Plastikdeutsch und Nebelsprech

Wie amtliches Plastikdeutsch und politischer Nebelsprech in unseren Sprachgebrauch eindringen
Von Hermann Schreiber

Wenn der Spruch wahr ist, dass der Verderb der Sprache auch der Verderb des Menschen sei, dann müssen wir uns fragen: Was eigentlich verdirbt die Sprache?Falsche Grammatik? Ach herrje, wenn unsere Sprache das nicht aushielte, wäresie längst tot. Und die Klassiker, Goethe oder Kleist (um nur zwei zu nennen), könnten wir dann auch vergessen.

Vielleicht sind wir ja selbst die Verderber – zum Beispiel, indem wir gedankenlos das Plastikdeutsch nachplappern, das seinen Weg von den Erzeugern (und das sind keineswegs nur Politiker) auch in die Sprache der Nachrichtensendungen gefunden hat. Den „Stresstest“ zum Beispiel, angeordnet für Atommeiler wie für das Tiefbahnhofprojekt Stuttgart 21.

Das ist klassischer Nebelsprech. Wessen Stress wird denn hier getestet? An welchen Maßstäben wird er gemessen? Mit welchen Methoden? Die Veranstalterwürden wohl, wie die Mineralölindustrie, behaupten, sie hätten gar keinen Stress; für die Regeln sorge ohnehin der Markt. Wer den Stress der Betroffenentesten wollte, der bräuchte dazu eine Hundertschaft Polizei.

Warum sprechen Politiker, wenn sie ihre Wahlversprechen einzulösen behaupten, fast immer von „umsetzen“? Umsatz machen sie dabei jedenfalls nicht, allenfalls Schulden. Mich erinnert umsetzen eher an eine altmodische Schulklasse („Fritzchen, eins rauf mit Mappe“) oder an die „Reise nach Jerusalem“. Statt des ominösen Begriffs „umsetzen“ wäre ausnahmsweise mal das (meistens denglisch, mithin falsch, gebrauchte) „realisieren“ angebracht, also verwirklichen.

Kritik (besonders des politischen Gegners) wird von den Umsetzern grundsätzlich „zurückgewiesen“. Das nachrichtlich inflationäre „zurückweisen“ ist ein Plastikwort. Diese Zurückweisung soll offenbar eine Erörterung der Frage ersetzen, ob die Kritik richtig und also angebracht sei. Die Antwort darauf aber wäre die eigentliche Neuigkeit. Hellhörig werden sollte man auch, wenn Politiker etwas „immer schon gesagt“ haben. Es kann durchaus sein, dass diese Formulierung einen kompletten Kurswechsel vernebeln soll. Denn einensolchen geben Politiker nur sehr ungern zu.

Wir werden an alledem nichts ändern können. Aber wir können aufhören, den Nebelsprech auch noch nachzuplappern.

Hamburger Abendblatt vom 4.Juni 2011

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