Beschluß der KMK. Doch die Auswahl des in den Schulen benutzten Wörterbuchs wird zu einem Politikum. Denn mit der Wahl des Wörterbuchs ist die Entscheidung für eine eher am Rechtschreibrat angelehnte Schreibweise (Wahrig) oder eine dem Willen der Rechtschreibreformer folgende Orthographie (Duden) verbunden.

Vor allem die Deutschlehrer sind nicht zu beneiden. Weder im neuen Duden noch im Wahrig werden sie die 1996 eingeführten und dann – teilweise klammheimlich in neuen Auflagen – korrigierten und bis 2004 geltenden Schreibweisen finden. Sie wurden in den Schulen zehn Jahre lang gelehrt. Diese Episode der Rechtschreibgeschichte wird ebenso totgeschwiegen wie die Entlassung der Zwischenstaatlichen Kommission. Die Lehrer sind deshalb darauf angewiesen, vorhergehende Wörterbücher (Duden in 23. Auflage oder Vorgänger des Wahrig) zu konsultieren, um in der Übergangsfrist zutreffend zu korrigieren.

Noch nie war der Variantenreichtum in der deutschen Rechtschreibung so groß wie nach der Reform der Reform, die daran krankt, daß der Rechtschreibrat seine Arbeit nicht abschließen konnte und etwa das wichtige Kapitel der „Laut-Buchstaben- Zuordnung“ nicht abhandelte. Für Rechtschreibanfänger und Ausländer, die sich tatsächlich dazu entschlossen haben, Deutsch zu lernen, bergen die Varianten kaum lösbare Schwierigkeiten. Denn die Beherrschung der Rechtschreibung gründete schon immer auf Analogiebildung. Dieses Prinzip versagt völlig, zumal niemand mehr weiß, welche Rechtschreibung nun gilt. Die des Rates, die des Duden, die des Wahrig?

Das Rechtschreibwörterbuch „Wahrig“ bildet die von den Kultusministern verordnete Schulorthographie und damit auch die Beschlüsse des Rechtschreibrates zuverlässiger ab als der Duden. Bei der Frage, wie zusammengesetzte Verben geschrieben werden, entscheidet sich die Redaktion des Wahrig eher für die Zusammenschreibung als für zwei Worte, das gilt übrigens für zweihundert Fälle, die selbst vor der Reform nicht in einem Wort geschrieben wurden (spielenlassen, platzenlassen, setzenlassen, steigenlassen, vermissenlassen). Aber auch der Wahrig kann die halbherzigen Schritte des Rates nicht besser machen, als sie sind. Jetzt rächt sich, daß der Rat sich nicht auf Empfehlungen einigen konnte und von der KMK unter Zeitdruck gesetzt wurde. Die Auslegung der Beispiele war den Wörterbuchredaktionen überlassen. Abweichungen waren deshalb unausweichlich. Die Arbeit des Rates ist auf Wunsch der Kultusminister nur unterbrochen worden, von einem Abschluß kann keine Rede sein, vielmehr hat der Vorsitzende wiederholt angekündigt, der Rat werde sich weiter mit strittigen Bereichen befassen. Im September findet die nächste Ratssitzung in München statt.

Politik Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2006, Nr. 168, S. 1

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